Die letzten Tage des Neuen Markts
Überschattet vom Kriegsbeginn im Irak und auch ansonsten wenig beweint ging am Freitag am Finanzplatz Frankfurt ein - relativ kurzes, aber umso kostspieligeres - Stück Börsengeschichte zu Ende.
An dem in den Boomzeiten der "New Economy" hochgejubelten Wachstumssegment Neuer Markt der Frankfurter Börse wird zum letzten Mal gehandelt.
Mit kommendem Montag [24. März 2003] wird das Marktsegment wenige Tage nach seinem 6. Geburtstag aus der Börsenlandschaft verschwunden sein, der darin gelisteten Aktienstock, darunter einige Österreicher, in den neu geschaffenen TecDAX oder in andere Marktsegmente umgereiht.
Spektakuläre Zusammenbrüche
Trist sind die Erinnerungen an Skandale und Pleitewellen in
dieser Marktkategorie, zu viele Nerven und Geld hatten die
"Todeslisten" gekostet, die im Vorfeld spektakulärer Zusammenbrüche
zahlreicher einstiger "Dot-Com-Stars" die Runde machten.
Deutsche BörseStart am 10. März 1997
Am 10. März 1997 hatte die Frankfurter Aktienbörse das Wachstumssegment nach dem Vorbild der US-Wachstumsbörse NASDAQ mit zwei Werten - der MobilCom und der Bertrandt AG - gestartet.
Binnen kurzer Zeit folgten mit dem großen Anlegerinteresse an Startup-Unternehmen aus den kapitalhungrigen Boombranchen Technologie, Internet, Medien und Biotechnologie zahlreiche weitere Notierungen, darunter auch einige österreichische Werte. Die "spekulative Blase" der New Economy begann sich zu füllen und bescherte den Anleger Traumrenditen in bisher nicht geahnten Höhen.
Der am 1. Juli 1999 gestartete Börsenindex für den Neuen Markt - der Nemax-50 - wies historisch zurückgerechnet Ende 1997 einen Startwert von 1.000 Punkten aus.
Verlaufshoch bei 9.694 Punkten
Gut zwei Jahre später zu Jahresbeginn 2000 lag das Börsenbarometer bei astronomischen Ständen über 9.000 Punkten. Mit seinem Verlaufshoch markierte der Index knapp 9.694 Punkte.
Als im Jahr 2000 die heute noch immer anhaltende Börsenkrise ihren Lauf nahm, ging es auch mit dem Neuen Markt rapide bergab. An Stelle offizieller Listen mit herkömmlichen "Verkaufsempfehlungen" machten in Anlegermagazinen bald so genannte "Todeslisten" die Runde, lang bevor den Neuen Markt selbiges Schicksal ereilte.
Zahlreiche Unternehmen mussten das Börsensegment unfreiwillig wieder verlassen. Die so genannte "Penny-Stock"-Regel verbannte Aktien, deren Kurs unter einen Euro gefallen war, vom Neuen Markt.
Am Freitag notierte der Nemax-50 am Nachmittag nur mehr bei knapp 360 Punkten. Investoren, die zur Hochphase des New Economy-Booms eingestiegen waren, haben damit gemessen an dem Index 96 Prozent ihres Anlagekapitals verloren.
Noch steiler fiel die Berg- und Talfahrt bei einigen der ehemaligen Stars des Wachstumssegments aus: So bescherte der Filmrechtehändler EM.TV seinen Anlegern kurzfristig Atem beraubende Mega-Renditen. Wer am ersten Handelstag die Aktie des ehemaligen Börsenlieblings gekauft hatte, konnte sich wenige Jahre später über Kursgewinne von über 30.000 Prozent - in Worten: dreißigtausend - freuen.
Unternehmenslenker wie der EM.TV-Gründer Thomas Haffa wurden für kurze Zeit zu den abgefeierten Helden der New Economy-Generation. Nach einer völlig überraschenden Gewinnwarnung im Herbst 2000 büßte der Aktienkurs mehr als 90 Prozent ein. Haffa muss sich mittlerweile wegen des Verdachts auf Kursbetrug vor Gericht verantworten.
Mehr als drei Dutzend der einst am Neuen Markt gelisteten Firmen mussten Insolvenz anmelden, darunter aus Österreich Blue C, die sich einst als "Internet-Inkubator" feiern ließ, bevor ihr selber vorzeitig die Luft ausging.
