© Bild: Günter Hack, iOdradek und Pudel

Des Hofratwitwenpudels Kern

SERIE
26.12.2008

In unserer Futurezone-Weihnachtsserie unter dem Motto "Mein Lieblingsgerät, das es nicht gibt" macht der verzagte Redakteur die Bekanntschaft des Entkafkainators. Der wiederum soll, unter Zuhilfename von schwarzer und roter Magie, jede politische Aktion auf ihren Ursprung zurückverfolgen können. "Ein ideales Recherchetool", dachte sich der Redakteur.

Zu Anfang Dezember beging ich die Torheit, meinen Weg durch eine Gasse abkürzen zu wollen, in der ein Weihnachtsmarkt stattfand. Schnell trieben mich Punschdünste, Touristen und Kinderwagen-SUVs in einen toten Winkel, in dem sich außer meiner Wenigkeit nur noch ein bucklicht Männlein fand. "Ei, Herr Redakteur!", begrüßte es mich unbekannterweise, "Wissen Sie was ich da hab?" Er zeigte auf eine frei schwebende weiße Scheibe von der geringen Größe einer sternförmigen Zwirnspule, die in ein weißes Kästchen eingelassen war. Über der Scheibe leuchtete stumpf ein Bildschirm. Von dem Kästchen stand quer ein Stäbchen ab, an das sich im rechten Winkel noch eins fügte, auf dass es laufen könne - wenn es nicht gerade flog. "Ein DRM-verseuchter iOdradek", sagte ich, "Ein wahrhaft finsteres Gerät. Was haben Sie sonst noch?" Aus einer dunklen Ecke schnellte ein schwarzer Hund. Er schnappte nach dem iOdradek, wild schäumend, bis ihn die Stimme einer älteren Dame auf den Markt hinausrief.

"Immer diese Hofratwitwenpudel!" Das Männlein nutzte die Gelegenheit, schnappte sich den iOdradek, betrachtete ihn erst sentimental, um ihn schließlich über die Schulter zu werfen. "iOdradek!" schrie der iOdradek und lachte, wie nur ein fehlprogrammierter Soundchip zu lachen vermag, bevor er an der Wand zerschellte. "Aah! Ein Kenner!", sagte das Männlein und kramte aus seinem Beutel ein weiteres Maschinchen hervor. Es sah aus wie eines dieser Zeichengeräte für Kinder, in denen sich ein Stift mit zwei Drehknöpfen steuern lässt. "Aus diesem Alter bin ich raus", sagte ich und wollte schon weitergehen, doch das Männlein drehte an einem der Knöpfe und ließ den Bildschirm hell erstrahlen. "Das ist ein Entkafkainator!", schrie das Männlein und ergänzte: "Die Amerikaner nennen es 'Dekaf'. Hab mir einen besorgt, als ich im Naturtheater von Oklahoma zu Gast war."

Das klang schon interessanter. Sogar der angeschlagene iOdradek rappelte sich hoch, um zuzusehen. Das bucklicht Männlein schwitzte vor Aufregung und nahm sein Cape ab. Dabei wurde klar, dass es überhaupt keinen Buckel hatte, sondern nur einen Rucksack trug, dazu eine Buddy-Holly-Brille - wie ein gescheiterter Grafikdesigner aus dem 7. Bezirk. "Der Dekaf durchdringt jede Bürokratie, egal ob in Wien oder Brüssel! Er bohrt sich in jede Datenbank vor, entwirrt die Zusammenhänge und macht aus jedem komplexen politischen Vorgang eine fünfseitige Powerpoint-Präsentation." Das Männlein, nun nicht mehr bucklicht, kicherte umso irrer. "49 Euro 99, und es ist Dein!" Der Bildschirm des Dekaf leuchtete blind wie ein Opal. Ich konnte nicht widerstehen, ihn zu befragen. Das Männlein bekleckerte sich begeistert mit Glühwein.

"Dekaf!" rief ich, "zeig mir, wie die Vorratsdatenspeicherung zustande gekommen ist!" Ein hässliches Quietschen, wie aus dem Räderwerk des Höllenofens, zeigte an, dass der Dekaf recherchierte. Die Datenbanken jaulten auf, als der Apparat sie mit Abfragen folterte – eigentlich sollten sie doch alles für immer wegspeichern. Doch dem Dekaf hielt auch der Schließmuskel der Data Retention nicht stand. Nach zehn Sekunden war er fertig und konnte nachweisen, dass die Vorratsdatenspeicherung auf den britischen Telefondesinfizierer Maurice K. Shauble zurückzuführen war, der sich 1989 auf dem Weihnachtsmarkt von Unter-Uncton bei seinem Vetter Carl J. Clammer über die zunehmende Arbeitslast beschwerte. "Wenn die Leute nur kein Telefon mehr anrühren würden!", hatte Shauble geseufzt, was seinem Vetter, einem hochrangigen Hausmeister im Innenministerium, so zu Herzen gegangen war, dass er beschloss, alles zu tun, um genau dieses Ziel zu erreichen.

"Heute führt Shauble einen Geschenke-Shop in Brüssel und schnürt Telekompakete für die EU-Abgeordneten", sagte das Männlein und kicherte. "Wollen Sie jetzt wissen, durch welche Öffnung die Online-Durchsuchung kriechen wird? Verdeckt, natürlich. Oder wollen Sie wissen, wie das Sicherheitspolizeigesetz zustande gekommen ist? Wie hierzulande die Politik gemacht wird – oder nicht?" Das Männlein gackerte seelenlos. Das, freilich, waren Fragen, die nur ein Entkafkainator beantworten konnte. "Wollen Sie nicht? Da haben Sie recht. Politik ist wie Wurst: Es ist besser, wenn man nicht weiß, wie sie zustande kommt. Schwing die Haxen, iOdradek. Der Herr ist ein Untertan."

Er wollte mich kitzeln, ich fiel darauf herein. "Sag mir, Höllenmaschin': Was ist des Hofratswitwenpudels Kern?" Der Dekaf rappelte eifrig, er war in seinem Heimatelement, dem Habsburgischen, dem wahrhaft Finstren, Unterirdischen. Schnell tauchte er in ewig lichtlose Bereiche ab, in Kammern unterhalb der Stadt, in Katakomben, die das Unaussprechliche bergen. Seine Eingeweide krachten, sein Bildschirm zuckte in grausigsten Farben, als ob er einen Datasette-Fastloader für den C64 verschluckt hätte. Am Ende zeigte der Dekaf eine weiße Scheibe von der geringen Größe einer sternförmigen Zwirnspule, die in ein weißes Kästchen eingelassen war. Über der Scheibe leuchtete stumpf ein Bildschirm. Von dem Kästchen stand quer ein Stäbchen ab, an das sich im rechten Winkel noch eins fügte, auf dass es laufen könne. "iOdradek!", sagte der iOdradek.

(futurezone/Günter Hack)