© Screenshot: La Molleindustria, McDonald's-Game von La Molleindustria

Computerspiele gegen den Mainstream

RADICAL GAMES
25.07.2009

Mit seinem McDonald's-Game und Titeln wie "Tamatipico" und "Faith Fighter" sorgt das Independent-Games-Kollektiv Molleindustria international für Aufregung. Im Gespräch mit ORF.at erläutert dessen Gründer Paolo Pedercini sein Ziel, mit kostenlosen Online-Spielen gesellschaftliche Zustände zu hinterfragen, und lotet aus, wo die Grenzen der Unterhaltung sind.

Molleindustria bedeute übersetzt so viel wie "Soft-Industrie", wie "Soft" in Software, sagt Pedercini. Der Name des international besetzten Programmierer- und Designerkollektivs beziehe sich auf das "Wissenskapital der postindustriellen Gesellschaft", so der Gründer der Initiative.

"Wir glauben, dass jedes Spiel in einem gewissen Maße politisch ist, weil es Produkt einer kulturellen Ausprägung der Gesellschaft ist", so Pedercini. So sei in allen Spielen eine Aussage zu finden, und diese sei keinesfalls ideologisch und politisch neutral.

Arbeiter als Tamagotchis

Auch Molleindustria transportiere mit seinen Online-Spielen eine Nachricht, indem heikle gesellschaftspolitische Themen mit Absicht sehr übertrieben dargestellt und öffentlich diskutiert würden. Dem Kollektiv gehe es darum, damit gegenwärtige Zustände zu hinterfragen.

Den Auftakt der 2004 gegründeten Spielewebsite bildete "Tamatipico". Angelehnt an Tamagochis, betreut der User einen virtuellen "Flexworker", der arbeiten und schlafen, sich aber auch vor dem TV-Gerät amüsieren will. Das Spiel stellt eine "virtuelle Parodie" auf die Ausbeutung und Kontrolle von Arbeitern dar.

Inspiriert von TV-Piratensendern

Inspirieren ließ sich das Kollektiv von der Street-TV-Bewegung in Italien. "Zu Beginn des Jahres 2000 gab es viele Experimente im Bereich Neue Medien", so Pedercini. Hinzu kam das Problem mit Ministerpräsident Silvio Berlusconi, "der im Grunde genommen alle TV-Kanäle in Italien kontrolliert".

Ähnlich wie die Aktivisten der Street-TV-Bewegung, die mit kleinen lokalen Piratensendern Community-basierte Shows produzierten, beschloss Molleindustria, Flash-Spiele zu programmieren, die über das Internet "viral" verbreitet werden können. Die Spiele sind kostenfrei zu benutzen. In der Regel werde die Creative-Commons-Lizenz angewandt, so Pedercini, "wenn jemand den Source-Code haben will, dann können wir den auch zusenden".

Auf der Suche nach der gestohlenen Zeit

Die kommerziellen Mainstream-Spiele würden sich dadurch auszeichnen, dass sie oft militaristisch, klischeehaft, manchmal auch sexistisch und vor allem konsumorientiert seien. Darüber hinaus seien sie bewusst "abhängig machend" konstruiert.

Molleindustria ginge es vor allem darum, diese kommerziellen Mainstream-Spiele zu hinterfragen. "Wir versuchen, Spiele zu machen, die man in zehn bis 15 Minuten spielen kann", erklärt Pedercini. Die Regeln seien bewusst sehr einfach gehalten und schnell zu erlernen. Die Hauptzielgruppe seien Gelegenheitsspieler. Zudem würden die Spiele nicht abhängig machen, "denn wir machen uns Sorgen darüber, wie die Menschen ihre Zeit verbringen".

Das McDilemma

Das wohl bekannteste Spiel von Molleindustria ist das McDonald's-Game. Der Spieler ist für die Profitmaximierung des Unternehmens verantwortlich: beginnend bei Sojaanbau und Rinderzucht über die Schlachtung und Burger-Produktion bis hin zum Verkauf und notwendigen Werbestrategien. Dass die Fütterung von Tiermehl Profite bringen kann, jedoch auch die Gefahr der BSE-Erkrankung besteht, lernt der User sehr schnell. Eine Herausforderung ist wohl auch die Motivation der Mitarbeiter, die schnell Erschöpfungsmerkmale aufweisen.

Ärger mit der katholischen Kirche

Die Fastfood-Kette habe mit dem Online-Spiel kein Problem. "Ich glaube, sie mögen es, das Spiel wurde in neun Sprachen übersetzt", sagt Pedercini. Für Aufregung im katholischen Italien sorgte hingegen "Operation Pedopriest", ein Spiel über pädophile Priester. "Jeder weiß, dass es solche Missbräuche gibt, aber der Vatikan will das nicht zugeben und deckt die Priester", erläutert Pedercini.

Die Missbräuche seien in einer sehr "abstrakten cartoonischen Form" dargestellt, was weniger für Aufregung sorgte. "Viel mehr wurde den Menschen damit bewusst, dass so etwas aktuell passiert", so Pedercini. "Wir wollten sehen, wo die Grenzen der Unterhaltung sind, wenn du Spaß hast, solch ein Spiel zu spielen", sagt Pedercini. Das Thema sei sehr spaltend gewesen, "die Leute waren sich da nicht mehr so sicher".

Kritik an religiös motiviertem Hass

Für eine heftige Diskussion habe auch das Spiel "Faith Fighter" gesorgt, in dem die Vertreter der Weltreligionen - Mohammed auf Wunsch auch zensuriert - gegeneinander antreten. Ausgelöst wurde die Diskussion durch eine britische Zeitung, die meinte, dass das Spiel den "gegenseitigen religiösen Hass" schüren würde.

"Wir haben ihnen erklärt, dass die Provokation nicht beabsichtigt war und wir keine Diskussion damit anheizen wollten", so Pedercini. Mittlerweile ist auf der Website "Faith Fighter II" abrufbar. Im zweiten Teil geht es nun darum, die Religionsstifter und Götter "zu lieben" anstatt zu bekämpfen.

Independent Games

Pedercini spielt gerne am Computer. Der Programmierer empfiehlt die Sieger des jährlich stattfindenden Independent Games Festivals in den USA, die zumeist sehr gute Spiele kreiert haben, jedoch außerhalb der Szene nahezu unbekannt sind.

Ausbeutung im Internet

Die Programmierer der Independent-Games-Szene arbeiten zumeist ökonomisch unabhängig. "Aber auch wenn du mit der Creative-Commons-Lizenz arbeitest, ist da immer jemand, der das gemeinsame Produkt ausbeuten will", meint Pedercini. Gemeinsam mit einer spanischen Gruppe sei das sehr abstrakte "Free Culture Game" entstanden, das sich mit dem Ideenklau der Kreativen auf dem Markt auseinandersetzt.

So gebe es von Chiquita ein Spiel, das dem McDonald's-Videogame sehr ähnlich sei. "Wenn du im Internet arbeitest, produzierst du Content und nutzt die Infrastruktur. So sind wir alle Teil dieser Wirtschaft", erklärt Pedercini, "auch wenn du freien Content produzierst." Das sei der übliche Vorgang, wie die Wissensindustrie arbeite.

Ideen für neue Spiele

Mittlerweile sind es elf Spiele, die es auf der Website von Molleindustria angeboten werden. Das Kollektiv habe bereits Ideen für neue Spiele. "Wir haben ein paar Projekte laufen", so Pedercini, der auch beruflich als Programmierer und Designer arbeitet. Worum es genau gehen wird, wollte er jedoch noch nicht verraten.

(futurezone/Claudia Glechner)