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Wir brauchen ein anderes Internet

NETZTEILE
28.02.2009

Wenn das Internet eine Zeitung wäre, würde man darin nicht einmal einen Fisch einwickeln wollen. Das Netz strotzt einfach so vor Designfehlern. Werfen wir es einfach weg!

Machen wir es uns einfach und lesen wir dann weiter, wenn es spannend zu werden scheint. Dann sind im Internet, pardon, im World Wide Web, wahllos Wörter unterstrichen, die zu sehr wichtigen Inhalten führen. Kurz eingehakt ist das in etwa so, wie wenn uns ein schöner Mensch in einer angenehmen Bar interessierte Blicke zukommen lässt.

Und dann wagt man nach einigem Hin und Her endlich den Gang an die Bar und möchte einen Drink spendieren. Aber was bekommt man dann, wenn man ein wenig in die Seite drückt?

"404" oder "Das da drüben ist übrigens mein Freund, und der ist sehr stark ... und manchmal irgendwie impulsiv ..." So geht es einem auch, wenn ich jetzt sage, dass Vint Cerf wieder einmal das Ende des Internets prophezeit. Wobei man übrigens mitbekommt, dass der TCP/IP-Pionier tatsächlich eine Powerpoint-Version von 1997 mit Windows 3000 starten will. Anscheinend hat er noch nie versucht, auf einem Mac Word-6.0-Dateien zu öffnen, die nicht einmal zehn Jahre alt sind. Na gut, Propheten denken langfristig.

Sätze wie "in 13 Minuten geht die Welt unter" sind zum einen nachprüfbar, zum anderen kommen sie lange nicht so gut wie "Und ich sah in der rechten Hand des, der auf dem Stuhl saß, ein Buch, beschrieben inwendig und auswendig, versiegelt mit sieben Siegeln. Ich sah einen starken Engel, der rief aus mit großer Stimme: Wer ist würdig, das Buch aufzutun und seine Siegel zu brechen?" Gut, das habe ich aus der Offenbarung des Johannes geklaut, aber der hat das ja auch nur von seinem Chef raubkopiert und nach rund 2.000 Jahren sollten sogar die Schutzfristen dafür schon abgelaufen sein. Gut, dass die damals nicht per Powerpoint die Bergpredigt visualisiert haben. Sonst wäre nach Prophet Cerf, Buch 1, Vers 4 noch weniger davon übrig.

Aber um hier nicht ganz abzuschweifen: Irgendwie hat Cerf ja recht. Wir leben mit einem Netz, auf dem ein ehemaliger Hersteller von Schreibmaschinen und ein engagierter Buchhändler dabei sind, den Chef aus dem Ring zu werfen. Das geht heute, einfach so. Ohne Windows 3000.

Die wichtigsten Schreiber in der Blogosphäre sind inzwischen übrigens die Iraner, und es wird Papst Benedikt sicher nicht gefallen, dass statt des Wortes des Herrn die Frage erörtert wird, wo man in Teheran Schminke bekommt.

Seit sogar im gottgefälligen Utah via Internet mehr als 2,5 Millionen Dollar dem Staat geklaut wurden, weiß man auch längst. Der Teufel steckt nicht im Detail, sondern in LAN-Kabeln. Womöglich in den roten. Das Internet zerstört alle traditionellen Medien, es beherbergt Superverbrecher und merkwürdige Zeitgenossen, die ganz anders denken als Männer in Glasautos.

Und dann kommt auch Antichrist Google und zerstört zwar, schafft aber wenig Neues im Netz. Google, von wegen "Don't be evil“, denn die Suchmaschine, die stets das Böse sucht und Gutes schafft, die gibt es eben in diesem Internet noch nicht. Und von Privacy und Security wollen wir gar nicht erst reden. Das tut die "New York Times" schon. Da ist dann alles gesagt.

Im nächsten Internet werden wir alle Geräte mit Sonnenenergie betreiben, und alle anderen haben das Aussehen von schönem Spielzeug. Und dann fangen wir das Internet an einer ganz anderen Stelle an. In Afrika.

Bill Gates startet dort das Internet für Homebanking via Handy. Die machen das dann besser als wir, wir schauen ja eh fast vier Tage pro Jahr nur Internet-Pornos, wenn wir Schüler sind und in Großbritannien leben und nicht Vint Cerf heißen.

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(Harald Taglinger)