Digitale Schnitzeljagd nach Stasi-Akten

DEUTSCHLAND
01.01.2009

15.000 Säcke voll zerrissener Dokumente des DDR-Ministeriums für Staatssicherheit werden künftig eingescannt und digital rekonstruiert.

Die zerrissenen Stasi-Akten sollen von 2010 an per Computer rekonstruiert werden. Die Entwicklung des elektronischen Puzzles komme gut voran, sagte Projektleiter Bertram Nickolay vom Fraunhofer Institut für Produktionsanlagen und Konstruktionstechnik in Berlin der Nachrichtenagentur dpa.

Das Pilotprojekt im Auftrag der Bundesbehörde für die Stasi-Unterlagen wurde im April 2007 begonnen. Der deutsche Bundestag hat dafür etwa sechs Millionen Euro bereitgestellt.

400 Stasi-Säcke

"Der Computer kann schon Farben und Risskanten der Schnipsel erkennen, jetzt muss die Zuordnung von Schriften und Inhalten entwickelt werden", sagte Nickolay zu dem nach seinen Angaben weltweit einmaligen System. Zunächst soll die zerrissene Hinterlassenschaft des DDR-Ministeriums für Staatssicherheit aus 400 Säcken am Computer zusammengesetzt werden.

Doch das ist nur ein kleiner Teil: Bürgerrechtler konnten im Herbst 1989 Tausende Säcke mit Stasi-Papierschnipseln vor der endgültigen Vernichtung retten. Derzeit lagern bei der Stasi-Unterlagenbehörde noch mehr als 15.000 Säcke. Stasi-Offiziere hatten zum Schluss Akten per Hand zerrissen, weil die Reißwölfe heißgelaufen waren. Bis zu 600 Millionen Schnipsel sind nach Schätzungen in den sichergestellten Behältnissen.

"Stasi 2.0"

Als Epithet für die Überwachungspläne des deutschen Innenministeriums hat sich mittlerweile der wenig schmeichelhafte Ausdruck "Stasi 2.0" in Deutschland eingebürgert.

- Der Weg zum Geheimdienststaat

Griff in den Sack

Bisher sei der Inhalt von 40 Säcken digitalisiert, aber noch nicht zusammengesetzt. "Wir sind zuversichtlich, dass wir den Gesamtprozess vom Griff in den Sack bis zur zusammengesetzten Seite hinbekommen", sagte Nickolay.

Nach der technischen Rekonstruktion der einzelnen Seiten aus den 400 Säcken soll der Inhalt in 15 bis 18 Monaten erschlossen und zugeordnet werden. Man erhoffe sich aus der Auswertung unter anderem Informationen aus der Auslandsspionage der Stasi.

Manuell

Ob und wie nach dem Pilotprojekt die elektronische Zusammensetzung von Schnipseln weitergehe, müsse der Bundestag entscheiden, hieß es von der Behörde. Daneben werde die Rekonstruktion von Papieren per Hand im bayrischen Zirndorf fortgesetzt. Sie gilt jedoch als extrem aufwendig.

(dpa)