© Fotolia/pressmaster, Geschäftsmänner geben sich die Hand

Neue Konzepte für Vertrauen im Netz

KONGRESS
24.05.2009

Dass viele Politiker das Internet nur noch als Tummelplatz für Pädophile und Medienpiraten verdammen und entsprechend restriktive Gesetze verabschieden, geht mittlerweile auch großen IT-Unternehmen wie Microsoft und Gemalto zu weit. Auf dem jüngsten Internet-Gipfel der EU in Prag stellten sie neue User-zentrierte Konzepte vor, die das Vertrauen in das Internet als Wirtschaftsraum stärken sollen.

Am Sonntag in Ö1-"matrix"

Mehr zum Thema hören Sie am Sonntag, dem 24. Mai 2009, um 22.30 Uhr im Ö1-Netzkulturmagazin "matrix".

Vom 10. bis zum 13. Mai fand im Kongress Hotel Clarion in Prag die EU-Konferenz Future Internet statt. Es war eines der letzten großen Treffen in Prag während der tschechischen EU-Präsidentschaft - am 1. Juli übernimmt Schweden den Vorsitz. Politiker waren ebenso anwesend wie Vertreter aus Computerindustrie und Wissenschaft.

Sie waren nach Prag gekommen, um über die Zukunft von Netzwerken zu diskutieren und die Forschungsausrichtung der Europäischen Union festzulegen. Die Themen reichten von der zukünftigen Architektur der Netzwerke, über Identität, Sicherheit und Vertrauen stärkende Maßnahmen im Netz bis hin zur Zukunft von "Services" im World Wide Web.

Verunsicherung durch Kriminalisierung

In Zukunft, so der Konsens in Prag, müsse man mehr auf die Bedürfnisse der User eingehen. Die Pauschalverurteilung der Nutzer durch Musikindustrie und so manche Regierungen sei da kontraproduktiv und führe nicht zu einer Verbesserung der Situation. Ganz im Gegenteil. Schließlich brauche man für die weitere Entwicklung des Wirtschaftsraums Internet nicht Kriminelle, sondern Konsumenten.

Xavier Larduinat, Leiter der Abteilung strategisches Marketing der Firma Gemalto, die Sicherheitslösungen für das Leben im Netz anbietet, betont etwa, dass man zwar Gesetze brauche, die dafür sorgen, dass Besitz im digitalen Raum akzeptiert wird, aber diese Diskussion nicht am Beispiel der Musikindustrie geführt werden könne. Diese Branche sei nur am Erhalt ihrer alten Geschäftsmodelle interessiert und habe mit der Konstruktion eines künstlichen Mangels selbst zu ihrer derzeitigen Misere beigetragen. "Die Menschen kauften iPods, und die Musikbranche reagierte darauf, indem sie neue CDs herausbrachte", so Larduinat.

Vertrauen mit Microsoft

Xavier Larduinat stellte in Prag gemeinsam mit Vertretern von Philips, Microsoft und Nokia eine neue Initiative vor, die sich "Trust in digital Life" nennt. Die Initiative ist nicht die erste, die in diesem Zusammenhang gesetzt wird. Microsoft zum Beispiel holte sich mit seinem Vorschlag für "Trusted Computing" bereits vor sieben Jahren eine blutige Nase.

Damals präsentierte die Software-Firma ihre Vorstellung von "Trusted Computing" unter dem Namen "Palladium". Das weckte seinerzeit Befürchtungen, dass Microsoft damit das Ende der freien Software-Entwicklung einläuten wolle. Kritiker befürchteten, dass Microsoft versuchen könne, den Usern vorzugeben, welche Programme auf ihren Rechnern laufen dürfen und welche nicht.

Der Nutzer im Mittelpunkt

Es ist Bürgerrechtsbewegungen wie der Electronic Frontier Foundation [EFF] zu verdanken, dass dieser Plan zurückgezogen wurde und die Industrie anfing das Wort "trust" ein wenig differenzierter zu betrachten. Bei der neuen Initiative namens "Trust in Digital Life" soll Microsoft seine Expertise im Bereich Identifizierungssysteme einbringen. Das ist das Fachgebiet von Kim Cameron, der sich seit Jahrzehnten mit dieser Frage beschäftigt - lange bevor sein Unternehmen von Microsoft aufgekauft und er dort zum "Chief Architect of Identity" wurde.

Cameron: "In der Vergangenheit haben wir das Individuum, wenn Sie so wollen, einfach ignoriert. Das System wurde allein so konzipiert, dass damit Informationen bestmöglich hin und her geschoben werden konnten. Der User selbst spielte dabei überhaupt keine Rolle. Der Schwerpunkt unserer jetzigen Forschungsarbeit muss daher lauten: das Verhalten der Menschen zu verstehen, die das System benutzen. Wir müssen dafür Sorge tragen, dass wir die Bedürfnisse der User berücksichtigen und darauf aufbauend unser System entwerfen. Nur so können wir gewährleisten, dass sich ein User auch sicher fühlt. Dieser Ansatz macht einen großen Unterschied zu früher aus."

Dezentrales Identitätsmanagement

Es gebe weder den perfekten Menschen noch eine perfekte Lösung für alle Probleme, betont Kim Cameron. Bereits vor einigen Jahren publizierte er seine Ideen zum Thema digitale Identifizierung. Nachzulesen sind sie auf identityblog.com, wo er unter anderem seine "sieben Gesetze zur Identität" publizierte. Heute verwendet er das Wort Identität nur noch selten, sondern spricht lieber über "Claims". Was auf Deutsch so viel bedeutet wie Anspruch, Anrecht.

Cameron: "Werfen Sie einen Blick in Ihre Tasche. Darin befindet sich wahrscheinlich eine Brieftasche mit allen möglichen Karten. Was sind diese Karten? Jede von ihnen gewährt einen bestimmten Anspruch. Sie kommen auch nicht alle von einer wie auch immer gearteten zentralen 'Abteilung für Identität'. Die eine stammt von ihrer Bank, die andere von Ihrem Kreditkartenunternehmen und eine weitere von Ihrer Regierung. Sie haben vielleicht eine Karte, die Sie als Journalistin identifiziert und Ihnen die Tür zu bestimmten Veranstaltungen öffnet. Das sind für mich "Claims".

Prädigitale Marketingmanöver

In der realen Welt ist es weder notwendig noch gesetzlich vorgeschrieben, sich immer mit Angaben von Nationalität, Geburtsdatum und Geschlecht vorzustellen. In der physischen Welt gibt es Regeln, die vorgeben, welche Daten zur Bewältigung einer bestimmten Situation notwendig sind und welche nicht.

Im Netz hingegen entwickelte sich in den letzten Jahren die Tendenz, weit über das Ziel hinauszuschießen. Abgefragt wird, was Programmierern und Marketingabteilungen dazu einfällt. Vieles, so Cameron, passiert nach dem Schema: Lass' uns ein paar Fragen mehr stellen. Es könnte ja sein, dass wir diese Informationen irgendwann gebrauchen könnten. Das sei der Stil der 1990er Jahre, heute sei dieser Ansatz als ein Überbleibsel der "prädigitalen" Zeit zu werten.

(matrix/Mariann Unterluggauer)