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Vom Internet-Hassbold zum Hippie 2.0

NETZTEILE
04.07.2009

Vieles im Internet ist einfach. Hass ist auch einfacher als Liebe. Kaum überraschend: Internet und Hass passen deshalb leicht zusammen. Muss aber nicht sein, sagen wir.

Das waren noch Zeiten, als wir nur den Beichtstuhl hatten und mit schwitzenden Händen vor einer höheren Macht unsere Sünden heruntergeleiert haben. Zumindest das geht heute einfacher. Der liebe Gott hat den Beichtstuhl inzwischen online stellen lassen; vermuten wir mal. Alles wird gut. Jetzt, da das Beichten so einfach ist, wird uns die Liebe im Netz überschwemmen. Allerdings zeigt eine nicht näher genannte Suchmaschine mehr als 6.5 Millionen Treffer alleine für "Hass" an. Von "Hate" wollen wir hier noch gar nicht reden. Gut, für "Liebe" wären es dann immerhin 79 Millionen. Dann ist das Internet doch ein Kanal der Barmherzigkeit.

Aber das stimmt alles so nicht, bekommen wir gesagt. Denn via BBC lässt uns das Simon Wiesenthal Center wissen, dass die Zahl der Hassseiten von Nazis und Terroristen im letzten Jahr um ein Drittel gestiegen sei. Merkwürdig, denkt man sich: Bush ist doch gar nicht mehr an der Regierung, und inzwischen sollte es auch der letzten Dumpfbacke in die Hirnerbse gesickert sein, dass Adolf Hitler und seine verblödeten Gesellen die waren, mit denen schon auf dem Schulhof niemand spielen wollte ... aber lassen wir das. Zwecklos.

Andererseits: Wenn es schon so viel Mist im Netz gibt, dann mosern wir einfach auch dagegen. Zensur findet nicht statt, das überlassen wir den Nachrichtenagenturen. Und notfalls können wir uns spätestens 2010 noch mehr mit Shooter-Spielen abreagieren. Und bis dahin sorgen wir uns um den Verlust des Guten im Internet und hoffen, dass wir mit mehr Menschen soziale Beziehungen aufbauen können als bisher. Dann holen wir auch die Hassbolde wieder in unsere Mitte. Via Internet.

Darum ging es doch in Web 2.0, oder? Dass wir alle total vernetzte Neo-Hippies werden und uns lieben. Egal ob mit Online-Gott oder ohne. Und dass wir das auflösen, was Hass auslöst, nämlich die Distanz.

Probieren wir es. Löschen kann man das alles dann immer noch. Liebevoll natürlich.

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(Harald Taglinger)