Der Desintegrator
Im ersten Teil der Futurezone-Weihnachtsserie "Mein Lieblingsgerät, das es nicht gibt" denkt Peter Glaser über das Ende aller Maschinen nach. Von all den Chips und Plastikteilchen soll nur noch das übrig bleiben, was schon an deren Anfang stand: eine Idee.
Der wichtigste Wunsch, den ich an die künftigen Formen von Kommunikations- und Computertechnik habe: Die Hardware soll verschwinden und nur die Funktionen sollen bleiben. Mein Lieblingsgerät, das es nicht gibt, wäre daher eines, das so viele andere Geräte wie möglich zum Verschwinden bringt (und konsequenter Weise am Ende auch sich selbst). Wir wollen es den Desintegrator nennen.
Zur Person:
Peter Glaser, 1957 als Bleistift in Graz geboren, wo die hochwertigen Schriftsteller für den Export hergestellt werden. Lebt als Schreibprogramm und Ehrenmitglied des Chaos Computer Clubs in Berlin.
Ich wäre bereit, Kompromisse zu machen. Ich würde mich, wenn sich dadurch ein Laptop zumindest fast zum Verschwinden bringen ließe, etwa auch mit einem speziellen Blatt Papier zufriedengeben, das aber die Funktionalität eines funkvernetzten Rechners haben müsste und auf dem ich je nach Bedarf mit Stift oder auf einer eingeblendeten Tastatur schreiben könnte.
Der Desintegrator müsste ähnlich funktionieren wie eine umgekehrte Neutronenbombe: die Dinge verschwinden, die Menschen bleiben über. Allerdings hätte er keine zerstörerische Wirkung. Er würde die ganzen Geräte und Apparate, Handys, Rechner, MP3-Player et cetera pp. in den Hintergrund rücken. Der Desintegrator würde dafür sorgen, dass ich überall online sein kann, telefonieren, schreiben, lesen, fernsehen, Musik hören, ohne ständig sperrige Hardware herumschleppen zu müssen.
Er würde alles unsichtbar und allgemein verfügbar machen, wie Strom und Wasser. Mit seiner Hilfe ließe sich dafür sorgen, dass Computerzugang zu einer Art von Umweltbedingung wird, wie etwa die omnipräsente Möglichkeit, Radio zu empfangen. Der Desintegrator würde meinen Laptop zum Verschwinden bringen; stattdessen hätte ich die Möglichkeit, überall in virtueller Form das zu benutzen, was Bildschirm und Tastatur einem bisher eher umständlich geboten haben.
Es gibt bereits Systeme, die Bildschirminhalte auf eine mehr oder weniger beliebige Fläche projizieren, dazu eine Infrarotkamera, die erkennen kann, wohin ich mit meinem Finger zeige, welche Gesten ich ausführe. Statt einer Maus benutze ich meinen Finger, statt einer Tastatur aus Plastik eine projizierte aus Licht. So könnte der Desintegrator dazu führen, dass alles Apparatige endlich von uns weicht. Für das, was eigentlich zu tun ist, genügt ein smarter Hauch von Licht.
Viele Geräte, mit denen wir heute umgehen, sind entweder zu dominant oder zu klein. Es gibt eine maßlose Miniaturisierung, die keine Benutzer aus uns macht, sondern Frickler. Bei manchen Mobiltelefonen muss man fast schon aufpassen, sie nicht unabsichtlich einzuatmen. Unsere Alltagsmaschinen werden leichter, dünner, filigraner, aber die letzte Konsequenz lässt sich nicht mit immer neuen Verkleinerungsschritten erreichen. Die Geräte müssen verschwinden, schlagartig und komplett. Diese Funktion wünsche ich mir für den Desintegrator.
Der erste Taschenrechner, den Texas Instruments 1971 auf den Markt brachte, konnte die vier Grundrechenarten und wog mehr als ein Kilo. Heute sind Handys, PDAs und Subnotebooks oft schon jenseits der Grenzen des Handhabbaren. Möglich, dass der Mensch nicht das Maß aller Dinge ist, er sollte aber das Maß jener Dinge sein, die Techniker für ihn konstruieren.
Als in den siebziger Jahren Armbanduhren mit Taschenrechnerfunktion und Kleinsttastaturen aufkamen, wurde eine Art Hightech-Zahnstocher mitgeliefert, um die winzigen Felder noch bedienen zu können. Ohne den Desintegrator wären nun die Biotechniker aufgerufen, die menschlichen Finger so weit zu verkleinern, dass sie mit der winzigen Knöpfchengänsehaut auf manchem Gerät wieder zurechtkommen können.
Auch Spracherkennung ist keine zufriedenstellende Lösung Komma immer pusseligeren Bedienungselemenen aus dem Weg zu gehen Punkt Absatz
An den Erscheinungsformen digitaler Gerätschaft, der wir uns in immer neuen Selbstversuchen aussetzen, erinnert vieles an das Kinderspiel, bei dem man durch ein umgedrehtes Fernglas auf seine Füße schaut und dabei versucht, einen Teppichrand entlangzugehen. Man sieht seine Beine hochragen wie Stelzen, und das Gehen wird durch die künstliche Schwierigkeit zu einem schwierigen Balanceakt.
Ohne Fernglas könnte man mühelos kilometerlange Teppichränder entlangmarschieren - aber das wäre nicht innovativ. Dieses sonderbare Bedürfnis, es sich schwerer zu machen als nötig, findet sich in fast jedem modernen Gerät. Wer diesem anstrengenden und aberwitzigen Bedürfnis die Grundlage entziehen möchte, braucht einen Desintegrator.
Alles Hardware-Getürm steht letztlich in einem sonderbaren Unverhältnis zu der Flüchtigkeit und lichtleichten Zartheit der Inhalte, die das digitale Medium und seine ganzen Unterabteilungen durchfließen. Das Verschwinden der Hardware wird uns nach all den faszinierenden Umwegen, die wir immer wieder gehen, um eine solche Maschine bedienen zu können, wieder mit uns selbst in Berührung bringen.
Die ganze Medienentwicklung weist in eine Richtung, die uns quasi mit magischen Fähigkeiten ausstattet. Die Vorstellung, mich auf eine Parkbank setzen zu können und mit einer Handbewegung eine Verbindung ins Netz herbeirufen zu können, wäre noch vor einem Jahrzehnt Science-Fiction gewesen. Durch den Desintegrator wird Zauberei zu einer realistischen und pragmatischen Angelegenheit.
Einen Haken an einer von magischem Funktionieren durchflossenen Welt hat der Kulturwissenschaftler Lewis Mumford beschrieben: "Nichts kann die menschliche Entwicklung so wirkungsvoll hemmen wie mühelose, sofortige Befriedigung jedes Bedürfnisses durch mechanische, elektronische oder chemische Mittel. In der ganzen organischen Welt beruht Entwicklung auf Anstrengung, Interesse und aktiver Teilnahme - nicht zuletzt auf der stimulierenden Wirkung von Widerständen, Konflikten und Verzögerungen. Selbst bei den Ratten kommt vor der Paarung die Werbung."
(Peter Glaser)
