EIN: Europas Forschungsnetz-Experiment
Nach langwierigen Verhandlungen und zahlreichen diplomatischen Manövern werden Anfang der 1970er Jahre die Pläne für ein europäisches Forschungsnetz endlich Realität. Mit dem Projekt EIN tritt das offizielle Europa in die Ära der paketvermittelten Kommunikation ein. Teil sechs der futurezone.ORF.at-Serie "Europa und das Netz".
Seit vier Jahren trafen sich bereits die Regierungsvertreter in Brüssel in diversen Arbeitsgruppen der PREST Group (Politique de la Recherche Scientifique et Technique) wie auch im Ausschuss für mittelfristige Wirtschaftspolitik. An die 47 unterschiedliche wissenschaftliche Projektvorschläge wurden in dieser Zeit gesammelt, gesichtet, befürwortet oder abgelehnt.
Ein Plan jedoch, der Unterstützung fand, bezog sich auf den Aufbau eines großen gemeinsamen Datenverarbeitungssystems in der damaligen EG. Die dafür notwendigen Bauelemente sollten nicht aus den USA importiert werden, vielmehr sollten die Aufträge an europäische Firmen vergeben werden. In etwa zehn Jahren, zwischen 1978 und 1983, so der damalige PREST-Vorsitzende Pierre Aigrain, könne ein derartiges europäisches System Marktreife erlangt haben.
Quelle: Europäische Gemeinschaft, Ausschuss für mittelfristige Wirtschaftspolitik, Zusatzdokument zum Bericht vom 9. April 1969 über "die wissenschaftlich-technische Zusammenarbeit der europäischen Länder: Kooperationsmöglichkeiten auf sieben Schwerpunktsektoren", Brüssel, 9. Juli 1969, 10.121/II/69-D, vertraulich.
Siehe auch "Europa und das Netz", Teil fünf:
Daten sammeln und verknüpfen
Die Aussicht, viele Daten sammeln und verknüpfen zu können, brachte schon zur Zeit der Lochkarte so manche Politikeraugen zum Leuchten. Auch die Bürokraten begriffen die Vorzüge eines europaweiten Dokumentenaustauschs und den Bedarf an einem automatisierten Übersetzungsdienst. Derartige Dinge, so der französische Computerwissenschaftler Hubert Zimmermann, der in den 70er Jahren an den Protokollen am französischen Netzwerk Cyclade mitarbeitete, wurden von den Bürokraten für gut befunden, und dafür gab es auch Geld.
Nur waren die Empfehlungen der PREST Group nicht mit einem offiziellen Auftrag gleichzusetzen. Die Kommissare in Brüssel mussten sich also zuallererst ein Konstrukt schaffen, das einen solchen Aufrag erteilen konnte. Länderübergreifende Forschungsförderung war damals für die EG noch Neuland. Aber man kam für Brüsseler Verhältnisse recht schnell voran: Auf die Evaluierungen der PREST Group folgte die Evaluierung der COREPER Group - des Ausschusses der Ständigen Vertreter der Mitgliedsländer -, und im Herbst 1969 wurde schließlich der Beschluss gefasst, ein ständiges Komitee namens COST einzurichten. COST, das für die umfangreiche Bezeichnung Cooperation Europeenne dans la Domaine de la Recherche Scientifique et Technique steht, hat bisher alle Veränderungen innerhalb der Forschungspolitik der EU überlebt und gilt heute als ältestes Förderinstrument für wissenschaftliche und technische Forschung in der Union.
Interne Streitereien statt Fortschritt
Egal wie viele Arbeitsgruppen die Europäer noch ins Leben riefen, das Feilschen fand kein Ende: Über die Arbeitsbereiche hatte man sich geeinigt, aber weiterhin stritt man sich über Standorte, Vorsitz und die Mitgliedschaft. Auch wenn alle beteiligten Länder mittlerweile anerkannt hatten, dass nur eine gemeinsame Forschungspolitik Europa voranbringen könne, waren nicht alle von der Vorstellung angetan, jetzt auch noch Vertreter aus Ländern zu Wort kommen zu lassen, die der EG nicht angehörten.
Vor allem dem deutschen Vertreter Fritz Hellwig war diese Vorstellung ein Dorn im Auge. Noch im Herbst 1969 mokierte er sich - nicht ganz zu Unrecht - in einem internen Schreiben darüber, dass er mit einer wachsenden Zahl an Mitgliedern nicht einverstanden sei. "Die Leitlinie müsste sein, die Anzahl der teilnehmenden Länder zu beschränken, um die Wirksamkeit der Arbeiten sicherzustellen."
