© Günter Hack, Atomium vor US- und EU-Flagge

Standards für das Netz der Netze

SERIE
07.11.2009

Mit dem Start der ersten großen Computernetzwerke hat sich der Konflikt zwischen staatlichen Telekoms und Informatikern verschärft. Schon damals galt: Wer die Standards bestimmt, die dem Netz zugrunde liegen, hat die Macht. Teil neun der futurezone.ORF.at-Serie "Europa und das Netz".

In den 1960er Jahren diskutierte man in der Computerbranche nicht übermäßig viel über Standards. IBM galt als die Weltmacht auf dem Computermarkt, selbst wenn der Konzern - so manche Analysten der damaligen Zeit - die Entwicklungen weniger durch seinen technologischen Vorsprung als mit geschicktem Marketing bestimmte. IBM konnte es sich damals leisten, die Konkurrenz mit De-facto-Standards zu konfrontieren und diese dann auch durchzusetzen. Eine Form von Standards, die laut der offiziellen Sprachregelung der Internationalen Standardisierungsorganisation (ISO) übrigens bis heute nicht existiert.

Mit zunehmender Vernetzung, zuerst mittels Timesharing mehrerer Terminals an Großrechnern und später der Kommunikation zwischen den Computern, wurde der Ruf nach allgemeingültigen Regeln für die Datenübertragung jedoch lauter. Denn nicht nur IBM drängte mit System Network Architecture (SNA) auf den Markt, auch andere Computerfirmen, selbst kleinere Betreiber und hie und da sogar Postgesellschaften planten ihre eigenen Protokolle und Netzwerke.

Organisation der Telekoms

CCITT wurde unter dem Namen International Telegraph Union 1865 gegründet und 1946 in Comite Consultatif International Telephonique et Telegraphique (CCITT) unbenannt. 1993 kam es zu einer erneuten Reorganisation: CCITT wurde zu ITU-T, wobei ITU für International Telecommunication Union und das T für Telecommunications steht. Die ITU ist eine Teilorganisation der UNO.

Die Macht der alten Telekoms

US-Firmen wie Packetswitching Inc. und Telenet, eine Tochterfirma von Bolt, Beranek Newman - Letztere war für den Aufbau des ARPAnets verantwortlich - wollten endlich mit der Anbindung von Terminals an das Netzwerk Geld verdienen, auch international. Dafür brauchten sie nicht nur die ISO, sondern mussten auch das weitaus ältere Gremium der Post- und Telegrafengesellschaften (PTTs), das CCITT mit Sitz in Genf, von ihrem Ansinnen überzeugen.

Das Unterfangen gestaltete sich für alle Beteiligten kompliziert. Die Postgesellschaften besaßen das Monopol auf die Leitungen und suchten nach Möglichkeiten, auch die neuen Datendienste zu kontrollieren. An den experimentellen wissenschaftlichen Netzwerken waren sie nicht sonderlich interessiert.

Bei der Post hatte man damals andere Probleme. In den 1970er Jahren war man in Europa meist damit beschäftigt, das marode Telefonnetz zu erneuern und die Fernmeldezentralen auf den neuesten Stand zu bringen, auch um die steigende Anzahl an Neukunden bewältigen zu können. Allein in Frankreich stieg von 1976 bis 1983 die Zahl der Telefonanschlüsse von sieben auf 24 Millionen.

Datenpakete bei der Bundespost

Computerwissenschaftler hingegen sprachen bereits 1974 über die Möglichkeit von bi- und multilateralen Netzwerken - nicht nur über Land und unter Wasser, sondern auch per Funk und Satellit. Aber von deren Technik, der verbindungslosen paketorientierten Datenübermittlung, waren nur wenige europäische Postbehörden überzeugt. Die deutsche Post zum Beispiel arbeitete gemeinsam mit Siemens seit 1969 am Netzwerk Elektronisches Datenvermittlungssystem (EDS). Siemens selbst betonte zwar, dass dieses Netzwerk auch dafür geeignet sei, Daten in Form von Paketen zu übermitteln, nur konnte die Bundespost dem wenig abgewinnen.

Vielmehr betonte Wilhelm Staudinger vom Fernmeldetechnischen Zentralamt in Darmstadt in einem Vortrag aus dem Jahr 1976, dass Paketvermittlung zu einem Schlagwort geworden sei, dessen gedankenlose Verwendung viel Verwirrung stifte: "Wenn manche Anwender Paketvermittlungstechnik in öffentlichen Netzen fordern, dann fordern sie eigentlich nur die Leistungsmerkmale, die landläufig mit Paketvermittlungssystemen assoziiert werden, ohne zwingend mit ihnen verknüpft zu sein. Diese Merkmale umschreiben im Wesentlichen die möglichst uneingeschränkte Gerätekompatibilität und die Zugangsmöglichkeit zu unterschiedlichen Netzen mit Hilfe eines einzigen Dienstes."

