Telepräsenz in der "Meeting Machine"
Bereits in den 1990er Jahren haben Telekonferenzsysteme als große Hoffnung kostenbewusster Unternehmer und Umweltschützer gegolten. Anstatt Manager auf Reisen zu schicken, sollten geschäftliche Besprechungen über computervermittelte Kommunikation stattfinden. Doch ruckelnde Videos und stotternde Audiostreams schreckten viele Nutzer ab. Nun sollen aufwendigere Systeme das Problem lösen.
Im Gegensatz zu den oft unzulänglichen Systemen der 1990er Jahre funktionieren auch Videokonferenzen flüssig und stabil über TCP/IP-Verbindungen. Auch der durchschnittliche Nutzer sammelt mittlerweile im Privatleben mehr Erfahrung mit verwandten Systemen, etwa mit Videochats via Skype und andere kostenlose Clients.
Aber die Sache mit der Videokommunikation hat nach wie vor ihre Tücken. Kommunikationswissenschaftler weisen darauf hin, dass hier der Anschein erweckt würde, man befände sich in einer Face-to-Face-Kommunikation und könne deshalb Mimik und Körpersprache dementsprechend einsetzen. Tatsächlich gehorcht Videokommunikation aber ganz anderen Regeln, und der persönliche Eindruck vom jeweiligen Gesprächspartner kommt anders zustande als in der "wirklichen" Welt.
Details wichtiger als Inhalte
Das bestätigt eine Ende 2008 veröffentlichte Studie der Boston University, deren Autoren Unterschiede in der Informationsverarbeitung zwischen direkter und Video-vermittelter Kommunikation untersuchten: Dazu wurde das Verhalten von Ärzten bei interaktiven Seminaren untersucht, die sowohl direkte Anwesenheit als auch die Teilnahme per Videokonferenz ermöglichten. Die virtuell zugeschalteten Teilnehmer ließen sich weitaus mehr von der Beliebtheit des Sprechers als von der Qualität seiner Argumente beeinflussen.
Scheinbare Kleinigkeiten wie die Sitzposition und die Bewegung der Augen erlangen hier große Bedeutung und können die inhaltliche Qualität des Gesagten zunichte machen.
Schau mir in die Kamera, Kleines
Das "Eye Contact Dilemma" ist eines der größten Probleme dabei. Man sieht einem Gesprächspartner in der Regel in die Augen - das heißt aber in diesem Fall, dass man auf den Bildschirm und nicht in die Kamera blickt. Damit entsteht beim Gegenüber der Eindruck, man sehe an ihm vorbei.
Sieht man aber - weil man das in der Videoschulung gelernt hat - gezielt in die Kamera, so entgehen dem Teilnehmer die nonverbalen Reaktionen seines Gegenübers. Überhaupt funktioniert auch das nur, wenn es auf beiden Seiten der Verbindung nur eine Person gibt, die jeweils direkt vor der Kamera sitzt.
Das Kamera-Versteckspiel
Mit 3-D-Telepräsenzsystemen sollen diese Probleme angeblich der Vergangenheit angehören. In diesen nämlich wird über ein spezielles halbverspiegeltes Glas und weitere Spiegel erreicht, dass der Strahlengang der Kamera exakt mit dem Strahlengang des Displays übereinstimmt, auf dem man die Gegenstelle sieht.
Das ermöglicht es, gleichzeitig in Bildschirm und Kamera hineinzusehen - und sich damit dem Telekonferenzpartner in die Augen. Das funktioniert auch von einer ganzen Personengruppe zur anderen. In entsprechend ausgestatteten Telepräsenz-Konferenzräumen sind die Gesprächspartner zudem dreidimensional in Lebensgröße zu sehen, und der Eindruck von deren leiblicher Gegenwart ist schon fast überzeugend.
Heute in "matrix"
Mehr zum Thema hören Sie am Sonntag, dem 1. März 2009, um 22.40 Uhr im Ö1-Netzkulturmagazin "matrix".
Virtualitäten für die Teppichetage
Für entsprechend ausgestattete Räume müssen dann allerdings an die 200.000 Euro aufgebracht werden. Bescheidenere Versionen sind schon um die 40.000 Euro zu haben.
An der Kompatibilität solcher Systeme untereinander und mit anderen, wie beispielsweise mobilen Videosystemen auf Laptops und Handys, wird noch gearbeitet. Über zentrale Knotenpunkte, "Meeting Machines", sollen die Telepräsenzgespräche dann vermittelt werden.
(matrix/Eva Schmidhuber)