Quelle: Cooperation Technologique-PREST, Communication de M. Hellwein, Bruxelles, le 10 Octobre 1969 BAC000036, Archive Historiques de la Commission europeenne, Brüssel
Die Forschungsgruppe wächst
Sieben zusätzliche Nicht-EG-Staaten neben den Gründungsmitgliedern seien genug, schrieb Hellwig. Er plädierte darauf, die vier damaligen EG-Beitrittskandidaten Großbritannien, Dänemark, Norwegen und Irland zuzulassen, die früher oder später ohnehin Mitglieder der Gemeinschaft werden würden. Weiters könne er sich bestenfalls noch eine Beteiligung der drei Industrienationen Schweden, Schweiz und Österreich vorstellen. "Diese Länder könnten einen wirkungsvollen Beitrag zu den meisten der vorgeschlagenen Aktionen beisteuern, sie nehmen bereits an wichtigen Aufgaben der europäischen Zusammenarbeit teil und sind auf mittlere Frist geeignet, privilegierte Beziehungen mit der Gemeinschaft zu unterhalten."
Aber Hellwigs Versuch, die Gruppe klein zu halten, scheiterte. Fünf Tage nachdem er seinen Brief geschrieben hatte, kam es zur Abstimmung. Nicht drei, sondern fünf zusätzliche Staaten, nämlich Schweden, die Schweiz, Österreich, Spanien und Portugal, wurden zur Teilnahme eingeladen, zusätzlich zu den Beitrittskandidaten und den sechs Gründungsmitgliedern der EG. Knapp zwei Jahre später, 1971, gesellten sich zu den 15 COST-Mitgliedern weitere vier Staaten hinzu: Finnland, Griechenland, Türkei und Jugoslawien. Somit waren es 19 Länder, die sich an diversen Projektgruppen und Ausschreibungen beteiligen durften und damit auch am Projekt European Informatics Network (EIN), das den Namen "COST Project Eleven" bekam. Der Auftrag für EIN lautete: Aufbau eines experimentellen Computernetzwerks für Europa und die Anbindung von mehreren Forschungszentren zu einem Netzwerk.
Vorteil für Packet-Switching
Den Vorsitz erhielt Derek Barber vom britischen National Physical Laboratory (NPL). Er war ein Kollege des Mathematikers Donald W. Davies, der nicht nur der Datenübertragungsmethode des "Packet Switching" ihren Namen gegeben, sondern auch mit dem NPL-Network bewiesen hatte, dass diese Methode auch in der Praxis funktioniert.
Quelle: Derek Barber, "COST - Benefit", 26. November 1971. Dankenswerterweise zur Verfügung gestellt von Derek Barber.
Barber erzählt:
"Kurz vor Weihnachten fragte mich Donald Davies, ob ich als Mitglied einer Delegation - so glaubte ich ihn zu verstehen - nach Brüssel fahren könne; zu einem Treffen auf europäischer Ebene, bei dem es um irgendeine Art von Computernetzwerk gehe. Mit der Aussicht auf ein paar 'freie' Tage so kurz vor Weihnachten akzeptierte ich bereitwillig. Ein paar Tage später bekam ich einen Anruf von dem Abgeordneten Dean Bradley, der mir sagte, das Treffen finde im Charlemagne-Gebäude an der Place Schuman in Brüssel am nächsten Tag um 10.00 Uhr statt - ob ich dort sein könne? Man muss den Leuten des NPL-Büros für Auslandsreisen unendlich dankbar sein, dass ich es schaffte, um 9.58 Uhr tatsächlich dort einzutreffen. Atemlos betrat ich den Raum, vorbereitet auf meine Rolle als Berater der britischen Delegation. Aber in dem Raum gab es außer mir keinen anderen Briten. Und langsam dämmerte es mir: Ich selbst war die britische Delegation! Da sofort Kaffee gereicht wurde, hatte ich ein wenig Zeit, mich zu fangen und zu Atem zu kommen. Ich hörte besonders aufmerksam zu, als ein Sprecher der EG das Treffen eröffnete und erklärte, warum wir hier alle versammelt sind."
Es dauerte eine Weile, bis Barber, noch außer Atem von seiner Reise, begriff, dass der Redner der EG nicht wie sonst in Brüssel üblich Französisch sprach, sondern Englisch. Großbritannien war Anfang der 1970er Jahre noch kein Mitglied der EG und Englisch keine offizielle Sprache des EU-Vorläufers.
Barber erinnert sich:
"Ich muss sagen, ich war sehr erleichtert, als auch die anderen Delegierten höflicherweise zustimmten, Englisch zu sprechen, und betonten, dass sie kein Problem damit hätten. Aber meine Erleichterung währte nur kurz. Sie wurde sehr schnell von weiterem Erstaunen abgelöst, als sie zur Abstimmung schritten und mich zum Vorsitzenden kürten."
