Doch kein "Bücherraub" bei Amazon
Das Medienkünstlerkollektiv Ubermorgen.com wollte im großen Stil beim Online-Einzelhändler Amazon "Bücher stehlen". Die Software, die den digitalen Aktivisten dabei helfen sollte, wurde nun angeblich von Amazon gekauft. Das Unternehmen bestreitet das.
Am vergangenen Mittwoch sollte die Aktion "Amazon Noir" des Medienkünstlerkollektivs Ubermorgen offiziell starten.
Als Bösewichte im Stil der Noir-Ästhetik wollten Hans Bernhard, Lizvlx, Paolo Cirio und Alessandro Ludovico mit Hilfe von Software-Robotern ["Suckers"] bei Amazon virtuelle Bücher "klauen".
Dabei machte sich Ubermorgen.com die "Search Inside the Book"-Funktion von Amazon zu Nutze, mit der Bücher bei Amazon im Volltext durchsucht werden können.
Im Suchergebnis wird ein kurzer Abschnitt des durchsuchten Buches samt abgefragten Suchbegriffen dargestellt. Ubermorgen.com entwickelte eine Software, die Tausende Abfragen pro Buch an die Amazon-Server sandte. Die aus den Suchabfragen resultierenden Einzelteile eines Buches sollten danach wieder zum Volltext zusammengesetzt und kostenlos zum Download zur Verfügung gestellt werden.
"Verrat, Blasphemie und Pessimismus"
"Verrat, Blasphemie und Pessimismus" hätten aber die "Bösen" letztlich gespalten, heißt es in einer Presseaussendung von Ubermorgen.
"Amazon hat uns relativ lange mit Cease-and-desist-Briefen gedroht und die Software schließlich übernommen", sagte Hans Bernhard von Ubermorgen.com. "Wir haben uns dann entschlossen, das Experiment in eine andere Richtung zu lenken."
Infight mit den Großen
Bernhard legt sich nicht zum ersten Mal mit den Großen des Internets an. Als Mitglied der Künstlergruppe etoy.com lieferte er sich 1999/2000 einen Aufsehen erregenden Streit mit dem Online-Spielwarenhändler eToys um die Internet-Domain Etoy.com.
"[V]ote auction"
Mit dem Projekt "[V]ote auction" schloss Ubermorgen.com [Bernhard und Lizvlx] Demokratie und Kapitalismus miteinander kurz und bot US-amerikanischen Wählern die Möglichkeit, ihre Stimme für die Präsidentenwahl im Jahr 2000 über eine Online-Auktionsplattform zu versteigern.
"Google Will Eat Itself"
Mit "Google Will Eat Itself" wollen Ubermorgen.com das Internet-Unternehmen Google übernehmen. Das Geld, das mit fingierten Klicks auf die Werbeeinschaltungen des Google-AdSense-Programms auf eigens dafür angelegten Websites in die Kassen der Künstlergruppe fließt, wird in Google-Aktien investiert.
3.000 Bücher kursieren in P2P-Netzwerken
Nach Angaben von Ubermorgen.com wurden zuvor rund 3.000 Bücher aus den Amazon-Datenbanken heruntergeladen und über die Filesharing-Netzwerke zum Download angeboten.
"Für uns war das eine neue Erfahrung. Das Projekt ist zwar in den Medien und auch technisch im Untergrund gelaufen, wurde aber in seiner ursprünglich geplanten Form nie veröffentlicht", meinte Bernhard.
Amazon verwundert
Bei Amazon zeigte man sich Freitagnachmittag wegen des angeblichen Kaufs der Software verwundert. "Wir haben mit der Künstlergruppe keinerlei Kontakt gehabt und auch keinerlei Vereinbarung getroffen", sagte Amazon-Sprecherin Christine Höger auf Anfrage von ORF.at. "Vermutlich handelt es sich dabei um einen PR-Gag."
"Uns interessiert es, in globalen, massenmedialen Netzwerken Kommunikationsexperimente zu fahren. Wir sehen 'Amazon Noir' in der Tradition des digitalen Aktionismus", sagte Hans Bernhard von Ubermorgen.com Ende September im Interview mit ORF.at.
