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Schwierige Datenverarbeitung: Das Reale

Virtual Reality
14.12.2008

Der Einbruch des Realen stellt nicht nur Medien vor ungeahnte Herausforderungen: Für Ereignisse wie 9/11 fehlte offenkundig Beschreibungsinstrumentarium, auch wenn die Vorgänge scheinbar "live" vor unseren Augen stattfanden. Ist die Moderne gerüstet, das Reale, wenn es in Überfülle auf uns hereinbricht, zu verarbeiten? Eine Konferenz in Wien suchte eine Klärung.

Nichts, so scheint es, ist der Kultur der Moderne samt ihren ausdifferenzierten Medien so fern wie das Reale selbst. Über den Status von Wirklichkeit lässt sich nach Jahrzehnten von Theorienmoden trefflich und ohne absehbares Ende streiten. Ein Narr, so müsste man glauben, der sich über den Status von Wirklichkeit nach Kant, Konstruktivismus und vielen anderen Ismen überhaupt zu fragen traut.

Eine eben in Wien zu Ende gegange Konferenz traute sich das quasi justament - und schaute genauer hin, wie das Reale, wenn es uns überstürzt, überfordert und unsere bisherigen Sicherheiten aushebelt, wirkungsmächtig wird. Oder anders gesagt: ob das Reale gerade dann nichts anderes als Schein in unserer Gesellschaft ist.

Zur Konferenz

Ferngehaltene Wirklichkeit

Die Kultur der Moderne bringe dem Realen eine Art Hassliebe entgegen, konstatiert der Literaturwissenschaftler Albrecht Koschorke von der Universität Konstanz, der zusammen mit seiner Konstanzer Kollegin Juliane Vogel die Konferenz "Schauplätze der Evidenz. Der Einbruch des Realen" am Internationalen Forschungszentrum Kulturwissenschaften (IFK) konzipiert hatte.

Interview

Der neue IFK-Chef Helmut Lethen hatte bei seinem Amtsantritt im Herbst 2007 eine Rückkehr zur Wirklichkeit gefordert und den Kulturwissenschaften dabei vorgeworfen, zu leichtfertig alle "sozialen Phänomene zu rhetorischen Inszenierungen zu machen".

In den Kulturwissenschaften, so der Ausgangsbefund auch bei der Tagung des Wiener Wissenschaftskollegs, hätten konstruktivistische Ansätze in den letzten Jahren den Ton angegeben: "Wir konstruieren die Welt durch Symbole. Das heißt aber auch, dass wir das Reale 'als solches' von uns fernhalten und ungreibar machen." Versagten diese Verfahren, dann käme es zum "Einbruch des Realen".

Bei Horror oder Trauma zeige sich, dass sich bestimmte Erfahrungen eben nicht in symbolischen Praktiken bewältigen ließen. Gerade Literatur, Kunst und Film seien in der Moderne Schauplätze, wo sich der Umgang mit "Einbrüchen des Realen" genauer untersuchen ließe.

Das Reale im Realismus

Ausgerechnet im Realismus, der die "Darstellung" der "wirklichen Wirklichkeit" zum Programm erhob, sei das "Fremdeln" mit dem Realen besonders evident geworden, betonten zahlreiche Vortragende im Zuge der Tagung.

Schon bei Weltordnungsfanatikern wie Adalbert Stifter kann die poetisch-literarische Welt ins Wanken geraten, wenn ein paar Schneeflocken zu viel auf den geordneten Kosmos niedergehen - und die Ordnungskoordinaten der Welt nicht mehr feststellbar sind.

