© Günter Hack/ORF.at, Gabriel Tarde

Gabriel Tarde - Kopie und Kriminalität

WISSENSCHAFT
04.04.2009

Der französische Jurist, Kriminologe und Sozialwissenschaftler Gabriel Tarde erfährt derzeit eine Renaissance. Kein Wunder, denn er hat schon im 19. Jahrhundert geschrieben, dass die menschliche Gesellschaft auf dem Prinzip des Kopierens und der Imitation beruht. Im Zeitalter der perfekten Kopie im Computer wurde die Imitation nun zum Verbrechen. Ganz klar: ein Fall für Tarde.

Im Jahr 1890 veröffentlichte der französische Jurist und Sozialwissenschaftler Gabriel Tarde (1843 - 1904) sein Werk "Les Lois de'l Imitation" ("Die Gesetze der Nachahmung"). Tarde glaubte, dass das, was gemeinhin als Gesellschaft bezeichnet wird, das Ergebnis komplexer Prozesse der Verbreitung, Reproduktion und Mutation von Ideen ist, die mit schlafwandlerischer Unbewusstheit in ihren Trägern ablaufen. Die Gesellschaft und die Umwälzungen in ihr sind für ihn das Produkt von Nachahmung und Gegen-Nachahmung - "logische Zweikämpfe", wie er es nennt.

Tarde, einer der Begründer der französischen Soziologie, operiert in seinen Schriften mit Begriffen wie Wellen und Interferenzen, die sich über die Kommunikationssysteme seiner Zeit fortpflanzen, er illustriert sein Verständnis der Übertragung von Ideen mit der "quasi fotografischen Reproduktion eines zerebralen Negativs durch die fotografische Platte eines anderen Gehirns". Medien sind für ihn wichtig. "Die Nachahmung ist eine Fortpflanzung über Entfernung", schreibt er und sinniert anhand des Beispiels eines wiederentdeckten Cicero-Manuskripts nebenbei über die Eigenschaften von Speichermedien.

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Berühmt wurde Tarde zu seiner Zeit hauptsächlich durch seine Arbeit als Kriminologe. 1894 ernannte ihn die Regierung zum Chef der französischen Kriminalitätsstatistik, 1900 stieg er ins prestigeträchtige College de France auf. Zu seinen Lebzeiten verlor Tarde allerdings den Kampf um die Definitionshoheit in der französischen Soziologie gegen Emile Durkheim, der ihm übertriebenen Individualismus vorwarf. Zu unrecht, wie der französische Wissenschaftssoziologe Bruno Latour in einem jüngst erschienenen Materialienband zu Tarde schreibt.

Für Latour ist Tarde vielmehr Urahn der von ihm mitbegründeten Actor-Network Theory (ANT), die sowohl menschliche als auch nichtmenschliche Komponenten miteinander interagieren lässt, um vorübergehende Zustände der Stabilität zu erreichen. Latour wendete diese Theorie unter anderem in der Innovationsforschung an, um nachzusehen, wie Ideen entstehen und sich verbreiten.

Latour bezeichnet das Internet als "Tarde'sche Maschine", da es ermögliche, die Spuren von Ideen exakt nachzuverfolgen, was Tarde wiederum als eine der Voraussetzungen für wissenschaftliches Arbeiten identifizierte. Das mag einer der Gründe dafür sein, dass Tardes Ideen in jüngerer Zeit wieder mehr Beachtung finden, nachdem sie im 20. Jahrhundert weitgehend in den Hintergrund gedrängt worden waren. Anfang 2009 begann Suhrkamp damit, Tardes Werke auf Deutsch neu übersetzt herauszugeben.

ORF.at unterhielt sich mit dem Schweizer Soziologen Urs Stäheli über die Bedeutung Tardes für das zeitgenössische Denken. Stäheli ist Mitherausgeber eines kürzlich erschienenen Materialienbands, der einen guten Überblick über die aktuelle Rezeption des Tarde'schen Denkens in Wissenschaftstheorie und Sozialwissenschaften gibt.

