© Sreenshot Google; ORF.at (Montage), Handy auf einer Landkarte

Handyortung 2.0

POLARIS SOLARIS
22.12.2008

Basierend auf dem Abgleich historischer (Vorrats-)Daten mit aktuellen Bewegungs- und Verkehrsdaten errechnet ein neuartiges Überwachungssystem für Mobilfunknetze den Standort eines Handys beinahe live und genauer als andere Systeme. Laut Hersteller kann im Zweifelsfall ein "elektronischer Zaun" ganze Stadtteile vom Mobilfunk her abriegeln.

Auch wenn man im österreichischen Innenministerium meint, für die Ortung von Handys bedürfe es eines IMSI-Catchers, so gibt es drei hauptsächliche Methoden, um etwa "verirrte Tourengeher" aufzufinden.

Eine davon ist gerade erst auf den Markt gekommen, und die funktioniert ziemlich andersherum als die bisher bekannten Ansätze: Das Wireless-Location-Signatures-System (WLS) des Start-ups Polaris Wireless.

Während bei GPS und Triangulation vornehmlich mit eigener Peilung und Laufzeitmessung des Signals gearbeitet wird, holt sich das WLS-System die benötigten Daten über eine Standardschnittstelle offenbar direkt aus dem (immens umfangreichen) SS7-Datenpool - dem "Signalsystem" der Telekoms - und rechnet eher, als es peilt.

"Verirrte Tourengeher"

Mit dem Argument, man müsse verunfallte Wanderer in unwirtlichen Gegenden mit schwacher Funkmastendichte lokalisieren können, genehmigte eine Mehrheit im österreichischen Parlament vor gut einem Jahr über das neue Sicherheitspolizeigesetz die Anschaffung von IMSI-Catchern.

Dabei handelt es sich um eine Gerätschaft, die technisch einer Mobilfunkbasistation im Kleinformat äußerst ähnelt, aber in der Regel ein "paar Parameter anders setzt". So, dass zum Bespiel die Verschlüsselung deaktiviert und das Gespräch mitgeschnitten wird.

Zum Ruf der "Novelle zum Sicherheitspolizeigesetz" haben deren Begleitumstände das Ihrige beigetragen.

Was die "Laufzeit" betrifft": Die Novelle wurde als letzter Punkt der letzten Tagesordnung des österreichischen Parlaments vor der Weihnachtspause 2007 kurz vor Mitternacht verabschiedet. Mittlerweile ist sie vor dem Verfassungsgerichtshof angelangt.

- Verfassungsrichter beraten weiter über SPG

Mehr Algorithmen, weniger Peilung

Ganz genau lässt sich der Hersteller des natürlich mehrfach patentierten und mit einer Trademark versehenen Systems, in dem proprietäre Algorithmen eine Hauptrolle spielen, in seiner Produktbeschreibung nicht aus.

Die Genauigkeit der Ortung liegt nach Angaben von Polaris durchschnittlich bei weniger als 50 Metern, auch im urbanen Raum und sogar in Gebäuden, und ebendort aber besteht für die "Konkurrenztechnologie" GPS das Problem.

Wo GPS regiert

Während GPS in ländlichen Gebieten, wo Mobilfunkmasten dünn gesät sind, naturgemäß genauere Ergebnisse liefert als jedes auf Mobilfunkdaten basierende System, hat GPS in Häuserschluchten ein Problem.

In Gebäuden selbst gibt es meist überhaupt keinen Empfang, das Handy mit einem rein GPS-basierten Ortungssystem verschwindet daher vom Schirm der Überwacher.

Damit genügt ein reines GPS-System weder der US-Auflage, bei Notruf 911 geortet werden zu können, noch taugt es für die Ansprüche von "Law Enforcement", also der Polizei.

Stahlbeton, bedampftes Glas

In einer Umgebung von hohen Stahlbetongebäuden, die mit metallbedampftem Glas verkleidet sind, haben auch Kreuzpeilung oder Triangulierung mit Laufzeitmessung ihre Tücken, da das Signal aufgrund von Reflektionen mehrfach daherkommen kann, zeitversetzt.

Und obwohl hier die Dichte der Funkmasten am höchsten ist, sinkt die Genauigkeit der herkömmlichen Peilerei wieder etwa gegenüber den Vorstädten.

Technisch verkürzt gesagt:

Die seit Jahren eingesetzten, verschiedenen Ortungssysteme durch Peilung und Laufzeitmessung von Funksignalen setzen zusätzliche Hardware an Ort und Stelle in den Basisstationen der Mobilfunknetze voraus.

Sie arbeiten alle vorrangig mit verschiedenen Sorten von Laufzeitmessungen der Signale, die halt dann nicht sehr zuverlässig funktionieren, wenn auf einer Linie des Triangels ein Büroturm steht.

Das System Polaris

Das Polaris-System arbeitet weniger mit selbstgepeilten wie mit Daten, die - salopp gesagt - im SS7-Kanal des Betreibers ohnehin dahergerauscht kommen und vergleicht sie mit aggregierten, historischen Datensätzen aus demselben Netz.

