Do not move - Internet macht das schon
Wir sind alle viel zu faul im Winter. Bloß nicht bewegen, sonst verkühlt man sich noch im Gegenwind der eigenen Muskelanspannungen. Aber es naht die Rettung, das Internet erledigt eine Menge Sachen für uns. Wir müssen einfach nur dasitzen und weitersurfen.
Es ist zu anstrengend, ein selbstbestimmter Mensch sein zu wollen. Und ein aktiver noch dazu. Also bleiben wir lieber passiv und fremdgesurft. Das Internet macht es uns leicht, sich einfach fallen zu lassen. Und mit einem lauten Plumpsen in den Sessel vor dem heimischen PC schauen wir fasziniert zu.
RSS Feeds sind eine tolle Sache, aber das ewige Anmelden und Klicken und Lesen und Abmelden von Feeds geht doch auf keine Mauskugel. Wie gut: Es gibt jetzt Ambient News, das sich unserer erbarmt und unser Surfverhalten beobachtet. Und das kleine Helferlein extrahiert, wenn möglich, aus diesen Seiten in Zukunft Headlines und Links, die uns vielleicht interessieren könnten. Das lassen wir uns gefallen, solange wir nicht erklären müssen, warum auf unseren Geräten neben dem Wetterbericht, den Sportnachrichten und einer Apple News nicht auch "Madeleine shows her Boobs" prangt. Es wäre einfach ein Umstand, solche Überschriften der Gattin zu erklären. Es sind schon andere wegen weniger an Nudelholzvergiftung gestorben.
In Zukunft kann man sich auch die Mühe sparen, sich immer wieder die gleichen blöden Passwörter aus seinen Fingern zu saugen: die 500 dämlichsten neben den Computer geklebt und einfach abgeschrieben. Dann ist man auch nicht unsicherer als der Großteil aller Nutzer. Und ein einfacher Durchstreicher reicht, um sich das neue Passwort zu merken. Ach, am besten schickt man gleich Ambient News über die Liste. Fertig.
Wer noch mehr auf Gott vertraut, der sucht ihn. Und wer Gott sucht, der wird ihn in Google nicht finden. Die Mühe kann man sich sparen. Dem Katholizismus allerdings kann man mittels dieser kleinen Einflüsterei eher begegnen. Aber die Mühe nach der wichtigsten Suche im Netz kann man sich gleich sparen, wir haben schon mal Sex eingegeben und sind nicht sehr erregt. Wäre auch viel zu anstrengend.
Keine Ahnung, wer sich die Mühe gemacht hat, den rechten Glauben durchsuchbar zu machen. Vielleicht einer von den 1.400 Menschen, die für 73,4 Prozent aller Wikipedia-Einträge zuständig sein sollen. Der Rest schaut zu und liest. Oder vielleicht nicht einmal das. Interessant wäre der Prozentsatz der Schüler, die mittels Copy&Paste ganze Schularbeiten für ihre nichtsahnenden Lehrkräfte mittels Wiki-Spicker herstellen.
Ganz Faule kopieren einfach einen Link in ihre Übungsblätter und überfordern damit korrigierendes Lehrpersonal schon alleine mit dem im Altdeutschen eher seltenen Akronym "http". Wem das Surfen und Zappen immer noch zu anstrengend ist, der kann für 500 US-Steine im Monat via Sky Grid einen News-Aggregator kaufen, für den man sich erst einmal hinsetzen muss. Und danach sollte man sich ausruhen. Alle wichtigen Ticker auf einen Blick. Das schafft nicht einmal Business-Fernsehen auf Koks.
Unbenutzbar? Ach, das geht noch viel schlimmer. Diese 19 Gegenstände kann wirklich keiner brauchen. Weil sie keiner gebrauchen kann. Und das ist dann die ultimative Ausrede für Faulheit und Verrottung vor dem Gerät. Und dann heißt es wieder: Ich konnte einfach nicht verstehen, wie herum man die Mauskugel halten soll, deshalb habe ich keine Wiki-URL in meine Hausarbeit kopiert, Herr Lehrer, aber Sie lesen ja eh alles im katholischen Google oder via Sky Grid nach, so wie ich Sie und Ihre Haushälterin kenne.
Das Internet ist schön. Mehr sag ich heute nicht. Ist so anstrengend.
(Harald Taglinger)
