Welt ohne Google
Zum Start der futurezone.ORF.at-Sommerserie "digitale Trichtergrammophone" geht Peter Glaser tief in sich, um eine Zeit heraufzubeschwören, in der Menschen sich noch vollständig auf andere Menschen verlassen mussten, wenn sie an relevante Informationen kommen wollten. Heldenhaften Programmierern gelang es, uns aus diesem finsteren Zeitalter zu befreien - mittels Unmengen von Koffein.
Es war in einer dunklen Vorzeit, als das Fernsehen nach Mitternacht noch sein Programm beendete ("Sendeschluß"), Telefone hießen damals noch Telephone und waren mit runden Wählscheiben ausgestattet, in die man seinen Finger stecken und drehen musste. Und es gab zwar schon ein Internet, aber noch keine Suchmaschinen.
Wer Anfang der 90er Jahre im Netz etwas finden wollte, musste vor allem auf seine Neugierde zurückgreifen - oder auf ein paar verstreute Listen. Sie wurden von digitalen Pfadfindern erstellt, die das unwegsame, frühe Netz durchstreiften und sammelten, was ihnen besonders gefiel. So konnte man interessante Dinge finden (die man meist gar nicht gesucht hatte).
Zur Person:
Peter Glaser, 1957 als Bleistift in Graz geboren, wo die hochwertigen Schriftsteller für den Export hergestellt werden. Lebt als Schreibprogramm und Ehrenmitglied des Chaos Computer Clubs in Berlin.
Angenehme Überraschungen
Für diese Art des Informationszugriffs gibt es im Deutschen kein Wort; im Englischen spricht man von Serendipity. Der Ausdruck wurde 1754 von dem englischen Schriftsteller Horace Walpole in einem Brief an einen Kollegen zum ersten Mal benutzt. Walpole erwähnt darin ein persisches Märchen mit dem englischen Titel "The Three Princes of Serendip", in dem drei Prinzen auf einer weiten Reise jede Menge unerwarteter Entdeckungen machen (Serendip ist die alte persische Bezeichnung für Ceylon, das heutige Sri Lanka).
Was es zu dieser Zeit allerdings bereits gab, waren spezielle Formen der Suche, die sich mit einem der mächtigsten menschlichen Antriebe verbunden hatten: der Faulheit. Eine der bemerkenswertesten dieser Listen im frühen Internet hieß "Interesting Devices Connected to the Net" (Interessante Geräte, die an das Netz angeschlossen sind), und einer der Einträge darin verwies auf eine Kaffeemaschine in England.
Überwachte Kaffeemaschinen
1991, als das World Wide Web gerade einmal eine Handvoll Computer miteinander verband, gab es im Computerlabor der britischen Universität Cambridge eine Gruppe von Netzwerktechnikern, von denen einige im sogenannten Trojan Room im zweiten Stock arbeiteten. Am Gang stand eine Kaffeemaschine von Krups. Die Wissenschaftler, die in anderen Teilen des Gebäudes untergebracht waren, mussten etliche Treppen steigen, um an die Kaffeemaschine zu kommen, und wenn dann kein Kaffee mehr in der Kanne war, war das enttäuschend. Also wurde - innerhalb eines Tages - eine technische Lösung entwickelt: XCoffee.
Der Informatiker Quentin Stafford-Fraser befestigte eine Videokamera an einem Retortenstativ neben der Kaffeemaschine, und sein Kollege Paul Jardetzky schrieb ein Programm, das alle 20 Sekunden ein aktuelles Bild der Kaffeekanne auf einen Server holte ("Nur Graustufen, wie der Kaffee"). Nun konnte man bequem von überallher den Füllstand der Kaffeekanne checken. Im Sommer 2001 sollte das Computerlabor umziehen und die Coffee Cam nach einem Jahrzehnt treuer Dienste abgeschaltet werden. Gekränkt stellte die Maschine bereits im Frühjahr die Arbeit ein. Bei einer nachfolgenden Auktion ersteigerte die Online-Redaktion des Hamburger Magazins "Der Spiegel" das Gerät für damals 10.452,70 D-Mark.
