Web 2009: Ehrlich im Internet
Dieses Jahr wollen wir endlich alle wir selbst sein. Auch im Netz. Darum fordern wir mit Eugene Kaspersky den Personalausweis fürs Internet. Wenn wir den erst haben, dann werden wir nie wieder lügen, betrügen oder gar downloaden. Versprochen.
Jedes Jahr in Hannover treffen sich wilde Horden in zahllosen Hallen und nennen das CeBIT. Die Messe ist gleichzeitig das Allerheiligste der IT-Branche. Und wie jedes Jahr wäre es langweilig dort, gäbe es nicht Themen, die gleichsam aus dem Hinterhalt aufkämen. Und Menschen, die so wunderbare Namen haben, dass man nicht einmal erfinden könnte, selbst wenn man wollte. Der russische Sicherheitsexperte Eugene Kaspersky ist so einer. Und er fordert den "Internet-Personalausweis". Ich will gar nicht wissen, wie das auf Russisch klingt, das ist auch egal, denn das Bundesamt für Sicherheit und Informationstechnik zockt nach und sieht den Umgang mit Daten im Netz als "immer größeres" Sicherheitsrisiko.
Also, meinetwegen können wir den Internet-Personalausweis ruhig einführen. Mein Name ist Elke Mustermann, ich melde mich online an und bin ab jetzt ganz ich selbst.
Gut, man kann zu Zeiten von Twitter nicht einmal mehr in der Nähe von Verbier in einer Schneewehe verschüttgehen, ohne dass einen die Community durch Ortung der iPhone-Tweets wiederfinden würde. Dieses ganze Rumgezwitschere scheint sowieso eher ein Riesenversehen gewesen zu sein. Und es wäre vermutlich nicht abgehoben, würde am Anfang immer die Aufforderung stehen, seinen 17-stelligen Zahlencode für den Internet-Personalausweis und das Passwort "Kaspersky" einzutippen. Aber wenigstens wären wir wenigen dann alle ehrlich. Und weil wir wenige und untereinander bekannt wären, wären wir auch höflich.
Denn nur dann, wenn wirklich jeder jeden kennt, wird die Welt an Sozialen Netzwerken genesen. Platz am Modem garantiert.
Denn spätestens im Jahr 2019, wenn man Microsoft dieses Video abnehmen will, werden wir nur noch in Bildschirme schauen und unser Leben als Datenstrom vorbeiziehen sehen. Da will man doch zumindest wissen, wer auf der anderen Seite des Kabelstrangs sitzt. Stell Dir vor, es kommt irgendwann an das Tageslicht, dass die freundliche Dame auf der Website gar nicht Anna Meier ist, sondern nur ein Avatar. Das wäre schrecklich. Und Avatare werden nicht einmal bei Eugene Kaspersky Ausweise bekommen, auch wenn sie echt virtuell sein sollten.
Wir fangen heute mit der ganzen Ehrlichkeit unseres Herzens an, sogar ohne Personalausweis. Wir werden Mails schreiben mit Titeln wie "Darf ich Ihnen ein unwirksames Potenzmittel verhökern? Ich wohne, wenn es Sie nicht weiter stört, eigentlich auch gar nicht in Afrika, sondern in Linz." Und wir werden im Forum Einträge beginnen mit "Eigentlich wollte ich erst einmal dem SysOp sagen, was er für wunderschöne Wimpern hat. Und dann ist mir noch der Weltfrieden ein Anliegen." Aber was noch viel wichtiger ist: Dann werden auch Firmen wie Facebook aufhören, mit dem Versuch, mit blöden Tricks Twitter zu überrumpeln.
Denn dann sind wir alle, und zwar wirklich alle lieb und gut. Auch Kaspersky und das BSI. Keine blöden Tricks mehr, keine Überwachungen, wir sagen alle, wer wir sind, wen wir lieben und was wir wollen. Und wenn wir das getan haben, dann ziehen wir den Garten Eden wieder hoch und laufen nackt in einer Schlange um den Apfelbaum.
Aber bis dahin lese ich Zeitung und kaufe mir eine Semmel, ohne auch nur die Spur eines Ausweises zu zeigen. Ich surfe und spreche mit Menschen ohne extensive Sicherheitschecks und will nach wie vor nicht wie ein Verbrecher ständig einen Barcode herumreichen müssen. Ich bin unschuldig. Wie fast jeder, lasst mich in Frieden. Die große Gefahr nehme ich lieber in Kauf als das weltweite Datengefängnis.
(Harald Taglinger)