Fast ein Jahr lang feilte das Team um Barber an den Spezifikationen für das Europäische Informatiknetzwerk. Am 23. November 1971 wurde schließlich das "Abkommen zum Aufbau des European Informatics Network" (EIN) bei der ersten offiziellen COST-Konferenz verabschiedet. Anwesend waren die Vertreter von Frankreich, Italien, Norwegen, Portugal, Schweden, der Schweiz, Großbritannien, Jugoslawien und der Forschungseinrichtung EURATOM. Obwohl es einige Jahre dauerte, bis alle Staaten den Vertrag ratifizierten - erst zwei Jahre später setzten die Niederlande und 1976 schließlich auch Deutschland ihre Unterschrift unter den Vertrag -, begannen die Arbeiten an EIN am 1. Februar 1973.
DONE at Brussels on the twenty-third day of November in the year one thousand nine hundred and seventy-one.
Der Anfang vor dem Start
Die zeitliche Verzögerung, so der französische Computerwissenschaftler und Pionier der paketvermittelten Datenübertragung, Louis Pouzin, bedeute aber weder, dass Deutschland nicht von Anfang an in die Entwicklungen einbezogen gewesen sei, noch dass an der Umsetzung des EIN nicht schon vorher gearbeitet worden wäre. Pouzin bringt ein weiteres Datum ins Spiel: den 17. Oktober 1974. Damals wurden die Verträge mit jenen Firmen unterzeichnet, die den Auftrag zum Aufbau von EIN zugesprochen erhielten: SESA (Frankreich, seit 1989 Teil von CAP Gemini Sogeti) und Logica (Großbritannien) als Hauptunternehmen, Selenia (Italien) und Fides (Schweiz) fungierten als Subunternehmer.
Fünf Zentren wurden als Knotenpunkte für das Netzwerk ausgewählt: das Centre Rete Europea di Informatica (CREI) in Mailand, die Eidgenössische Technische Hochschule (ETH) in Zürich, das Institut de Recherche en Informatique et en Automatique (IRIA, später unbenannt in INRIA), das European Communities Joint Research Centre (ISPRA) und das National Physical Laboratory (NPL), Teddington. Sie bildeten die wichtigsten Verknüpfungspunkte des Netzwerks, in das sich andere Institute per Modem einwählen konnten.
Die Umrechnung der Geldwerte erfolgte anhand der Angaben von Measuring Worth
Für jedes der fünf geplanten Zentren wurden Kosten in Höhe von 100 Millionen belgischen Francs veranschlagt. Jeder weitere Unterzeichner sollte sich mit 13 Millionen belgischen Francs an dem Projekt beteiligen können. Die Kosten für den Ausbau des Netzwerks und die Anbindung der fünf Zentren entsprächen heute rund 47,5 Millionen Euro. Jene Länder, die an der Entwicklung des Netzes Interesse zeigten, sollten in etwa je 1,2 Millionen Euro beisteuern. Dafür bot EIN ihnen die Möglichkeit, das Konzept "Internetworking" zu erforschen, Informationen auszutauschen und auf die verteilten Datensätze der Forschungslabors zuzugreifen. Mit dieser Finanzierung hätte, so der Plan, das Netzwerk aufgebaut werden und dessen Bestehen für den Zeitrahmen von fünf Jahren gesichert sein sollen.
Quelle: EIN-Jubiläumsbroschüre, 1978. Freundlicherweise zur Verfügung gestellt von Derek L. A. Barber.
Lange Anlaufphase
Die Pläne waren durchaus ambitioniert, aber es vergingen noch Jahre, bis das Netzwerk wirklich funktionierte. Es gab dabei nicht nur ein Problem, erinnert sich Pouzin, sondern gleich mehrere: Die Geldmittel waren gering, die Beschlussfassungen gerieten im multinationalen Koordinationsausschuss eher langatmig, und die Europäische Vereinigung der Post- und Telegrafengesellschaften (Conference Europeenne des Postes et Telecommunications, CEPT), war von diesem Projekt von Anfang an nicht sonderlich begeistert.
In der nächsten Folge lesen Sie über die Frühphase der privaten, kommerziellen, offenen und proprietären Netzwerke in Europa.
EIN war damals nicht das einzige Computernetzwerkprojekt in Europa. Aber diese zusammenzuführen und weiteren Wildwuchs zu verhindern, das, so Barber, war für ihn von Anfang ein wichtiger Beweggrund des Experiments. Parallel zu EIN arbeiteten die Rechnerhersteller selbst am Ausbau von Computernetzwerken.
Weiters drängten die Post- und Telegrafengesellschaften auf die Verwirklichung ihrer Vision eines Paneuropäischen Netzwerks. Die Vertreter der Post sahen die Arbeiten der Computerwissenschaftler an Kommunikationsnetzwerken als störende Bastelei. Sie warteten nur auf eine Gelegenheit, ihnen auszurichten, dass sie ihre Experimente endlich einstellen sollten.
.
(Mariann Unterluggauer)
