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Jenseits von Bürohumor, dilbertoidem Businessgestammel und Onkel Hansis Urlaubsdiaabend erlebt die gute alte Slideshow im Web eine kleine Renaissance als Medium der politischen Überzeugung - und der Kunst.
Larry Lessig ist Jurist und hat mit komplizierten Themen zu tun. Allein schon das Konzept des "geistigen Eigentums" lässt sich nur schwer begreifen, was einer der Gründe dafür sein mag, dass sich meist nur Experten damit auseinandersetzen wollen. Das allgemeine Publikum merkt erst, was damit gemeint ist, wenn es mit den Folgen proprietären Programmcodes, den Wirrnissen von DRM-Systemen oder gar der Aneignung ganzer DNA-Sequenzen konfrontiert ist.
Für Lessig, den Initiator der Creative-Commons-Lizenzen, ist es daher nicht einfach, seine Ideen so zu präsentieren, dass möglichst viele Menschen sie verstehen. Lessig will aber verstanden werden, denn er will, dass seine Ideen in der Gesellschaft wirksam werden. Wohl deshalb hat er zum Medium der Web-Slideshow gegriffen und dort schnell einen ganz eigenen Stil entwickelt.
In einfachen Worten und Bildern schafft es Lessig, auch die kompliziertesten Sachverhalte mit hypnotischer Eingängigkeit zu vermitteln. Seine Videos, die auf dem Portal blip.tv gespeichert sind, lassen sich problemlos in die Weblogs seiner Fans einbauen, was wiederum zur schnellen Verbreitung seiner Ideen beiträgt. Zahlreiche Zeitgenossen sind nicht dazu bereit, einen Text im Web zu lesen. Videos aber sehen sie sich an.
Lessigs Präsentationen folgen einem einfachen Muster. Es gibt zwei Ebenen: die Bilder und Lessigs Erzählstimme. Manchmal sind beide synchron, dann gehen sie wieder auseinander, um sich gleich abermals zu treffen und gegenseitig zu verstärken. Sehr selten bleibt ein Bild länger als fünf Sekunden stabil. Immer folgen die Slides dem Rhythmus der Rede.
Die Texte sind immer in derselben Schrifttype gehalten. Das erhöht ihren Wiedererkennungswert. Lessig spielt gerne mit den Zeichen und Wörtern, ergänzt sie grafisch, während er spricht. Er dreht und wendet sie, wägt Argumente ab und verwirft sie. Betrachtet man eine Präsentation von Lessig, hat man den Eindruck, ihm beim Denken zuzusehen. Das stellt Intimität her, auch in einem Medium wie dem Web.
Besonders stark konzentriert sind Lessigs Präsentationen aus der Zeit des US-Wahlkampfs. Er widmet zehn Minuten der Vernichtung Hillary Clintons, zehn Minuten seiner Idee, sich zum Kongressabgeordneten aufstellen zu lassen, und fünf Minuten der Ankündigung seines politischen Rückzugs. Die Schnitte von Bild zu Bild sind schnell, lassen keine Zeit zum Wegschalten.
Lessigs Slideshows funktionieren anders als Videos. Durch die Verwendung von Textelementen appelliert er scheinbar an die Ratio, wobei die Zeichen so eingesetzt werden, dass sie als Bilder funktionieren. Auch herkömmliche Fotos und Videos kommen vor, werden aber von Lessigs Stimme nie allein gelassen. Würde Lessig konventionelle Videos drehen, könnte er nicht so schnell auf aktuelle Ereignisse reagieren. Er müsste auch wesentlich mehr Geld ausgeben.
Indem der Creative-Commons-Gründer seine Präsentationskünste aus dem Hörsaal ins Web gebracht hat, ist aus seinem Vortrag etwas Neues geworden, das man vielleicht als Überzeugungsobjekt bezeichnen könnte. Durch den geschickten rhythmischen Einsatz von Text- und Bildelementen wirkt die Präsentation nachhaltiger, als es jedes Video zum selben Thema könnte.
Auf einen weiteren besonderen Fall von Internet-Slideshow hat der deutsche Filmkritiker Ekkehard Knörer im Weblog des Filmkritikprojekts "Cargo" aufmerksam gemacht.
Offenbar hat sich der legendäre Experimentalfilmer Chris Marker auf YouTube eingenistet, wo er unter anderem seine Versuche mit der Browser-Software Animoto zeigt. Einen halbautomatisch generierten Fluss von Bildern aus der Pariser Metro etwa.
Damit wiederum kehrt Marker zu seinem frühen Werk "La Jetee" zurück, einem Science-Fiction-Film aus dem Jahr 1962, der ausschließlich aus Schwarz-Weiß-Standbildern besteht und Terry Gilliam als Vorlage für seinen Streifen "Twelve Monkeys" diente.
Wie "Twelve Monkeys" handelt auch "La Jetee" von einer Zeitreise, die sich selbst erfüllt. Vielleicht ist das auch der Schlüssel zur Wirksamkeit der gut gemachten Slideshows. Sie gehen ehrlicher mit der Zeit um als Filme, versuchen nicht, die Wahrnehmung des Menschen auszutricksen. Das wiederum mag der Grund dafür sein, dass Lessigs Präsentationen ihren Zweck so gut erfüllen.
(futurezone/Günter Hack)
