© Günter Hack, Atomium vor US- und EU-Flagge

Charles de Gaulle gegen das Euro-Netz

SERIE
10.10.2009

Wir schreiben das Jahr 1968. Während in den USA die ARPA bereits am Vorläufer des Internets arbeitet, streiten sich die europäischen Nationalstaaten über die Dominanz in Forschungsprojekten. Nationale Egoismen und die Machtpolitik Charles de Gaulles behindern die gemeinsame Arbeit am europäischen Computernetz. Teil fünf der futurezone.ORF.at-Serie "Europa und das Netz".

1968 war ein Jahr der zwei Geschwindigkeiten. Während in Paris und Berlin Studenten stürmisch auf die Barrikaden gingen, beerdigten Beamte der damaligen Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) in aller Stille die Pläne zum Bau eines "europäischen Computers". Allerdings sollte das nicht zum letzten Mal geschehen. Es ließen sich auch heute noch der eine oder andere Anhänger für diese Idee finden, erzählt der französische Computerwissenschaftler Louis Pouzin. Ende der 1960er Jahre hielt er sich in den USA am MIT auf, wo er sich die Timesharing-Systeme der Amerikaner, die mehreren Nutzern die Arbeit an einem Computer gleichzeitig erlaubten, etwas genauer ansah.

In Europa wurde zu dieser Zeit die öffentliche Diskussion über Kommunikationssysteme vom Streit über die Farbfernsehnormen dominiert. War nun das deutsche PAL-Verfahren besser oder doch das französische Secam-System? Die Telekomexperten beschworen in Fachmagazinen die glorreiche Zukunft des Farbfernsehtelefons, während die Rundfunkbetreiber das Wort Konvergenz lieben lernten und damit das Zusammenwachsen von Telegraf, Telefon, Rundfunk, Fernsehen und Zeitung meinten. Mit "All in one" wirbt die Mobilfunkbranche auch noch im 21. Jahrhundert für dieses Konzept. Die damaligen Diskussionen sind also von den heutigen gar nicht so verschieden. Nur das Vokabular und die Technik haben sich geändert.

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Brüssels Kampf gegen IBM

Die Brüsseler Spitzen der EWG mussten sich Ende der 1960er Jahre, nach mehreren vergeblichen Initiativen, von der Idee verabschieden, mit einem europäischen Computerkonzern gegen die Vormachtstellung von IBM auf dem Weltmarkt antreten zu können. Dieser Plan hätte nur dann Aussicht auf Erfolg gehabt, wenn man es geschafft hätte, die Briten mit ins Boot zu bekommen.

Das Unternehmen International Computers Limited (ICL) ist aus der Verschmelzung der britischen Computerindustrie hervorgegangen, und es galt seinerzeit als der größte Rechnerhersteller außerhalb der USA. An den Briten scheiterte diese Idee nicht. Es war der französische Präsident De Gaulle, der seinen Kollegen einen Strich durch die Rechnung machte. Er hatte andere Pläne, und die wurden von der Geopolitik bestimmt.

Die Herrschaftspläne De Gaulles

Zum EU-Vorläufer EWG zählten damals die Staaten Italien, Frankreich, Deutschland, die Niederlande, Belgien und Luxemburg. Und die Vision, die De Gaulle von Europa hatte, reichte vom Atlantik bis zum Ural. In diesem Europa wollte er das Prestige der Atommacht Frankreich sichern. Eine Erweiterung der EWG in Richtung Norden und Westen, durch eine Aufnahme der Briten und Skandinavier, interessierte ihn wenig. Ihn beunruhigte vielmehr das Schicksal der damaligen Tschechoslowakei und die Auswirkungen des Prager Frühlings, denn daran drohten seine Pläne zu scheitern, meinen Analysten.

Es stand für De Gaulle auch außer Zweifel, dass eine europäische Rechenmaschine vor allem von französischer Provenienz sein müsste. Allerdings hatte Frankreich im Juli 1964 die Mehrheit an der Computerfirma Bull an den amerikanischen Konzern General Electric verloren und damit seine Position auf dem Computerweltmarkt eingebüßt. Am Aufbau des Nachfolgers, dem neuen französischen Champion Compagnie Internationale d'Informatique (CII), wurde damals noch gefeilt.

Forschungsnetzwerk PREST

Die Expertengruppe Politique de la Recherche Scientifique et Technique (PREST Group) wurde 1965 auch deswegen ins Leben gerufen, um mit vereinten Kräften die Forschung in Europa voranzutreiben, um im Hochtechnologiebereich zu den USA aufschließen zu können. Dabei wollte man sich nicht nur auf die finanzielle Kraft der damaligen EWG-Sechserrunde verlassen, sondern sich auch das Wissen der anderen europäischen Staaten sichern.

Nationale Egoismen blockieren den Fortschritt

Derartige nationale Egoismen behinderten die Forschungsförderung auf europäischer Ebene von Anfang an. Seit 1963 wiederholten Wissenschaftler, Politiker und die Industrie wie ein Mantra die Feststellung, dass ein wirtschaftlich starkes Europa aus mehr bestehen müsse als aus Kohleförderung, Stahlgewinnung und Atomkraft-Großprojekten. Im März 1965 hatte man die Mitgliedsstaaten zumindest dazu bewegen können, die PREST Group zu gründen. Diese Expertengruppe sollte zuallererst darüber diskutieren, wie ein europäisches Patentwesen aussehen könnte, wie die Firmengründung in Europa vereinheitlicht und die Steuern zwischen den Mitgliedsstaaten angeglichen werden könnten.