Zur Person:

Urs Stäheli hält den Lehrstuhl für Soziologische Theorie, Wirtschafts- und Kultursoziologie der Universität Basel, Schweiz. Gemeinsam mit dem Politikwissenschaftler Christian Borch gab er den 2009 erschienenen Band "Soziologie der Nachahmung und des Begehrens" mit Materialien zu Gabriel Tarde heraus.

ORF.at: Das Interesse an der Arbeit von Gabriel Tarde ist in jüngerer Zeit wieder gestiegen. Worauf führen Sie das zurück?

Stäheli: Tarde galt lange Zeit als Vertreter einer soziologisch unhaltbaren Position, da er Gesellschaft nicht mit übermächtigen Strukturen (seien es Klassenstrukturen oder die Strukturen der Arbeitsteilung), sondern mit einer unendlichen Zahl von kleinsten sozialen Ereignissen erklärte. Gerade nachdem die klassischen strukturalistischen Erklärungsmodelle immer mehr von ihrem Glanz verloren hatten, wird Tarde als Vertreter einer alternativen Soziologie wiederentdeckt, die sich für die Ereignishaftigkeit der Gesellschaft interessiert. Die Aktualität von Tarde geht nicht zuletzt darauf zurück, dass er gut etablierte Dichotomien auf fruchtbare Weise durchkreuzt: sei es die Unterscheidung zwischen Natur und Gesellschaft, zwischen Affekt und Kommunikation.

ORF.at: Tarde glaubte, dass die Gesellschaft auf dem Prinzip der Nachahmung beruhe. Wie steht die zeitgenössische Soziologie dieser Annahme gegenüber?

Stäheli: Nennt man den Nachahmungsbegriff gegenüber Kollegen, dann begegnet einem meist eine gewisse Skepsis. Die Idee der Nachahmung scheint nach wie vor eine Provokation für die Soziologie zu sein. Tarde hatte das ja auch sehr schön zugespitzt in der Wendung, dass die Gesellschaft letztlich eine Form des Somnambulismus sei. Häufig wird das Potenzial des Nachahmungsbegriffs jedoch übersehen: Tarde wendet sich damit nicht nur gegen die Vorstellung eines autonomen Subjekts, sondern auch gegen eine vereinfachte Vorstellung von Nachahmung. Nachahmung heißt immer auch Veränderung in der Wiederholung. Und gerade diese Auffassung ist ungemein aktuell. Sie schließt einerseits an gegenwärtige Theoriedebatten aus dem Umkreis des Poststrukturalismus an; sie ist andererseits aber auch für Gegenstandsbereiche wie die Diffusions- und Technologieforschung oder die Globalisierungsforschung wichtig.

ORF.at: Der französische Wissenschaftssoziologe Bruno Latour hat das Internet als "Tardesche Technologie" bezeichnet. Es ermögliche, "jedes Gerücht, jede Nachricht, jedes Stück Information" rückzuverfolgen - eine Eigenschaft, die Tarde als Voraussetzung für jede Form von Wissenschaft postuliert hat. Ist das Internet wirklich ein solches Tarde-System?

Stäheli: Obwohl Tardes Arbeiten vor mehr als 100 Jahren entstanden sind, zeichnen sich diese über ein großes Interesse an der Rolle von Medien für die moderne Gesellschaft aus. Ja, Tarde war vielleicht der erste Soziologe, der Gesellschaft konsequent aus einer medientheoretischen Perspektive analysiert hat. Tarde interessierte sich dafür, wie Medien Nachahmung ermöglichen und fördern – und wie es auf diese Weise auch zu globalen Nachahmungsketten kommen kann.

In diesem Sinne stimme ich Latour zu, dass das Internet schon fast eine "Tardesche Technologie" ist: Im Internet finden sich all jene Aspekte miteinander verbunden, welche zur Nachahmung beitragen: Echtzeitkommunikation, Netzwerke, globale Anschlussfähigkeit. Allerdings müsste gleichzeitig – ebenfalls mit Tarde – über die Grenzen des Internets nachgedacht werden: etwa über Möglichkeiten des Entzugs, welche für Tarde Erfindungen möglich machen.

