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Viral ist, wenn man trotzdem lacht

NETZTEILE
27.06.2009

Wir haben das mit dem viralen Marketing schon ganz vergessen. Zeit, dass wir uns wieder vor Augen führen: Das ganze Internet ist nur dazu da, uns mit Werbung abzufüttern. Reines URL-Placement, so ein Web.

Noch vor ein paar Monaten haben wir uns immer gefragt: "Mensch", haben wir uns gefragt, "woher hat eigentlich Kollege Obersteiger immer diese lustigen Bierwerbungen aus Kuklukstan?" Aus der einen Quelle alleine kann es ja nicht sein, das kannten wir ja schon.

Nein, es war Olga, seine Sekretärin, die auf seiner letzten Geschäftsreise in Osteuropa zu ihm gestoßen war. Und die schickte ihm immer diese netten kleinen Filmchen von sieben und mehr Megabyte zu. Und damit legte Obersteiger dann das Firmennetz lahm. Immerhin konnten wir alle lustigen Werbelieder für unaussprechliche Biersorten vor uns hinpfeifen. Aber Olga hat sich einen neuen Chef gesucht und Obersteiger eine neue Herausforderung. Die Finanzkrise.

Seitdem waren wir alle ein wenig irritiert, denn das virale Marketing schien zu versiegen. Bis neulich der Lehrling meinte, wir sollten uns nicht grämen. Das mit dem Internet sei doch eine einzige virale Nummer. Es geht doch nur um die Verteilerung und das Unterjubeln von Klicks. Ein einziges URL-Placement sei das Internet.

Ach so, haben wir gedacht. Aha, stimmt. Wer braucht schon Obersteiger und Olga.

Ständig suchen Blogger aus Werbegründen andere Blogger, und Videotechniker zeigen Videos über Videos an einem Werbevideo-Festival, vermutlich nur deshalb, um für ein Telefon zu werben, das jetzt auch endlich Video kann. Vermutlich ist das hier auch nur ein viraler Werbegag. Und wir glauben, es hat mit Wissen zu tun. Ach ja, die Weltherrschaft, übrigens. Die Weltherrschaft von Facebook oder Google dient nur einem viralen Zweck: Mehr Nutzer klicken auf mehr Werbung, weil sie den Jubel über ein neues Waschmittel nicht mehr von ihren Suchergebnissen oder dem Wochenende ihrer Schulfreunde unterscheiden können.

Und dabei dachten alle sozialen Netzwerker immer, sie seien aus Gründen des sozialen Selfmarketing im Web. Denkste. Da sieht Microsoft inzwischen alt aus. Ballmer will nur spielen und manchmal eine neue Version von Office verkaufen, das dann aussieht wie das vorherige. Oder schlimmer. Das ist nicht viral, das ist letztes Jahrhundert, denn wir schauen ständig auf etwas, das wie eine Schreibmaschine aussieht. Seit Jahrzehnten.

Insofern ist es schon fast wieder niedlich, wenn man Mash-ups findet, die 100 neue Ford Fiestas und deren Fahrten auf einer Karte einzeichnen. Das ist gleich zweimal alte Schule: klassischer Agenturen-Schnickschnack, teuer an einen Hersteller von amerikanischen Automobilen verkauft. Dagegen ist eine Schreibmaschine aus Seattle geradezu ein Traum an Innovation.

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(Harald Taglinger)