"Immer in das Wirrsal schauen"

"Die Gestaltungen der Gegend waren nicht mehr sichtbar. Es war ein Gemische da von undurchdringlichem Grau und Weiß, von Licht und Dämmerung. (...) Ich konnte nichts thun, als immer in das Wirrsal schauen. Das war kein Schneien wie sonst, kein Flockenwerfen, nicht eine einzige Flocke war zu sehen, sondern wie wenn Mehl von dem Himmel geleert würde, strömte ein weißer Fall nieder, es strömte aber auch wieder gerade empor, er strömte von links gegen rechts, von rechts gegen links, von allen Seiten gegen alle Seiten, und dieses Flimmern und Flirren und Wirbeln dauert fort und fort und fort wie Stunde an Stunde verrann. Und wenn man von dem Fenster wegging, sah man es im Geiste, und ging lieber wieder zum Fenster."

(Adalbert Stifter, Aus dem baierischen Walde, 1866)

Der schöne und der hässliche Einbruch des Realen

Ereignisse wie die Revolution von 1848 wurden für Stifter traumatische Erfahrungen. Seine Konstruktion vom Volk in einer geordneten Welt war fortan nicht mehr haltbar. "Das Volk", so der Wiener Germanist Werner Michler, "das Stifters frühes Erzählwerk nicht selten als den Träger von Volkspoesie (...) oder als unproblematische Menge von Geringen kennt, hat sich zum Proletariat verkehrt". Der Einbruch des Realen, den Stifter am eigenen, "beschädigten" Leib konstatiert, wird zur Bedrohung des gesamten Wertesystems. Wien 1848, das ist für Stifter wie der Untergang Roms im Angesicht der Barbaren, der "hässliche" Einbruch des Realen im Gegensatz zum "schönen, erhabenen" Einbruch des Realen, wenn Gott den Mantel lüftet.

"Wo die literarischen Dilettanten geschichtsmächtig geworden sind, antwortet Stifter mit einer pädagogischen Tätigkeit", konstatiert Michler. Das Volk sei in den fixen Ideen der Dilettanten gefangen und nur durch "karitative Vormundschaft" resozialisierbar.

Der Dichter exerziert die Überwindung der sozialen Wirrnis in seinen Texten vor, zeigt sich doch, wie es bei Stifter in den "Bunten Steinen" ("Turmalin") heißt, "wohin der Mensch kömmt, wenn er das Licht der Vernunft trübt, die Dinge nicht versteht, von dem inneren Gesetze (...) lässt, den Halt verliert."

Von Stifter zu Marx

Stifters Festschreibung und zugleich pädagogische Überwindung sozialer Teilungen, ergänzt Michler mit einen Blick auf das im Revolutionsjahr 1848 veröffentlichte "Manifest der Kommunistischen Partei", welches die zahlreichen sozialen Konfliktlagen auf einen zentralen Konflikt reduziere und in der Gestalt des Proletariats einen Akteur produziere, der von der "theoretischen in die praktische Existenz gebracht" werden soll.

Das "gespenstisch Reale" würde die bürgerliche Gesellschaft nur in dem Moment los, in dem sie als Ganzes zur Debatte stünde. Auf Stifters "Seite der Barrikade", so Michler, sei "der Kollektivsingular 'Proletariat'" fortan Angstraum das Reale der bürgerlichen Gesellschaft.

Auf die gespenstische Komponente des Realen in der Kultur der Moderne wies auch Albrecht Koschorke hin. Auch für ihn war vor allem Stifter Gewährsmann für die Problematisierung des Realen, das sich eben immer dann entziehe, wenn man es zum Mittelpunkt des Kunstwollens erkläre: "Die Wirklichkeit, die der Realismus als seine sichere Grundlage beschwört, ist offenbar nicht ohne Umstände zu haben. Und so reihen sich auch die Realisten in jene unliebsame Nachbarschaft all jener sentimentalischen Modernen ein, die nur noch im Modus des Verfalls von einer einstmaligen Nähe zu den Dingen sprechen können."

Das Paradox der Moderne, so Koschorke, sei, dass sich diese Epoche des Wirklichen nur habhaft werde, indem "sie es sich aneignet, verändert und gerade dadurch notwendigerweise verkennt".

(futurezone/Gerald Heidegger)