04.05.2003

MATRIX FORUM

Bildquelle: Wired

Kritik an der "kalifornischen Ideologie"

Der Holländer Geert Lovink zählt zu den Veteranen unter den Medien- und Internet-Theoretikern. Am bekanntesten ist er als Mitinitiator der einflussreichen Mailinglist "Nettime", die 1995 online ging und sich als Gegengewicht zu der von "Wired" vertretenen "kalifornischen Ideologie" verstand und immer noch versteht.

"Die kalifornische Ideologie besteht einfach darin, dass es weniger Staat gibt, dafür mehr Markt", so Geert Lovink. "Und etwa zehn Jahre später ist es natürlich ganz einfach, sich darüber lustig zu machen."

In der Zwischenzeit sind nicht nur unzählige Dot.com-Unternehmen gecrasht, sondern auch das Heilsversprechen der "New Economy". An die Selbstregulierung des Marktes glaubt seit den Bilanzfälschungsskandalen bei Enron und WorldCom [nunmehr MCI] laut Lovink niemand mehr.

Uncanny Networks & Dark Fiber

"Die kalifornische Ideologie hat seit dem Zusammensturz von Enron und WorldCom natürlich kaum noch Anhänger. Die Leute selbst, die diese Ideologie geprägt haben, haben viel Geld verloren, weil sie ihr ganzes Geld in diese Firmen investiert haben. Die Ideologie selbst ist aber nicht tot und zwar deswegen nicht, weil sie ganz tief verankert ist in der Internet-Architektur," so Lovink.

Kurz hintereinander sind nun zwei Bücher erschienen, die eine Art Bilanz von Lovinks publizistischem Schaffen darstellen: "Uncanny Networks", eine Sammlung von Interviews, die Lovink zwischen 1995 und 2000 mit führenden Intellektuellen wie Arthur Kroker, Saskia Sassen und Boris Groys für die Mailinglist "Nettime" gemacht hat.

"Dark Fiber", das zweite Buch, hat den Untertitel "Tracking Critical Internet Culture" und umfasst eine Auswahl der wichtigsten theoretischen Texte Lovinks aus den Jahren 1996 bis 2001.