Guantanamo-Strampelanzug für Trolle
Ein US-Gesetzesentwurf soll dafür sorgen, dass finstere Netzbolde bestraft werden, die jemanden online unter "emotional distress" bringen. Das Gesetz ist extrem vage formuliert und eröffnet dem Kenner neue Möglichkeiten, Miete zu sparen und den Boss loszuwerden.
Mal wieder Lust, so richtig schön hinter Gitter zu kommen? Mit Overall in patentiertem Guantanamo-Orange und bösem Buben als Zellengenosse? Kein Problem. Passend zur Saison hat die kalifornische Demokratin Linda Sanchez im April einen Gesetzesvorschlag eingebracht. Der soll verhindern, dass Menschen im Internet böse zueinander sind. "Coerce, intimidate, harass, or cause substantial emotional distress to a person", wie es so schön heißt.
Sie lachen über die seltsamen Amis? Im Zeitalter der Globalisierung könnte so ein Gesetz schnell einmal zum Einmarsch amerikanischer Eingreiftruppen in Klagenfurt führen, sollte man es wagen, digital einen US-Bürger zu schockieren.
Aber was mag das nur bedeuten: einen Mitmenschen im Netz zu beleidigen und ihn emotional unter Stress zu setzen? Mhm, wahrscheinlich nichts und alles Mögliche. Da lassen sich ja herrliche Interpretationen finden. Nur die Bibel gibt einem da noch mehr Spielraum. Wahrscheinlich wird das F-Wort schon bald gar nicht mehr auf Google zu suchen oder finden sein. Kalifornien ist heute schließlich überall, und man kann schon den Anblick des Worts niemandem mehr zumuten.
Oder aber Frau Sanchez vom Repräsentantenhaus meint es gut mit uns und will die Kerle von Musiksendern hinter Gitter bringen, die uns mit schnell geschnittenem Kram via Videos auf dieser Pleiteplattform plagen. Ach halt, dagegen gibt es ja bereits ein Mittel.
Oder sie hat diejenigen im Visier, die uns immer noch phishen und exploiten. Wer da nicht "F..." schreit und dann damit seine zarte Seele zerdrückt, der muss ein Unmensch sein. Am besten auch gleich mit in den Häfen.
Abgesehen von berühmteren Zeitgenossen, die sich nicht einmal eine Mail selbst zustellen können, ergibt sich durch Selbstbeleidigung via Internet ein ganz neuer Zweig der Selbsteinlieferungsindustrie. Schnell eine paar Zeilen von unglaublicher Härte und Widerwärtigkeit an mich selbst geschrieben, daran verzweifeln, und schon gibt es freie Kost und Logis im kalifornischen Privatknast-Ambiente.
Und wenn man die dreckige Arbeit nicht selbst erledigen will, dann genügt auch immer noch ein Mail-Forward an den Chef mit der Bitte, die "verf..." Frage zu beantworten. Kein Chef liest wirklich E-Mails seiner Teammitglieder. Und deshalb kann man alles unter seinem Satz "Let us talk about this during our meeting" getrost als gesendete Beleidigung sofort zur US-Human-Resource-Abteilung tragen und die Verhaftung des Kerls oder am besten gleich beider Schreiber verlangen. So ist man in der Zelle nicht alleine und kann das nächste Meeting ein paar Jährchen länger dauern lassen.
Aber wir wissen, dass Frau Sanchez das alles gar nicht so gemeint hat. Nur: Wie sie es gemeint haben könnte, das können wir nicht einmal ahnen. So viel Ungewissheit ist schon anspannend, emotional.
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(Harald Taglinger)