Koffein für Programmierer
Die Pionierleistungen auf dem Gebiet lagen da allerdings bereits fast ein Jahrzehnt zurück. Seit den 70er Jahren hatte es in der Abteilung für Informatik an der Carnegie-Mellon-Universität in Pittsburgh im US-Bundesstaat Pennsylvania einen Cola-Automaten gegeben, in dem die Getränke ein paar Cent billiger waren als anderswo auf dem Campus. Da echte Programmierer ohne Koffein nicht funktionieren, war der Automat ziemlich beliebt. In unregelmäßigen Abständen wurde er von Studenten nachgefüllt. Mitte der Siebziger wurde die Informatikabteilung erweitert und etliche Büros an Orte verlegt, die weit von dem Raum entfernt waren, in dem der Cola-Automat stand. Es war frustrierend, drei Stockwerke runterzulaufen, bloß um zu sehen, dass der Automat leer war oder man für sein Geld nur eine warme Cola bekam.
Im Jahr 1982 beschlossen die Studenten Mike Kazar, David Nichols, John Zsarnay und Ivor Durham, diesem Zustand mit modernsten Mitteln ein Ende zu bereiten. Sie installierten Sensoren in den sechs Automatenschächten und verkabelten sie mit dem Hauptrechner der Abteilung, einer Maschine namens CMUA. Einer schrieb ein kleines Programm, das anzeigte, wie viele Flaschen Cola in jedem der Schächte lagen und wie lange sie schon drin waren (das heißt, ob sie auch schon kalt genug waren). Das Programm benutzte für die Abfrage das Internet-Protokoll (IP), und als das Netz Mitte der 90er Jahre seinen Auftritt in der Öffentlichkeit hatte, begannen User aus aller Welt, den Füllstand des Cola-Automaten in Pittsburgh abzufragen.
Der Katze zuwinken
Sein Ende kam mit der Einführung der nicht mehr colaflaschenförmigen Plastikflaschen, mit denen die alte Maschine nicht umgehen konnte. Sie wurde durch einen neuen Getränkeautomaten ersetzt. Die Cola-Liebhaber an der Carnegie-Mellon-Universität hat das so verstimmt, dass sich bis heute keiner dazu durchringen konnte, den neuen Automaten ans Netz anzuschließen.
Ein weiterer Eintrag aus der Liste der "Interesting Devices" ist noch erwähnenswert. Er lautet "Paul's Hottub status" und verweist auf Paul Haas aus der Kleinstadt Ypsilanti in der Nähe von Detroit, genauer gesagt, auf Pauls Badewanne, die er ans Internet angeschlossen hatte, und auf seinen Kühlschrank, der gleichfalls online war. Der Kühlschrank, ein General Electric TB14SBM, gab darüber Auskunft, ob das Licht in seinem Inneren an war und ob eine von Pauls Diätcola-Dosen gerade gekühlt wurde. Das war damals fundamental neu. Es war cooler als die Erfindung des tiefen Tellers. Von der Badewanne aus konnte man Füllstand und Temperatur des gegebenenfalls gerade darin befindlichen Badewassers erfahren. Daneben hatte Paul noch eine Papphand an einem Elektromotor online, mit der man seinen beiden Katzen im Wohnzimmer unterschiedlich intensiv zuwinken konnte (die zurückhaltende Winkform war mit "royal" bezeichnet).
Pauls Website inspirierte im Frühjahr 1995 zwei Studenten, mit dem Aufbau eines umfangreicheren Verzeichnisses für bemerkenswerte Websites zu beginnen. Die beiden Studenten hießen David Filo und Jerry Yang, und ihr Verzeichnis heißt Yahoo.
(Peter Glaser)
