Kritik an der "kalifornischen Ideologie"
Der Holländer Geert Lovink zählt zu den Veteranen unter den Medien- und Internet-Theoretikern. Am bekanntesten ist er als Mitinitiator der einflussreichen Mailinglist "Nettime", die 1995 online ging und sich als Gegengewicht zu der von "Wired" vertretenen "kalifornischen Ideologie" verstand und immer noch versteht.
"Die kalifornische Ideologie besteht einfach darin, dass es weniger Staat gibt, dafür mehr Markt", so Geert Lovink. "Und etwa zehn Jahre später ist es natürlich ganz einfach, sich darüber lustig zu machen."
In der Zwischenzeit sind nicht nur unzählige Dot.com-Unternehmen gecrasht, sondern auch das Heilsversprechen der "New Economy". An die Selbstregulierung des Marktes glaubt seit den Bilanzfälschungsskandalen bei Enron und WorldCom [nunmehr MCI] laut Lovink niemand mehr.
In den frühen 80er Jahren war Geert Lovink einer der Mitbegründer der "Agentur Bilwet", einem losen Kollektiv von Intellektuellen und Aktivisten aus der Hausbesetzer- und Piratenradio-Szene in Amsterdam, die einen subversiven Umgang mit Medien propagierten.
Agentur BilwetVon 1989 bis 1994 gab Lovink die Medienkunst-Zeitschrift "Mediamatic" heraus, anschließend war er eine der treibenden Kräfte hinter dem Provider-Projekt "Digital City", zu dem sich verschiedenste Initiativen aus der Amsterdamer Alternativ-Kultur zusammenfanden, um gemeinsam die Utopie einer virtuellen Gemeinschaft zu verwirklichen.
Digital CityUncanny Networks & Dark Fiber
"Die kalifornische Ideologie hat seit dem Zusammensturz von Enron und WorldCom natürlich kaum noch Anhänger. Die Leute selbst, die diese Ideologie geprägt haben, haben viel Geld verloren, weil sie ihr ganzes Geld in diese Firmen investiert haben. Die Ideologie selbst ist aber nicht tot und zwar deswegen nicht, weil sie ganz tief verankert ist in der Internet-Architektur," so Lovink.
Kurz hintereinander sind nun zwei Bücher erschienen, die eine Art Bilanz von Lovinks publizistischem Schaffen darstellen: "Uncanny Networks", eine Sammlung von Interviews, die Lovink zwischen 1995 und 2000 mit führenden Intellektuellen wie Arthur Kroker, Saskia Sassen und Boris Groys für die Mailinglist "Nettime" gemacht hat.
"Dark Fiber", das zweite Buch, hat den Untertitel "Tracking Critical Internet Culture" und umfasst eine Auswahl der wichtigsten theoretischen Texte Lovinks aus den Jahren 1996 bis 2001.
Das Ö1-Magazin matrix
Im zweiten Beitrag geht es um "Pattern Language" - eine Idee der
Urbanisten, die von der Softwarecommunity diskutiert und analysiert
wird. Im Grunde suchen beide Seiten, Stadtplaner und Netzaktivisten,
immer noch nach einer Antwort auf die folgende Frage: "Was braucht
eine Community, um zu funktionieren?"
matrix - computer & neue medien