Die bestehen aus verschiedenen Parametern der vielen Zellen des gesamten Mobilfunknetzes: Signalstärke einer Funkzelle jeweils im Verhältnis zu anderen Zellen der Umgebung, durchschnittliche Signallaufzeiten und "andere Netzwerkparameter", denn so ganz im Detail läßt sich das Unternehmen über sein Kernprodukt, wie gesagt, nicht aus.

Die "Ortssignatur"

Wie auch immer die anderen Parameter genau beschaffen sind, so sind es jedenfalls ziemlich viele, denn sie landen in einer "extensiven Datenbank". Dann werkeln in erster Linie die Algorithmen.

Aus all den sowohl analog wie digital erhobenen Parametern wird eine "Location Signature" errechnet, eine Art Parameter-Fingerprint, der einem bestimmten, geographischen Punkt zugeordet wird: zum Beispiel einem Gebäude.

USP: Vorratsdaten

Das Video des Herstellers zeigt einen Vergleichstest von GPS-basierten Ortungssystemen und dem "Ortssignatur"-System von Polaris. Als "Unique Selling Point" wird kommuniziert, dass Polaris im urbanen Raum weitaus bessere bis gleich präzise Ergebnisse wie alle anderen Systeme liefert und das flächendeckend und um Längen schneller.

Paradoxerweise verweist die Einbeziehung der Historie damit schneller auf aktuelle Ereignisse und Bewegungen der Handys als eine aufwändige multiple Messung hart an der Echtzeit.

Das ermöglicht die Macht der Vorratsdaten, wenn diese historischen Datensätze fachgerecht ausgewertet werden.

- Die Polaris-Suite für "Law Enforcement"

Die Historie

Diese historischen Verkehrs- und Geo-Daten samt ihrem Extrakt, der "Ortssignatur", werden mit dem Datenstrom aus dem SS7-Kanal quasi im Flug abgeglichen. Ziemlich nahe an der Echtzeit errechnet das Polaris-System dann den wahrscheinlichsten Standort des Handys und dazu zieht man wiederum historische Daten heran.

Polaris erstellt nämlich Zeit-Weg-Profile für jeden mobilen Anschluss, was der Hersteller nicht uncharmant "Brotkrümelspuren" nennt, samt der Historie der Bewegungsabläufe aller erfassten Anschlüsse.

A la Google Earth

Ist dem System die genaue geographische Länge und Breite eines in der Vergangenheit oft von diesem Handy frequentierten Orts bekannt, dann wird hart an der Echtzeit die Wahrscheinlichkeit berechnet, dass es jetzt gerade in genau jenem Gebäude ist, das die Satellitenaufnahmen der Polaris-Software anbieten.

Vor einem Hintergrund, der Google-Maps ziemlich ähnelt, bietet man Verfolgung eines mobilen Geräts quer durch das Weichbild ziemlich nahe der Echtzeit an.

GPS ist allein durch die eigenen Signallaufzeiten - immerhin kommt das Signal aus 20.000 Kilometern Entfernung und das nur in Abständen - benachteiligt.

"Geo-Zäune" für Handys

Und das wird auch angeboten: "Die neue Funktion zur Massenüberwachung erlaubt den Polizeibehörden die genaue und gleichzeitige Ortsfeststellung einer hohen Anzahl von mobilen Zielen in einem Mobilfunknetz. Die Polizei kann auch spezifische Gebiete mit elektronischen Geo-Zäunen umziehen."

"Präventive Sicherheit"

Das erlaube sowohl die "Analyse von Vorfällen ex post" wie man auch eine "präventive Sicherheitsstrategie" damit fahren könne, heißt es in der Präsentation.

Und: Zum "historischen Brotkrümelweg" lassen sich natürlich auch die jeweiligen Verkehrsdaten von einkommenden und ausgehenden Anrufen sowie der gesamte Datenverkehr auswerten.

Die Übersetzung

Das System kann alle Mobilfunkaktivitäten in ausgewählten Gebieten anhand historischer Muster und aktueller Daten bewerten und so zum Beispiel bevorstehende Unruhen anzeigen.

Der "elektronische Geozaun" dient dann zur Kontrolle der gesamten zivilen Kommunikation dort, wo etwa Demonstrationen - aus welchem Grund auch immer - außer Kontrolle geraten.

Die Übersetzung der Übersetzung: Man kann damit einen brennenden Stadtteil mobilfunktechnisch zeitweise abriegeln.

Polaris, Solaris

Da es in Wirklichkeit nicht um die Konkurrenz von Technologien geht, sondern um deren effiziente Kombination, ist mittlerweile auch GPS in die Überwachungssuite von Polaris integriert.

Dass es für eine solche Art von massivem Datamining entsprechender "Blechkapazitäten" bedarf, ist klar. In diesem Fall handelt es sich bezeichnenderweise um Gerätschaften des Herstellers Sun, die dessen hauseigenes Betriebssystem "Solaris" verwenden.

(Futurezone/Erich Moechel))