Al-Jazeera erobert TV und Web in Englisch

16.11.2006

Der umstrittene katarische Nachrichtensender al-Jazeera hat am Mittwoch einen Kanal in englischer Sprache gestartet. Zwölf Stunden am Tag sollen ab sofort in Englisch gesendet werden. Die mangelnde Unterstützung der US-Kabelbetreiber soll mit einem Livestream im Netz kompensiert werden.

Al-Jazeera English startet nach einigen Verzögerungen rund zehn Jahre nach Gründung des umstrittenen Senders.

Der englischsprachige Kanal wird aus Studios in Doha, Kuala Lumpur, London und Washington D. C. in HD-Qualität auf Sendung gehen. Rund 70 Millionen Haushalte weltweit sollen den Sender empfangen können - der Großteil davon in Asien, Europa und dem Nahen Osten.

Kabel- und Sat-Betreiber abwartend

In den USA haben es die Betreiber allerdings schwer, einen Sendeplatz zu erhalten: Verhandlungen mit den großen Kabelbetreibern Comcast, Time Warner Cable, Cox Communications, Charter Communications und Cablevision sowie den Satelliten-Providern Dish Network und DirecTV haben offenbar nicht gefruchtet.

Ausstrahlungsabkommen konnten lediglich mit kleineren Betreibern wie Jump TV, Fision und VDC erreicht werden, die aber nur regional tätig sind. Ein Al-Jazeera-Sprecher erklärte in US-Medien, dass die meisten Kabelbetreiber erst beobachten wollten, wie das Feedback auf den neuen Kanal ausfiele, bevor sie sich entscheiden, ihn einzuspeisen.

Mehr Unterstützung in Europa

In europäischen Ländern wie Großbritannien, Deutschland und Italien, aber auch in Israel wird Al-Jazeera English bei den großen Kabelbetreibern verfügbar sein. In Österreich vorerst nicht. "Die Einspeisung ist zum jetzigen Zeitpunkt nicht vorgesehen", heißt es bei UPC Telekabel auf Anfrage von ORF.at.

Al-Jazeera kann in weiten Teilen Europas auch über die Satelliten Hotbird 6, Thor 3, Astra und Eurobird empfangen werden.

Nicht nur westliche Kritik

Die abwartende Position der US-Provider kommt nicht überraschend, wurde der TV-Sender von der Bush-Regierung in der Vergangenheit immer wieder als Instrument von Terroristen bezeichnet.

In der Kritik standen dabei vor allem die Ausstrahlung von Tonband-Nachrichten von Osama bin Laden aber auch die Irak-Berichterstattung mit blutigen Bildern.

Weil der Sender aber keinerlei Berührungsängste vor tabuisierten politischen, religiösen und sozialen Themen zu haben scheint, hat sich Al-Jazeera nicht nur den Zorn westlicher, sondern auch arabischer Staaten eingehandelt. In weltweit 18 Ländern war der Kanal zeitweise gesperrt, vier arabische Staaten verweigern Al-Jazeera-Reportern bis heute den Zutritt.

"Nachrichten ohne Akzent"

Al-Jazeera English soll neben mehereren Newscasts am Tag auch Talk- und Feature-Shows zeigen, wichtiges Element sollen auch Live-Berichte mit "verschiedenen kulturellen Blickwinkeln auf die Geschehnisse des Tages" sein.

Will Stebbins, Leiter der Niederlassung in Washington D.C., sieht durchaus Nachfrage: "Es gibt einen Appetit auf internationale News, die nicht aus einer spezifischen nationalen Perspektive abgehandelt werden." Das Programm werde keinerlei "Akzent" haben, so Stebbins.

Live-Streaming im Netz

Al-Jazeera, das hauptsächlöich von der königlichen Familie Katars finanziert wird, hofft, Institutionen wie CNN und BBC Zuschauer wegzunehmen. Die fehlende Unterstützung der Kabelprovider soll durch einen Live-Stream auf English.aljazeera.net wettgemacht werden. Das Interesse zum Start führte am Dienstag teilweise zu Überlastung der Website.

Startschuss für al-Jazeera English war am Dienstagmittag: "Es ist der 15. November und für Fernseh-Nachrichten ist eine neue Ära angebrochen", so der von ABC abgeworbene "Anchorman" Dave Marash zum Start. An kritischen Beobachtern mangelt es dem Sender mit Sicherheit nicht.

(futurezone | AP | Forbes)