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Darkroom Internet

NETZTEILE
02.05.2009

Wenn der Fleischhauer vor dem Verkauf einer Leberwurst den biometrischen Pass sehen will, dann nennt man das Leben im 21. Jahrhundert. Aber einmal ehrlich: Es ist nicht immer schlimm, im Dunkeln zu tappen, schon gar nicht mit der Maus.

Da kommt dann also einer daher, der vor ein paar Jahren im Nachbarland noch zu fast 97 Prozent schützenswert gewesen wäre. Der kommt also mit seinen 18 Jahren daher und programmiert eine Anwendung, auf die Zuckerberg von Facebook gerne gekommen wäre.

Bisher muss man sich für Online-Chats nämlich diese lästigen digitalen Freunde suchen, die man womöglich aus dem richtigen Leben kennt. Um sich auszumalen, wie peinlich das sein kann, braucht man sich nur folgenden U-Bahn-Dialog vorzustellen:

- "Sie sind doch Lederschlampe0666."

- "Nein, ich fungiere als Rammler67."

- "Ach so, entschuldigen Sie bitte, ich habe Sie mit meiner Handarbeitslehrerin verwechselt."

Auf die Dauer kann daraus nichts werden.

Keine Freunde

Bis eben ein Mann namens Leif K-Brooks daherkommt und Omegle.com gründet, ein Chat-Service, das wie ein Darkroom für Mental-Exhibitionisten funktioniert. Darin passiert das Ungeheuerliche. Nein, nicht Sex, wir sind nun mal im Internet. Vielmehr sprechen Fremde mit Fremden. Wer hier nach Nähe sucht, wird systematisch enttäuscht, denn nach nur wenigen Minuten Chat zappt ihn die Plattform auf den Bildschirm eines anderen Fremden. Da gibt es keinen Knopf mit der Aufschrift "Accept Friendship". So, als würde man in der U-Bahn plötzlich von wildfremden Leuten wissen wollen, wie denn ihr Tag so gewesen ist. Soziales Bungee-Jumping also.

Keine Ordnung

Neu aufgetauchte Hintergrundbilder für Windows 7 belegen: Das Internet kann entsetzlich bunt und merkwürdig freundlich sein. Es kann voller grässlicher Zeichen sein, die rückwärts gespielt sofort das Mauspad zerfressen oder das DVD-Laufwerk für immer zum Schweigen bringen. Es kann nicht alles, so wie das Firefox-Logo, aus einer Kinderbibel stammen. Nein, das Netz wird niemandem je bekannt sein. Dazu ist es zu groß und ungoogelbar. Und deshalb bleibt es unbekannt. Wenigstens etwas, das nicht vermessbar und in Ordnung zu bringen ist.

Kein Seitensprung

Es ist doch langweilig, immer nur über die gleichen sechs blonden Partyschlampen und Seitenspringer zu brabbeln. Gefährlich und voller Piraten ist die Welt nicht erst seit gestern. Also nichts wie rein in das große Unbekannte. Es wird ja höchstens 62.000 Dollar und nicht gleich das Leben kosten.

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(Harald Taglinger)