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Echtzeit: Die Gegenwart war gestern

NETZTEILE
21.03.2009

Nachdem nun auch Facebook auf den Twitter-Zug aufgesprungen ist und jede Online-Zuckung sofort dokumentiert wird, gilt unter Profihektikern die Gegenwart nicht mehr als aktuell genug. Der wahre Kenner ist nur noch in der Echtzeit erreichbar.

Seit dem Update von Facebook und der Ankündigung, alles sei jetzt "real-time", kann ich meinen Nachbarn in der Früh merkwürdig gehetzt zum Bäcker rennen sehen. Denn weil aus der Zeit nun Echtzeit geworden ist, hat er keine mehr davon zu verlieren. Nur nichts verpassen.

Twitter war schon furchtbar, ständig diese Neuigkeiten im Anmarsch, nun macht es Facebook nach. Neulich, so schrie er im Vorbeigehen, riss es ihn schweißgebadet aus dem Schlaf. Er hatte geträumt, seine Steuererklärung sei mit Twitter gekoppelt worden. Und nun komme er mit dem Nachzahlen nicht mehr hinterher. Wenn alle Medien plötzlich wie ein Börsenticker aussehen, kann einem das schon den Schlaf rauben. Vor allem bei den Börsenkursen im Jahre 2009.

Es ist ja auch kein Wunder, dass man seinen Blick nicht mehr vom Bildschirm nehmen will. Bei all den schönen neuen Facebook-Tools, die zur Verfügung stehen. Und andauernd hat einer der Freunde was zu sagen. Das können keine Freunde sein, die nicht mehr zuhören und einfach nur noch texten. Man will einfach nicht mehr verpassen, wenn es dem Schulfreund von damals jetzt in Echtzeit so langweilig ist, dass er live (!) seine Knöpfe am Hemd zählt.

Bei Twitter ist es nicht besser. Mein Nachbar hat mit twittearth die ganze Welt am Kugeln, schaut sich mit TwitterThoughts die Trends innerhalb von Twitter an oder knallt sich via SXSW den Echzeitgeist auf die Augen. Da ist so viel Jetztzeit drinnen, wer denkt denn da noch an gestern? Das ist alles schon fast Klick-Zen, so ist mein Nachbar in seinem Augenblick verhaftet. Müde lachen kann er nur noch über Twitter StreamGraphs. Wo ist denn da die Herausforderung? Und wer will sich noch mit den historischen Fotos, die Google schon eine ganze Weile präsentiert, noch aufhalten? Doch nur "Time" und andere Papier(!)-Blätter.

Nicht genug damit. Jetzt kommt auch noch Bebo auf den europäischen Kontinent. Und wenn MySpace auch noch in Echtzeit auf meinen Nachbarn einplärrt, dann sehe ich ihn vermutlich am nächsten Morgen senkrecht vom vierten Stock herunterschießen, um noch schneller die Semmeln zu holen. Flach wie eine Flunder.

Oder aber er entspannt sich. Nicht einfach bei ihm, aber trotzdem.

Wenn man dem rasenden Stillstand von Twacebook eine Weile zugeschaut hat, dann weiß man ja eh: Tausende gehen morgens Semmeln holen, dann regen sie sich über ihren Computer auf, danach sehnen sie sich nach dem Wochenende und haben nebenbei noch die gleichen drei lustigen Links entdeckt. Oder sie waren total individuell in Barcelona ... oder so. Und der Rest jammert über die Echtzeit und darüber, dass immer so viel los ist.

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(Harald Taglinger)