Von Wunschmaschinen und anderen theoretischen Apparaten
Im zweiten Teil der Futurezone-Weihnachtsserie "Mein Lieblingsgerät, das es nicht gibt" bringt Armin Medosch seinen Laptop um. Vielleicht hätte er sich zum Fest doch lieber Socken wünschen sollen, anstatt sich diese merkwürdige Wunschmaschine vorzustellen.
Es ist noch nicht allzu lange her, da fragte mich der überaus kompetente Chefredakteur des hervorragenden Tech-Online Magazins Futurezone, ob ich denn nicht etwas über ein Gerät schreiben könnte, das es noch nicht gibt. Ich sagte zu, sah mich aber sofort in einer Zwickmühle, weil es meiner Meinung nach ohnehin schon viel zu viele Geräte gibt. Sie stehen herum, lauern einem auf, blinken, piepsen, wollen mit Strom oder Geld gefüttert werden, man kommt sich so vor, als wäre die Hauptbestimmung des eigenen Lebens, für diese Geräte da zu sein anstatt umgekehrt.
Zur Person:
Armin Medosch ist Künstler, Kurator, Medientheoretiker und freier Journalist. Er ist Mitbegründer des Online-Magazins Telepolis, für das er von 1996 bis 2002 tätig war.
Was soll man sich denn da noch wünschen? Eine Wunschmaschine, natürlich! Ich möchte die Herkunft dieser Idee nicht verleugnen. Sie stammt aus einem Klassiker der zeitgenössischen Gesellschaftstheorie, dem Anti-Ödipus von Gilles Deleuze und Felix Guattari. Obwohl ich fast hundert Seiten dieses ca. 2.000 Seiten starken Werkes gelesen habe, ehrlich, habe ich allerdings immer noch keine Ahnung, was die Autoren darunter verstehen. Das macht auch nichts, klärte mich ein wissenschaftlich geschulter Freund auf. Die Unverständlichkeit des Werkes ist sein Vorzug, denn das wird Hundertschaften an Akademikern noch für Jahrzehnte beschäftigt halten.
Doch zurück zur Wunschmaschine. Ich stelle mir also vor, wie sie ankommt, schön eingepackt, ein kleines Kästchen mit einem beigelegten bunten Bedienungshandbuch, auf dem in großen Lettern steht "bitte vor dem Einschalten unbedingt lesen". Ich lese also: "Bitte unterlassen Sie Wünsche, die Verwerfungen in der Raum-Zeit-Krümmung hinterlassen könnten. Das Wegwünschen von Personen sollte nur in äußerst dringenden Fällen erfolgen. Wenn es doch sein muss, seien Sie bitte kreativ und wünschen Sie Leute nicht 'zum Teufel' oder 'dahin wo der Pfeffer wächst', da sonst an diesen Orten Überbevölkerung ausbrechen könnte. Wünschen Sie anderen nur, was Sie sich auch selbst wünschen würden. Zur weiteren Lektüre haben wir einige lehrreiche Märchen beigefügt."
Nach deren Lektüre und weiterer, reiflicher Überlegung komme ich zu der Überzeugung, dass eine Wunschmaschine vielleicht doch nicht so wünschenswert ist. In den Märchen hat man meistens nur drei Wünsche, und die sind dann so schnell aufgebraucht, so dass man gar keine rechte Freude damit haben kann. Das Wünschen will gelernt sein, doch mit dem Lernen hat die Menschheit ja derzeit so ihre Probleme, siehe PISA-Studien, Schülerproteste in Italien, Frankreich, Forschungsbudget-Kürzungen und so weiter ...
Also zurück zum Anfang. Was könnte ein wirklich nützliches Gerät sein, das es noch nicht gibt? Eine Möglichkeit wäre ein "De-Waffelizer". Das hat nichts mit mehr oder minder gut schmeckendem Zuckergebäck zu tun, sondern kommt vom umgangssprachlichem Englisch 'to waffle', also leeres Zeug schwafeln. Das Entschwafelungsgerät wäre als eine Art Plug-in für die Set-Top-Box vorzustellen und käme bevorzugt bei politischen Diskussionsrunden zum Einsatz. Anstatt wiederzugeben, was die Leute sagen, würde es den eigentlichen Inhalt ihrer Gedanken wiedergeben. Der britische Premierminister Gordon Brown würde dann zum Beispiel sagen: "Wir haben die Banken verstaatlicht, und wenn man es sich genau überlegt, ist das eigentlich Sozialismus, aber das ist das letzte was wir zugeben ... ooops.!"
