Als die Festplatten aus Papier waren
Im Jahr 1959 haben sich die "Lochkartentechniker" Österreichs zur nachmaligen "Arbeitsgemeinschaft für Datenverarbeitung" (ADV) zusammengeschlossen. Die Programmierer hießen "Schaltungstechniker", ihr primäres Speichermedium war gestanzter Karton.
"Damals wurden die Rechner ja noch nicht über Tastaturen, sondern mit Lochkarten programmiert. Jeder Programmierer hatte so ein Ladl mit Stapeln von Lochkarten für die Programmentwicklung. Na wehe, wenn so ein Stapel Karten hinunterfiel und die dann wieder sortiert werden mussten", erinnert sich Walter Konrath an die frühen 60er Jahre.
Konrath war damals Direktor bei Semperit und unter anderem auch für Datenverarbeitung zuständig. Das Hauptproblem sei gewesen, dass man bei Schwierigkeiten eigentlich nur die Computerhersteller selbst zurate ziehen konnte, so Konrath.
Außer man fand einen unabhängigen Kollegen aus der Branche, der ebenfalls mit demselben Problem zu kämpfen hatte. "So ein Gedankenaustausch war enorm wichtig, es war eine Form von Selbsthilfe," zumal man vom Hersteller ja nur "das Blaue vom Himmel" erfahren habe, nicht aber die Schattenseite des Produkts.
Lochkartentechniker
Im Jahr 1964 trat Semperit deshalb dem "Verein der Lochkartentechniker" bei, der gerade in "Arbeitsgemeinschaft für Datenverarbeitung" (ADV) umbenannt worden war. Dort hatten sich die Techniker der elektrisch-mechanischen Datenverarbeitung bereits 1959 zusammengeschlossen, um abseits der Hersteller quasi auf gleicher Augenhöhe über die wechselseitigen Probleme zu diskutieren.
"Da waren in der Regel 3.000 Lochkarten in einer Lade. Ein Programm durchlaufen zu lassen dauerte Tage", sagt Johann Gabauer, der "ja erst seit 1962 dabei gewesen ist und nur die allerletzte Zeit der Tabelliermaschinen erlebt hat". Begonnen hatte er als "Schaltungstechniker" für die französische Bull, der Begriff "Programmierer" war damals noch nicht gebräuchlich.
Tabelliermaschinen
Im Einsatz waren auch nicht "Computer", sondern "Tabelliermaschinen", die Lochkarten mechanisch-elektrisch abbürsteten, also einlasen. Die "Rechner" hatten zwar keinen internen Speicher, konnten aber bereits addieren, für komplexere Rechnungsarten mussten Lochkarten eingeschoben werden.
Die große Herausforderung für "Schaltungstechniker" war dann, die verschiedenen Kodiersysteme der Lochkarten kompatibel zu machen, unterschiedliche Tabulaturen, runde bzw. eckige Lochungen in differierenden Rastern waren dabei ein Hauptproblem.
Derlei zu lösen war eine der ersten Aufgaben Gabauers, der seit 1962 an Computern gearbeitet hat. Die Rechner kamen damals von General Electric, RCA und IBM und eben von Bull.
Die wichtigsten Aktivitäten der frühen "Peer-Group" ADV, die derartige Probleme unter einen Hut bringen musste, waren regelmäßige Informationsveranstaltungen zu Spezialthemen, die mehrmals jährlich stattfanden, alle drei Jahre aber gab es den internationalen ADV-Kongress.
Zum Jubiläum
Am Mittwoch geht im Wiener Rathaus der ADV-Kongress zum 50-jährigen Bestehen über die Bühne. Die Eröffnungsreden halten drei Universitätsprofessoren, den Ehrenschutz hat Bundespräsident Heinz Fischer inne.
Frühe EDV-Kongresse
"Da hatten wir immer zwischen 500 und 700 Teilnehmer, 100 Referenten aus 20 Ländern waren keine Ausnahme sondern die Regel. Die Konferenzunterlagen umfassten zwei dicke Bände", sagte Johann Kreuzeder, der in 32 Jahren als Generalsekretär der ADV über 2.000 Veranstaltungen mitinitiiert und -organisiert hat, zu ORF.at.
"Wir haben es damals sogar geschafft, Wissenschaftler aus der DDR und aus Ungarn nach Wien zu bringen", zudem seien die Kongresse immer auch ein gesellschaftliches Ereignis gewesen, mit illustren Referenten von amtierenden Ministern bis hin zu Kardinal Franz König.
Zur Diskussion standen längst nicht nur Spezialthemen, sondern ein "breites Themenspektrum in der EDV. Als ich 1977 bei der ADV angefangen habe, wurde zum Beipiel intensiv über die erste Fassung des österreichischen Datenschutzgesetzes diskutiert", sagte Kreuzeder.
"Das hamma gleich"
Für ADV-Mitglied Michael Schober fand die initiale Begegnung mit Datenverarbeitung im Alter von elf Jahren statt, als der Vater, ein EDV-Verantwortlicher, dem kleinen Michael die neuen IBM-360-Computer zeigen wollte.
Gegen 17.00 Uhr betrat man irgendwann um das Jahr 1970 ein Rechenzentrum in Wien-Meidling, wo zufälliger- oder bezeichnenderweise gerade ein Systemabsturz im Gange war. Ein Techniker sagte: "Das hamma gleich", dann waren er und Vater Schober bis in die Morgenstunden damit beschäftigt, die Systeme wieder in Gang zu kriegen und hochzufahren.
"Als wir um fünf Uhr morgens dann nach Hause kamen, hat uns meine Mutter vor der Tür erwartet. Sie war furios, weil ich in drei Stunden bereits wieder in der Schule sein musste", erinnert sich Schober.
Das Technische Museum Wien wird in diesem Sommer 100 Jahre alt. Während das Museum kein Problem damit hat, ganze Lokomotiven, Flugzeuge und einen riesigen Eisenschmelzofen zu sammeln, stellt die Digitaltechnik die Kuratoren vor ganz neue Herausforderungen.
30 Jahre ERP
In den dreißig Jahren, die er sich nun mit Enterprise Ressource Planning (ERP) beschäftige, also seit Beginn der Warenwirtschaftsplanung mittels Lochstreifenprogrammierung in BASIC, habe sich daran eigentlich nicht viel Grundlegendes verändert, sagte Schober.
Doch nun tue sich erstmals doch eine Neuerung auf, denn immer öfter werde zu den Stücklistenaufstellungen, die es seit der Erfindung des Rades gebe, also zu Einzelteilen, Werkstücken und Mengen ein neuer Faktor einbezogen.
"Die Integration des CO2-Footprints in die Ressourcenplanung ist ein strukturelles Novum", so Schober zu ORF.at. Es sei in der Tat seit der Steinzeit das erste wirklich ganz neue Datenbankfeld, das da angelegt werde.
Das papierlose Büro
Als Walter Konrath 1964 die Firma Semperit bei der ADV angemeldet hatte, war der Umstieg von Lochkarten auf elektronische Programmierung gerade voll im Gange.
Die Computerhersteller hatten da einen Slogan intensiv verbreitet: "Die Zukunft ist das papierlose Büro."
(futurezone/Erich Moechel)
