Mein kleines "Castle Wolfenstein"

webheimat
12.11.2006

Wir dachten schon, wir seien sie los. Doch jetzt schleicht sie sich abermals in unsere Browserfenster: die gefürchtete, die schreckliche, die unbarmherzige dritte Dimension.

Es gab wieder einiges zu sehen, neulich, auf der Web-2.0-Konferenz in San Francisco: virtuelle Anzeigennetzwerke, Börsen zum billigen Verkauf von Programmiertalenten, soziale und asoziale Datenbanken, fantastische Online-Terminplaner. Und ein Ding, das sich wie ein Zombie-Flugzeugträger aus dem Nebel unter der Golden Gate Bridge schob: 3B.

3B will aus dem schnöden flachen Web eine dreidimensionale Erlebniswelt machen, die sich allein oder gemeinsam mit tollen Avataren durchwandern und kommentieren lässt. Der User braucht nur den speziellen 3B-Browser herunterzuladen, um sich in einer Welt wieder zu finden, die aussieht wie ein Pac-Man-Labyrinth aus der Perspektive des zaghaften Gespensts Inky. Nur mit Webseiten als Wänden. Klickt der User an die Wand, öffnet sich die entsprechende Site. Revolutionär!

3B organisiert die Website-Wände in "Cities", die sich nach bester "Doom"-Tradition durchwandern lassen. Nur dass hier keine klebrigen Monster ums Eck gepixelt kommen, sondern leibhaftige Musical-Websites und lieblos an die Wand gepfählte Wer-Blogs, denen nicht nur bei Vollmond der Bart wächst. Die User können sich aus den Website-Wänden auch eigene "Villages" bauen, also eigene Castle Wolfensteins zusammenkleben, in denen sie den Schlossherren geben.

Alles ist Spiel

Dabei galten 3-D-Welten doch spätestens mit dem unbemerkten Übergang der Virtual Reality Modeling Language [VRML] in eine bessere Welt als erledigt. Es war wohl der Publikumserfolg des Paralleluniversums "Second Life", der den Designern die First-Person-Shooter-Perspektive wieder als attraktiv erscheinen ließ.

Sowohl die Atmosphäre von "Second Life" als auch die in 3B muten ähnlich an wie "Elephant", der Film, den der US-Regisseur Gus van Sant 2003 als Interpretation der Morde an der Columbine High School in die Kinos brachte. Van Sant filmte seine Protagonisten während langer Einstellungen von hinten, klebte ihnen mit der Kamera starr im Rücken, während sie durch die endlosen Gänge ihrer Schule wanderten. Die Schule wurde in dem Film zu einer 3-D-Oberfläche, die keiner bedienen wollte.

Schatzi, dein Avatar ist da

Will die Generation, die mit 3-D-Spielen aufgewachsen ist, tatsächlich auch das Web nach einem ähnlichen Prinzip durchstreifen? In William Gibsons Roman "Idoru" [1996] verwenden die jugendliche Protagonistin Chia und ihre Freunde ein System, das als Blaupause für "Second Life" durchgehen könnte: Eine künstliche Welt, kontrolliert von Telekoms, durchsetzt von 'magischen' Software-Objekten.

Man könnte sagen: "Second Life" funktioniert, weil es die Unterhaltungs- und Kommunikationsfunktionen des Internets mit den Mitteln des Game-Designs erschließt. 3B dagegen funktioniert nicht, weil es mit den gleichen Ideen aus der Spielewelt an ernsthafte Navigations- und Marktplatzfunktionen herangeht. Im Entertainment-Bereich wächst die 3D-Bedienung sozusagen organisch aus ihrer eigenen Tradition heraus in den virtuellen Raum hinein. Suchmaschinen und Excel-Tabellen bleiben aber - vorerst - flach.

(futurezone | Günter Hack)