Und Angela Merkel würde sagen "bitte habt mich lieb," vielleicht, oder: "Der Sarkozy ist ein arroganter Zwerg," aber das wissen wir eigentlich schon. Von österreichischen Politikern wären Sachen zu hören wie "Ich hab eh schon ein Haus in Korfu, also was mach ich eigentlich hier" und "der burgenländische Rote zu 50 Euro die Flasche ist sein Geld echt wert, ich muss mir dringend den Spesensatz erhöhen."
Vielleicht würden wir dann endlich auch von den zahlreichen Experten des Börsenwesens Klartext über die Finanzkrise hören, Dinge wie zum Beispiel "wir haben Jahrzehnte ordentlich abgezockt und als Draufgabe müsst ihr jetzt den Steuergroschen rüberrücken" und "der freie Markt war eine Fiktion, die einigen wenigen sehr genützt hat, aber wer es wirklich glaubt, ist sowieso ein Loser". Die Herren würden nicht Nadelstreif tragen, sondern Matrosenuniformen und wie in einem Pynchon-Roman kilometerlange Stabreime singen wie z. B. "der freie Markt ist 'ne Fiktion, das wissen wir schon, trotzdem ist's uns're Religion, Jolahoddihüh, etc."
Auch nix? Also gut, vielleicht fällt mir noch eine andere Maschine ein. Wie wäre es mit einem Anti-Spam-Gerät, das jedem Spammer für jede einzelne Spam-E-Mail oder SMS einen Elektroschock versetzte? So wie dieses Gerät, das die Polizei so fürchterlich gerne einsetzen würde, nur in die Tastatur des spammenden Schreibers eingebaut? Schon besser? Oder, jetzt hab ichs, ein Entschleunigungsgerät! Wie wir von einem anderen wichtigen französchen Philosophen, Paul Virilio, wissen, ist die Beschleunigung das Hauptproblem der Zeit.
Wegen der Beschleunigung kommt die Informationsbombe, weil wir die Grenzgeschwindigkeit der elektromagnetischen Wellen erreicht haben. Wie wäre es also, wenn man das Internet-Protokoll so drosselt, so dass die Daten, statt mit Lichtgeschwindigkeit zwischen den Zentren der Finanzwelt herumzubolzen, und dabei nur Unheil anzurichten, etwa mit der Geschwindigkeit eines Segelschiffs oder gar Ruderboots den Atlantik überqueren? Die elektronische Postzustellung wird dann dem Ruderklub Maidenhead bei Windsor zugesprochen, weil man diese verlässlichen Kerle nur mit ein paar Bieren und Wurstbroten zu füttern braucht, was viel effizienter ist, als Data-Warehousing und Call-Zentren in der äußeren Mongolei zu betreiben, oder wo das gerade en vogue ist.
Überhaupt scheinen sich die berühmten Philosophen wie der Herr Kittler und der Herr Virilio sowieso einig zu sein, dass Computer eigentlich für nichts gut sind (siehe obiger Link). Also, gut sind sie schon für was, aber nicht für was Gutes. Und wenn die das sagen, muss es ja stimmen. Insofern könnte ich mir mit der Wunschmaschine vielleicht die Rückerfindung der Computer wünschen. Eine kleine, dampfgetriebene mechanische Rechenmaschine wie die von Charles Babbage könnte man vielleicht gerade noch zulassen, natürlich nur um Strickmuster für schöne Stoffe zu berechnen und nicht Lebensversicherungen, denn wir werden ja eh bald von der Geld- auf die Tauschwirtschaft umstellen.
Kurz nach der Fertigstellung dieses Artikels wurde der Autor dabei beobachtet, wie er sein Handy in den Donaukanal warf und mit einer Axt auf einen alten Sony Vaio einschlug, der seinen letzten Ubuntu-Stoßseufzer abgab. Der Vorfall wurde selbstverständlich zur Anzeige gebracht, doch der Autor entzog sich der Gerechtigkeit mit den Worten, "ich gehe dorthin, wo der Pfeffer wächst". Die Fahndungsmaßnahmen wurden inzwischen auf das südliche Asien ausgedehnt, doch bisher ohne Erfolg.
(Armin Medosch)
Futurezone-Weihnachtsserie:
Teil 1: Der Desintegrator