In den PREST-Arbeitsgruppen saßen nicht nur Vertreter von EWG-Beitrittskandidaten wie Norwegen und Österreich, sondern auch Gesandte aus der Türkei und dem damaligen Jugoslawien. Die Zahl der Mitglieder erhöhte sich, auch die Wissenschaftsbereiche wurden erweitert. Meteorologie, Ozeanografie, Metallkunde sollten gefördert werden. Weiters sollten grenzüberschreitende Aktivitäten wie Fernmeldewesen, Transport und Datenkommunikation koordiniert und Umweltprobleme gemeinschaftlich angegangen werden.

Diese Themenbereiche entsprechen nicht nur den Empfehlungen der OECD, die in den 1960er Jahren mit ihrer Studie "Gaps in Technology" in Europa die Diskussion bestimmte, sondern sie ähneln auch den zivilen Aufgabenbereichen der vom US-Verteidigungsministerium finanzierten Forschungsagentur Advanced Research Projects Agency (ARPA).

Zwei Schritte vor - und einen zurück

Die Aufbruchstimmung bei der PREST Group in Brüssel war nur von kurzer Dauer. Als Frankreich im Dezember 1967 nicht nur wiederholt die Aufnahme Großbritanniens in die Europäische Gemeinschaft verhindert hatte, sondern auch die von Dänemark, Norwegen und Irland, blieben die Vertreter der Niederlande und Italiens aus Protest den Treffen der Forschungsförderungsgruppe PREST fern. Was heute wie eine esoterische Aktion aus dem Reich der höheren Diplomatie anmutet, führte dazu, dass auch die Arbeit am europäischen Forschungsnetzwerk European Informatics Network (EIN) empfindlich verzögert wurde.

Der Vorschlag für ein europäisches Forschungsnetzwerk erreichte die PREST Group etwa 1968. Damals wurden die assoziierten Staaten aufgefordert, Vorschläge für gemeinsame Forschungsfelder einzureichen. 47 Projekte wurden schließlich an Brüssel geschickt und an eine Arbeitsgruppe zur Beurteilung weitergereicht. Unter ihnen auch ein Dokument, das in der Computergeschichtsschreibung schon fast in Vergessenheit geraten ist und dessen Urheberschaft dem englischen Mathematiker Donald Watts Davies zugeschrieben wird: der Vorschlag zum Aufbau eines des experimentellen Computernetzwerks EIN.

Der neue Chef

Aber die Ereignisse vom Dezember 1967 sorgten vorerst für einen herben Rückschlag für das Vorhaben von PREST, Europas Hochtechnologieforschung auf Vordermann zu bringen. Anstatt endlich Forschungsaufträge vergeben zu können, musste sie zuerst die politischen Probleme lösen. Und Probleme werden in Brüssel oft dadurch gelöst, dass neue Namen ins Gespräch gebracht werden. Man begab sich also auf die Suche nach einem neuen Vorsitzenden, einem Mann, den alle Staaten akzeptieren konnten.

Die Wahl fiel auf den Physiker Pierre Aigrain. Vielleicht auch deswegen, weil die PREST Group an den mächtigen Franzosen ohnehin nicht vorbeikam. Ihm traute man es zu, das Projekt wieder auf Kurs zu bringen. Immerhin war Aigrain zu dieser Zeit so etwas wie der französische "Vizeminister" für wissenschaftliche und technische Forschung und hatte sich durch seine früheren Arbeiten auf den Gebieten der Elektrotechnik und Atomenergie unter Fachkollegen international einen Namen gemacht.

Supercomputer und Hovercrafts

Unter Aigrain wurden die eingereichten Vorschläge gesammelt und bewertet. Darunter finden sich Ideen zum Bau eines europäischen Supercomputers, der Standardisierung von Software, elektronische Hilfsmittel für den Autoverkehr, Gasturbinen für Züge, ein gigantisches Luftkissenfahrzeug und zahlreiche Vorschläge zur Bekämpfung der Wasser- und Luftverschmutzung. Ein Jahr später blieben davon 30 Konzepte übrig, die sieben unterschiedlichen Themengebieten zugeordnet wurden.

Aigrain, dessen Arbeit bereits im Frühjahr 1969 als abgeschlossen galt, schrieb in seinem Endbericht, dass seiner Einschätzung nach eigentlich nur zwei Themengebiete wirklich Aussicht auf Verwirklichung hätten, und zwar jene auf den Gebieten Datenverarbeitung - zu dem auch das EIN zählte - und Meteorologie.

In der nächsten Folge:

Nächste Woche lesen Sie, wie sich PREST in die Cooperation Europeenne dans le Domain de la Recherche Scientifique et Technique (COST) verwandelt - und der Plan für das Forschungsnetzwerk EIN endlich offiziell wird.

Nationalpolitik gegen Forschung

Im Gegensatz zur ARPA, die 1969 mit dem ARPANET ihr erstes Wide Area Network verwirklichen konnte, musste die PREST Group ständig gegen das politische Muskelspiel mehrerer europäischer Nationalstaaten antreten. Die Regierungen und ihre Industrien mochten zwar erkannt haben, dass sie es nur gemeinsam gegen die technologische Vormachtstellung der USA etwas ausrichten konnten, aber das bedeutete noch lange nicht, dass sie deswegen an einem gemeinsamen Strang ziehen wollten.

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(Mariann Unterluggauer)