Flucht aus dem Heimbüro
Die Internet-Plattform Jelly lädt Selbstständige dazu ein, einmal pro Woche gemeinsam mit anderen Home-Workern in Cafes und Heimbüros zu arbeiten. Web-Arbeiter entfliehen so der sozialen Isolation zu Hause. Das Projekt fand mittlerweile weltweit Ableger.
Amit Gupta und Luke Crawford genossen das Leben als selbstständige Web-Arbeiter, ganz ohne Chef und fest eingeteilte Arbeitszeiten. Doch irgendwann wurde den beiden New Yorker IT-Entwicklern klar, dass ihnen so ganz ohne Firmenstruktur auch etwas fehlte: die Interaktionen mit anderen Mitarbeitern, die Chance, einmal aus dem Haus zu kommen, sowie die Kollegialität und all die anderen angenehmen Aspekte einer Bürotätigkeit.
Gupta und Crawford entschlossen sich deshalb 2006 dazu, einmal pro Woche Freunde zum gemeinschaftlichen Arbeiten in ihr Appartement einzuladen. Sie tauften das Treffen Jelly, bastelten dafür eine simple Website, starteten ein Wiki und gaben damit den Anstoß für einen weltweiten Trend. Mittlerweile gibt es wöchentliche Jelly-Treffen unter anderem in Berlin, Sydney und Peking.
Soziale Interaktion mit Jelly:
Ein Gefühl von Isolation
In Los Angeles findet Jelly jeden Freitag in einem Cafe statt. Mitglieder der losen Runde schlürfen dort gemeinsam Kräutertees, während sie auf ihren Notebooks an Projekten arbeiten und nebenbei entspannt ein bisschen plaudern. "Nachdem du die ganze Woche daheim oder im Büro am Schreibtisch gesessen bist, ermöglicht das ein bisschen soziale Interaktion, ohne zu geschäftsorientiert zu sein", sagte Jelly-Los-Angeles-Gründer Bryan Koch.
Koch ist von Haus aus selbstständiger Web-Entwickler. Seine Arbeit erledigt er normalerweise vom heimischen Büro aus, doch auf die Dauer fiel ihm dort einfach die Decke auf den Kopf. "Ich sitze typischerweise jeden Tag von 7.00 Uhr früh bis 6.00 Uhr abends vor meinem Mac", berichtet er. "Dabei entsteht schnell ein Gefühl von Isolation."
Trend zum "Coworking"
Jelly ist nur ein Beispiel von vielen für Menschen auf der Suche nach neuen Arbeitssituationen. Die wachsende Schar von Selbstständigen und freien Subunternehmern hat dazu geführt, dass sich immer mehr Menschen einen dritten Weg zwischen Großraum- und Heimbüro wünschen.
Janko Röttgers ist in Kalifornien dem Phänomen des "Coworking" nachgegangen. Dafür unterhielt er sich nicht nur mit Jelly-Organisator Bryan Koch, sondern auch mit der Besitzerin einer "Coworking"-Einrichtung mit angeschlossener Kindertagesstätte.
Mehr dazu am Sonntag um 22.30 Uhr im Ö1-Netzkulturmagazin "matrix".
Neben temporären Treffen wie Jelly gibt es auch immer mehr permanente Einrichtungen, die Selbstständigen das gemeinsame Arbeiten in kollektiven Büros ermöglichen. Im Netz werden diese Trends gerne unter dem Schlagwort "Coworking" zusammengefasst.
Koch glaubt, dass derartige Zusammenschlüsse für Selbstständige extrem produktiv sein können: "Meine Erfahrung ist, dass die Unterstützung von Gleichgesinnten eine gute Motivation ist, die bestmögliche Arbeit abzuliefern."
(matrix/Janko Röttgers)