ORF.at: Tarde hat die Verbreitung von Ideen mit einem technischen Beispiel aus der Fotografie illustriert. Heute liegt mit dem vernetzten Computer eine Maschine vor, die perfekte Kopien herstellen und verbreiten kann. Gleichzeitig steigt das Bedürfnis vieler Akteure, die Verbreitung von Kopien einzuschränken, beispielsweise über Kopierschutzmaßnahmen (DRM), Patente und dergleichen. Wenn Tarde recht hat und die Nachahmung erst die Gesellschaft entstehen lässt, dann müssten die Kopierschutzmaßnahmen angesichts dieses Grundbedürfnisses eigentlich zum Scheitern verurteilt sein. Oder?

Stäheli: Nun – auch bei Tarde findet eine Formung und Formatierung von Nachahmungsströmen statt, und die Konkurrenz von unterschiedlichen Nachahmungsströmen kann zur Verdrängung oder Kombination von Strömen führen; in diesem Sinne sind Kopierschutzmaßnahmen nicht automatisch zum Scheitern verurteilt. Gleichzeitig macht uns Tarde aber auf zweierlei aufmerksam: Erstens, die intentionale Steuerung von Nachahmungsströmen ist nur in einem sehr geringen Maße möglich; vor Steuerungsutopien ist daher gewarnt. Zweitens, auch die Maßnahmen zur Regulierung von Nachahmung wie DRM unterliegen ihrerseits der Nachahmung: Regeln werden kopiert, wiederholt, leicht abgeändert – und gerade dadurch auch zu global wirksamen Formen.

ORF.at: Tarde war auch Kriminologe und hat seine Nachahmungstheorien auch auf dieses Gebiet bezogen. Ab wann wird Kopieren für ihn zum Verbrechen?

Stäheli: Die Nachahmungstheorien wurden Ende des 19. Jahrhunderts vor allem auf dem Feld der Kriminologie entwickelt – häufig als Massentheorie, das heißt, es ging um die wechselseitige Nachahmung von Massenmitgliedern, die zu Massenverbrechen führen konnte. Tarde interessierte sich für die Rolle von Nachahmung bei Massenverbrechen und entwickelte eine Position, die sich gegen die Annahme richtete, dass es sogenannte geborene Verbrecher gäbe.

Vielmehr kann jede und jeder in einer Masse zum Verbrecher werden. Gerade Verbrechen kommen durch Nachahmung zustande; Verbrechen folgen eigenen Rhythmen – etwa von der Stadt zum Land; sie sind ebenfalls durch Medien beeinflusst. Verbrechen folgen, so Tarde, den Telegraphenlinien. Obwohl Verbrechen immer einen sozialen Ursprung haben, heißt das nicht, dass der Einzelne nicht verantwortlich für sein Tun ist.

Eine der großen Leistungen von Tarde bestand darin, einen Weg für einen neuen Verantwortungsbegriff freizulegen – und damit eine neue Grundlage für das Strafrecht: einen Verantwortungsbegriff, der nicht auf der Idee des freien Willens beruht (denn dies würde ein klassisches Subjekt voraussetzen, das sich den Nachahmungsströmen entziehen kann). Gleichzeitig ist das Subjekt aber auch nicht willenloses Opfer von Nachahmungen, sondern ist immer wieder mit bewussten und unbewussten Entscheidungen über Nachahmungen konfrontiert – Entscheidungen darüber, welchen der unzähligen Nachahmungsströmen gefolgt werden soll.

Denn die moderne Gesellschaft zeichnet sich gerade dadurch aus, dass diese über eine Vielzahl von unterschiedlichen, sich teils gegenseitig bekämpfenden und untereinander verflochtenen Nachahmungsströmen verfügt.

(futurezone/Günter Hack)