Caterina Fake: Die Krise macht kreativ
Mitten in der Finanzkrise startet Flickr-Miterfinderin Caterina Fake ihr neues Frage-Antwort-Portal Hunch. ORF.at befragte sie zu ihrem neuen Projekt und zu den Aussichten von Start-ups in einer Zeit ohne Risikokapital. Fake: "Gerade jetzt ist ein guter Zeitpunkt dafür, eine Firma zu gründen."
Am 15. Juni wird das Entscheidungsportal Hunch aus der geschlossenen Betaphase entlassen und allen Interessierten zur Verfügung stehen. Hunch ist das neueste Projekt von Caterina Fake, die im Sommer 2002 mit ihrem Ehemann Stewart Butterfield die kanadische Firma Ludicorp mitgegründet hat, aus der die bekannte Fotowebsite Flickr hervorgegangen ist.
ORF.at hat sich Hunch schon in der geschlossenen Betaphase genauer angesehen.
Im März 2005 verkaufte Ludicorp Flickr für 35 Millionen US-Dollar an Yahoo, und sowohl Fake als auch Butterfield wechselten zu dem Suchmaschinenkonzern, den sie aber Mitte 2008 wieder verließen. Danach startete Fake gemeinsam mit den beiden MIT-Alumni Tom Pinckney und Matt Gattis sowie dem Harvard-Absolventen Chris Dixon, der sich um die geschäftlichen Aspekte kümmert, die Website Hunch, deren Büros sich in New York befinden. Fake ist unter anderem im Vorstand des von Larry Lessig gegründeten Creative-Commons-Projekt tätig.
Hunch ermöglicht es seinen Usern, interaktive Frage-Antwort-Spiele zu beliebigen Themen anzulegen, die anderen Nutzern dabei helfen sollen, Entscheidungen zu treffen. Im Hintergrund "lernt" das System das Verhalten der User mit und versucht, ihnen stets Entscheidungsoptionen anzubieten, die zu ihrem Geschmack passen. Der Name "Hunch" bedeutet "Intuition".
ORF.at: Wie würden Sie Ihr neues Projekt Hunch beschreiben?
Caterina Fake: In aller Kürze: Hunch hilft seinen Nutzern dabei, Entscheidungen zu treffen, und je intensiver es verwendet wird, desto besser wird es dabei. Das System stellt dem Nutzer eine Reihe von Fragen und gibt ihm dann ein Ergebnis aus. Die Fragen können beispielsweise lauten: "Welche Kamera soll ich kaufen?", "Welchen französischen Nouvelle-Vague-Regisseur würde ich mögen?" oder "Was sollte ich in Wheeling, West Virginia, unternehmen?" Hunch lernt die einzelnen Nutzer mit der Zeit immer besser kennen und gibt ihnen dann genau auf sie zugeschnittene Antworten.
ORF.at: Ihr wohl bisher bekanntestes Projekt ist die Fotowebsite Flickr, die 2004 ans Netz gegangen ist. War es damals einfacher, ein Start-up zu gründen, als heute in der Finanzkrise?
Fake: Na ja, wir haben die Firma, aus der Flickr entstanden ist, bereits 2002 gegründet. Damals herrschte ein ähnliches Klima auf den Finanzmärkten wie heute. Der Technologieboom war zu Ende, und es gab kein Risikokapital. Wir hatten auch kein Glück dabei, Geld aufzutreiben, und wir waren kurz davor, den Laden dichtzumachen, als Flickr plötzlich Erfolg hatte. Ich glaube, gerade jetzt ist ein guter Zeitpunkt dafür, eine Firma zu gründen - Kreativität wird durch Einschränkungen nur beflügelt. Je weniger Geld du zur Verfügung hast, desto mehr fällt dir ein.
ORF.at: Es ist sehr schwer, ein nachhaltiges Geschäftsmodell für soziale Software wie Flickr, Facebook oder Hunch zu finden. Die Leute wollen sich im Netz treffen und dort diskutieren, aber sie lehnen Werbung und Data-Mining ab. Wie wollen Sie Hunch profitabel machen?
Fake: Hunch wird mit gesponserten Links Geld verdienen, das hat sich schon bei Suchmaschinen als robustes Geschäftsmodell erweisen. In Hunch gibt es allerdings nicht dieselben sozialen Features wie in Flickr oder Facebook. Hunch ist vom Konzept her insofern der Wikipedia nahe, als wir erwarten, dass nur ein kleiner Prozentsatz der Nutzer der Site auch zu den Inhalten beitragen wird. Man braucht sich auch mit niemandem anzufreunden, um von Hunch zu profitieren.
ORF.at: Was haben Sie aus der geschlossenen Betaphase von Hunch gelernt?
Fake: Wir haben festgestellt, dass Hunch zu Beginn zu stark auf US-Themen fixiert war. Dabei kamen bereits 25 Prozent unserer Nutzer aus Europa. Das war eine der wichtigsten Lektionen. Wir haben uns sehr darüber gefreut, dass Italiener dann Themen über italienische Universitäten angelegt haben oder Niederländer über Museen in Amsterdam. Wir haben auch das Anlegen von Themen verbessert und den "Workshop" eingerichtet, also eine Site, in der neue Themen angelegt werden können. Außerdem haben wir die Benutzerschnittstelle stark überarbeitet. Wir arbeiten eigentlich ständig an der Site weiter, um sie zu verbessern. Unser wichtigstes Instrument dabei sind die Erfolgsquoten, die uns anzeigen, wie zufrieden die Nutzer mit den Antworten sind, die sie bekommen haben.
ORF.at: Ist schon absehbar, bei welchen Themen Hunch am besten funktioniert?
Fake: Da warte ich noch ab. Das Schönste am Gestalten neuer Produkte ist doch, dass man nicht genau vorhersehen kann, wie sie verwendet werden.
ORF.at: Google und Yahoo haben Frage-Antwort-Dienste auf den Markt gebracht, die gescheitert sind. Warum, glauben Sie, wird Hunch mehr Erfolg haben als, sagen wir, Google Answers?
Fake: Als ich noch bei Yahoo angestellt war, habe ich an Yahoo Answers mitgearbeitet, und es ist nach wie vor eines ihrer beliebtesten Produkte. Google Answers ist geschlossen worden. Aber beide Dienste unterscheiden sich stark von Hunch. Hunch begleitet seine Nutzer entlang von Entscheidungsbäumen und gibt ihnen individuelle Antworten, die es sonst niemand anderem geben würde. Ein weiterer wichtiger Unterschied besteht darin, dass ein Nutzer ein Thema erstellen kann, von dem dann Tausende andere User profitieren können, und dass das System so gestaltet wurde, dass jeder Informationen beitragen kann, die Hunch ein kleines bisschen besser machen. Das ist wie in der Wikipedia. Die Frage-Antwort-Dienste, die Sie erwähnt haben, sind ganz anders aufgebaut.
ORF.at: Die Daten, die aus den Entscheidungsprozessen bei Hunch generiert werden, könnten für die Anbieter von E-Commerce-Anwendungen und Suchmaschinen wertvoll sein. Haben Sie vor, diese Daten zu vermarkten?
Fake: Hunch finanziert sich durch gesponserte Links. Wir haben kein Interesse daran, Daten zu vermarkten oder zu verkaufen. Hunch kann nur dann funktionieren, wenn die Nutzer dem Dienst vertrauen. Das ist genau wie bei Flickr oder jedem anderen Dienst, dem man seine Daten anvertraut.
(futurezone/Günter Hack)
