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Toasten mit dem Browser

NETZTEILE
14.03.2009

Nun haben wir schon die vielen Betriebssysteme, Netbooks, iPhones, Laptops, PCs, das Internet und den ganzen restlichen digitalen Krempel. Aber anstatt nur Tabellen auszufüllen oder die Nachrichten am Bildschirm zu lesen, wird uns doch hoffentlich noch mehr einfallen damit. Vor allem dann, wenn man das Zeug anders verwendet als ursprünglich geplant.

Streng genommen war das alles ein riesigen Versehen. Thomas J. Watson war noch 1945 der Meinung, dass die Welt nicht mehr als fünf Computer brauche. Herr Watson arbeitete für IBM; die Konsequenz des Irrtums ist bekannt und heißt Microsoft.

Es ist ja nicht so, dass die Welt kaum mehr als fünf Computer benötigt. Sie braucht auch kaum mehr als die Befehle "Öffnen", "Schreiben" und "Drucken". Denn zu viele Features treiben uns alleine als Telefonkunden schon an den Rand des Wahnsinns. Eine US-Studie zeigt: Jede wirklich vertelefonierte Minute kostet die dortigen Kunden im Schnitt drei Dollar, so viel Kram haben sie bestellt und nie durch den Hörer oder das Display abgeholt.

Das kommt sicher davon, dass genau jene Herren in Hochwasserhosen die technischen Möglichkeiten entwickeln, die uns schon früher auf dem Schulhof über unsere Ansichten zu zeitgemäßem Zahnspangendesign befragt haben. Attraktivität sieht anders aus.

Deshalb ist ein wenig Kreativität gefragt. Ein wenig Gegenbürsten. Wie wäre es mit einer Textverarbeitung, die endlich das Wetter vorhersagen kann, oder einen Browser mit eingebautem Toaster und einen MP3-Player, der mir aus der Hand liest. Wem das zu spinnert klingt, der kann sich ja umschauen, wie gerade die Musterknaben im Web genau diesen Weg gehen. Sie machen überraschende Dinge genau da, wo wir sie nicht erwarten.

Zum Beispiel hat sich Facebook vorgenommen, mindestens jedes Zehnte unserer Ferienbilder weltweit vom Markt zu nehmen. Indem dessen Server einfach zu rauchen beginnen und der Back-up nicht sauber aufgegleist wird. So verliert man verliert zehn Prozent der Bilder in der Community. Tapfer! Falls Herr Zuckerberg noch ein wenig sein Geschäftsfeld ausdehen will, dann sei ihm dieses Dokument empfohlen: How to delete accounts form any website Da werden die Nutzer aber staunen.

Oder das iPhone. Ja, natürlich, das musste ja kommen, aber anders, eben anders. Aus Japan erreicht uns die freudige Nachricht, dass man jetzt auch per Mimik Anwendungen durch das iPhone steuern kann. Ich hatte die einzelnen Apple-Euphoriker in der Straßenbahn immer für Freuden-epileptisch gehalten, dabei wollten die nur ihre Mails abrufen. Aber immerhin. Zunge rausstrecken und über die linke Augenbraue ziehen ("Erhöhe Lautstärke des gehörten Musiktitels") soll ja gesund sein. Im Vergleich dazu sind 20 coole Dinge für das iPhone lange nicht so cool, wie das der Titel vermuten lässt.

Gut, eine Band aufmachen, einkaufen und andere Kameras dabei haben, das ist schon schön, aber rasieren kann ich mich mit dem Gerät immer noch nicht. Und von einem Tauchsieder wollen wir hier trotz beträchtlichen Batterienverbrauchs auch nicht sprechen.

Wo wir schon beim Thema Verschwendung sind. Richtigen Respekt im Web kann einen eigentlich nur noch die größte Website der Welt einjagen. Das Monster ist ein Download-Sodom und braucht selbst bei flottem DSL-Zugang 120 Tage für einen einzigen Download. Also vielleicht den Papa bei guter Laune erwischen, bevor man jetzt diesen Link klickt und die Limits der Pseudo-Flatrate sprengt.

Und warum kann ich eigentlich nicht auch meine Kinder durch Twitter erziehen? Automatische Ansagen wie "Nein, nicht die Oma auf den Balkon rollen, es ist Winter" haben doch kaum mehr als 140 Zeichen. Stattdessen verplempert das Paradepferd 2009 seine Innovationskraft mit lokalen News. Na, die lernen es auch noch. Immerhin hat man begriffen, dass der Trend auf Twitter dazu übergeht, die Trends auf Twitter zu zeigen. Die einzelnen Tweets wird ja eh niemand mehr lesen.

In diesem Sinne auf: SMS war auch langweilig, bis 14-Jährige entdeckt haben, dass man durch merkwürdige Zeichen an den Vater prima Angst bei Erziehungsberechtigten auslösen kann. Das wäre mit Twitter nicht passiert.

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(Harald Taglinger)