Liberalisierung als Chance

In den USA wurde mit Hilfe der "Carterfone"-Entscheidung von 1968 und eines weiteren Liberalisierungsschubs 1971 der Anschluss von Geräten aller Hersteller an das Telefonnetz grundsätzlich erlaubt. In Europa wirkte sich diese Entscheidung nur auf die britische Telekom aus: Sie wurde 1984 privatisiert. Das restliche Europa tangierte das wenig. Es dauerte bis 1998, bis schließlich in Frankreich das letzte Postmonopol für beendet erklärt wurde - zumindest auf dem Papier.

In Genf prallten in den 1970er Jahren mit den Vertretern der Postbehörden und der Computerhersteller jedenfalls zwei Welten und Firmenkulturen aufeinander. Und auch die einzelnen Vertreter von Nationalstaaten hatten gänzlich unterschiedliche Vorstellungen in die Debatte einzubringen. Ganz zu schweigen davon, dass einander ganz ungleiche Altersgruppen gegenübersaßen: auf der einen Seite die honorigen Herren der Post, die es gewohnt waren, dass sich ihre beruflichen Karrieren, genauso wie die Technik, nur langsam, wenn überhaupt weiterbewegten.

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Kampf der Kulturen

Die Produktionszyklen im Bereich Telefonie wurden seinerzeit in Schritten von 20 bis 40 Jahren geplant. Auf der anderen Seite standen die "jungen Wilden" aus der Computerbranche, denen eine große Zukunft vorausgesagt wurde und die schnelle Veränderungen gewohnt waren. Fünf bis maximal zehn Jahre hatten sie damals Zeit, um ihre Produkte auf dem Markt zu positionieren und zu verkaufen, bis sie wieder als veraltet galten.

Durch die Einführung von Very Large Scale Integration (VLSI) und der dadurch verursachten Beschleunigung auf dem Mikroprozessormarkt schrumpfte dieses Zeitfenster weiter. Da war schon allein die Tradition der CCITT, sich nur alle vier Jahre zu einem großen Plenum zu treffen, um Standards zu verabschieden und Themenbereiche für die nächsten vier Jahre vorzugeben, ein Hindernis.

Packet Switching, eines der Grundprinzipien des heutigen Internets, mag zwar von manchen PTTs als Übel betrachtet worden sein, aber es war für sie damals nichts Unbekanntes mehr. Auch für die Erkenntnis, dass es funktionierte, musste 1972 eigentlich niemand mehr in die US-Hauptstadt Washington reisen, um der ersten öffentlichen Präsentation des ARPAnets beizuwohnen.

Dank der Initiative des englischen Mathematikers Donald Watts Davies hatten die Postbeamten selbst 1968 die Arbeitsgruppe Nouveau Reseau de Donnees (NRD) ins Leben gerufen, die sich mit neuen Methoden der Datenübertragung auseinandersetzen sollte. Das geschah übrigens auch in einer Art Trotzreaktion auf die damalige Dominanz von IBM.

Leider passierte in der ersten Arbeitsperiode der Gruppe nicht viel, wie sich Davies erinnert. Vier Jahre später, auf der Plenarsitzung 1972, taufte man NRD in Arbeitsgruppe VII um. Packet Switching stand jetzt wortwörtlich auf der Agenda, wenn auch nur weit abgeschlagen als Punkt C.

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Nächsten Samstag lesen Sie in der zehnten und vorläufig letzten Folge der Serie "Europa und das Netz", wie sich die ersten paketvermittelten Systeme langsam durchzusetzen begannen. Der Kampf um Standards hielt dabei freilich weiter an.

Der Aufstieg öffentlicher Netzwerke

Neben diversen experimentellen Netzwerken der Computerwissenschaftler und Physiker gab es Anfang der 1970er Jahre sowohl in Spanien als auch in den USA mit Tymnet zwei öffentliche Netzwerke. Die französische PTT hatte 1973 den Aufbau von Transpac angekündigt. Forschungslabors beteiligten sich seit dem Frühjahr 1972 an dem Projekt Cyclades, und in Kanada war man seit 1973 mit dem Aufbau von Datapac beschäftigt.

Die britische Post experimentierte mit Experimental Packet Switched Service (EPSS). Das Paneuropäische Projekt European Informatics Network (EIN) startete nach vier Jahren Verhandlung im Frühjahr 1972, und selbst die europäischen PTTs erwärmten sich 1973 für den Aufbau von Euronet, das genauso wie das EIN ein europäisches Gemeinschaftsprojekt sein sollte. Mit Euronet sollten wissenschaftlichen Bibliotheken die Möglichkeit erhalten, untereinander ihre Datensätze elektronisch auszutauschen. Aber im Grunde ging es den PTTs dabei nur um das eine: den Wissenschaftlern von EIN eine Botschaft auszurichten. Und die lautete: Jetzt sind wir dran.

(Mariann Unterluggauer)