© Foltolia/Dreadlock , Skyline von Budapest

Die Budapester Ideenküche

ENTWICKLER
26.04.2009

Mit der PowerPoint-Alternative Prezi und smarten Kunstprojekten hat sich das Medienlabor Kitchen Budapest weltweit ins Gespräch gebracht. Die Kitchen ist ein Freiraum, in dem Programmierer, Designer und Künstler daran arbeiten können, neue Ideen zu verwirklichen.

Das Massachusetts Institute of Technology (MIT) hat eines, ebenso die Linzer Ars Electronica und seit gut anderthalb Jahren auch die Magyar Telekom: ein Media Lab, in dem Ingenieure und Künstler an digitalen Technologien für morgen arbeiten.

Vor fast zwei Jahren wurde Kitchen Budapest als Innovationslabor mit Hilfe der ungarischen Telekom gegründet - ein Ort, an dem junge Wissenschaftler, Designer und Künstler, die sich für Mobilkommunikation, Online-Communitys und urbane Räume interessieren, zusammenkommen, Ideen vorstellen und Projekte entwickeln können.

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Heraus komme dabei etwa ein Mini-Ökosystem mit Frühlingssimulation fürs Wohnzimmer oder eine nichtlineare Präsentationssoftware als Alternative zu öden PowerPoint-Präsentationen, sagt Adam Somlai-Fischer. Der ungarische Medienkünstler und Interaction-Designer ist einer der Gründer und Leiter des Labs. "Kibu", wie er sein Baby liebevoll nennt, sei aber vor allem ein Spielplatz, an dem wild und chaotisch experimentiert werden könne, solange alle hart arbeiten, meint er lachend.

Ökosystem fürs Wohnzimmer

Der quietschgrüne Fußboden, Sessel in derselben Farbe und rote Tische lassen Spielplatzassoziationen aufkommen. Dabei besteht die Kitchen Budapest nur aus einem einzigen Raum, der etwa 200 Quadratmeter groß ist. Neben den Arbeitsplätzen gibt es eine orangefarbene Couchecke und eine kleine Werkbank zum Schweißen und Löten.

In einer Ecke steht ein überdimensionierter Globus aus Plexiglas. Im unteren Teil befindet sich Wasser, darin schwimmen kleine Krebse, Algen und Mikroorganismen. Im oberen Teil wachsen Pflanzen aus der Erde. Es sei ein computergesteuertes kleines Ökosystem, sagt die junge Videokünstlerin Gina Haraszti. Gemeinsam mit einem Biochemiker, der ebenfalls Teil des "Kibu"-Teams ist, hat Haraszti eine Art Einrichtungsgegenstand kreiert, der die Jahreszeiten Frühling und Herbst zu Hause fürs Wohnzimmer produziert.

Das "Reservoir of Seasons", so der Titel der Arbeit, wurde auch auf der diesjährigen Möbelmesse in Mailand ausgestellt. Je nach Jahreszeit sollen die unterschiedliche Niederschlagsmenge sowie Geruch, Temperatur, Licht- und Windstärke Frühlings- bzw. Herbstgefühle wecken. Es sei ein ironischer Kommentar zur Klimaerwärmung, so Haraszti. Denn die Übergangszeiten gingen, zumindest in hiesigen Breitengraden, immer mehr verloren. Für die nächsten Generationen wolle sie mit dem "Reservoir of Seasons" den Frühling und den Herbst konservieren, sagt Haraszti und schmunzelt.

Kollaboration und Wissensaustausch

Aus 20 bis 30 Leuten besteht das Team der Kitchen. Und es ist interdisziplinär. Von Ingenieuren über Architekten bis hin zu Videokünstlern, Informatikern und Designern aus dem In- und Ausland reicht die Palette. Das Durchschnittsalter liegt um die 30.

Kollaboration und Wissensaustausch würden bei "Kibu" großgeschrieben, sagt Somlai-Fischer. "Eines der wichtigen Dinge hier ist, dass man im Team arbeiten muss. Man kann seine Ideen natürlich alleine entwickeln, aber um die Idee auch umzusetzen, muss man Leute im Team finden, die sich für den Einfall begeistern und daran arbeiten wollen. Das funktioniert fast wie ein Peer-Review-System. Wenn eine Idee von anderen nicht als spannend wahrgenommen wird, wird sie auch nicht verwirklicht. Aber sobald sich eine Gruppe zusammenfindet, entstehen in kürzester Zeit sehr schöne Projekte."

Gerade wenn man aus einem kleinen Land wie Ungarn komme, das nicht unbedingt für digitale Kunst und Hightech bekannt sei, sei es wichtig, international präsent zu sein, meint Somlai-Fischer. Auf Konferenzen und Festivals wie der transmediale in Berlin und dem Design Festival in Tokio sind die Leute von "Kibu" immer wieder gerngesehene Gäste. Daneben bekommt die Kitchen von Wissenschaftlern und Künstlern aus anderen Media-Labs Besuch, die entweder Vorträge halten oder im "Artist in Residence"-Programm gleich ein paar Monate bleiben.

Deal mit der ungarischen Telekom

Die ungarische Telekom finanziert Kitchen Budapest als einziger Sponsor mit jährlich an die 120 Millionen ungarischen Forint, also umgerechnet 400.000 Euro. Da stellt sich schnell die Frage, wie sich wissenschaftliche und künstlerische Freiheit mit einem potenten privaten Geldgeber vereinbaren lassen.

"Wir geben den Leuten hier sehr viele Freiheiten. Im Gegenzug ist der Output mit ca. 50 Projekten pro Jahr enorm hoch. Die meisten der Projekte ergeben für die Telekom eigentlich keinen direkten Sinn, das heißt, sie können sie nicht als Produkte verwerten. Dennoch gibt es sehr wohl einige Projekte, für die sich der Sponsor interessiert. Unser Deal sieht deshalb so aus: Die Telekom hat bei allen Projekten, die wir kommerzialisieren, ein Recht darauf, für diese das erste Angebot legen zu dürfen. Das heißt, sie sind die Ersten, die investieren können oder ein marktgerechtes Kaufangebot stellen dürfen. Niemand wird allerdings zu einem Deal gezwungen."

PowerPoint-Alternative Prezi

Eines der Spin-offs, in die die Telekom eingestiegen ist, ist die Präsentationssoftware Prezi. Diese PowerPoint-Alternative unterscheidet sich von einer herkömmlichen Präsentationssoftware dadurch, dass sie anstatt auf Folien auf ein "Zooming User Interface" setzt, also eine grafische Benutzeroberfläche, in deren Fenster der Nutzer nach Belieben hinein- und hinauszoomen kann.

Das sei einfacher, als mit Folien zu arbeiten, weil man seine Ideen und Gedanken nicht zerteilen müsse, ist Somlai-Fischer überzeugt. "Wenn man das Programm startet, sitzt man wie vor einem großen Blatt Papier, und man beginnt, Ideen oder Bilder draufzustellen. So ähnlich, wie wenn man seine Gedanken auf eine Serviette kritzelt. Am Ende bestimmt man eine Dramaturgie für die Präsentation, einen Pfad, wie man sich durch die Aufzeichnungen bewegt. Die Software führt dann sozusagen die Kamera und erzeugt eine animierte Präsentation."

Die Flash-basierte Software kann in der Betaversion kostenlos heruntergeladen werden. Sie wird in vielen Blogs und Foren angepriesen und ist bereits rund um den Globus in Verwendung.

(matrix/Anna Masoner)