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Wikipedia fördert Netzwerkkapitalismus

LITERATUR
29.11.2008

In seinem Buch "Amateure im Netz" beschreibt der österreichische Medientheoretiker Ramon Reichert, wie sich Social-Networking-Seiten vom Kapitalismus vereinnahmen lassen und so den Netzwerkkapitalismus fördern. ORF.at sprach mit dem Autor über die Schattenseiten des Web 2.0.

Eigentlich steht die Online-Enzyklopädie Wikipedia für die Beteiligungschancen aller Internet-Nutzer. Aber kann mit dem kulturellen Phänomen der Wiki-Netzwerke nicht auch die Entstehung eines neuen Kapitalismus beschrieben werden? Reichert beschäftigt sich in seiner jüngsten Veröffentlichung mit den Befürwortern und Gegnern in der Diskussion über das Web 2.0 und zeigt dabei auf, wie die digitalen Vernetzungsstrukturen im Internet eine neue Alltagskultur hervorbrachten.

Eine Kultur, in der es ursprünglich um die neuen Möglichkeiten des Austauschs und der ungehinderten Teilnahme aller Userinnen und User ging. Heute sind es ein verändertes Selbstmanagement und neue Formen der Wissensaneignung, die diese neue Alltagskultur großteils auszeichnen. Und das mit stark kapitalistischer Ausprägung, wie Reichert es im Kapitel "Wikipedia als Protagonist des Netzwerkkapitalismus" auf den Punkt bringt.

Der österreichische Kultur- und Medientheoretiker Ramon Reichert ist seit 2003 Assistent am Institut für Medientheorie der Kunstuniversität Linz, er lehrte u. a. an Universitäten in Berlin, Bochum, Canberra, Columbia und Zürich. Seit 2006 ist Reichert auch Key Researcher am Ludwig Boltzmann Institut für Europäische Geschichte und Öffentlichkeit in Wien und neuerdings auch Research Fellow am Internationalen Forschungszentrum Kulturwissenschaften (IFK) in Wien. 2005 erhielt er den Theodor-Körner-Förderungspreis.

ORF.at: Über das sogenannte Web 2.0 wird derzeit viel diskutiert. Worum geht es da eigentlich?

Reichert: Zwei Argumentationsstandpunkte bestimmen heute den Web-2.0-Diskurs. Auf der einen Seite steht der emanzipatorische Befreiungsdiskurs. Vertreter dieser Richtung erwarten von der Kommunikationskultur im Social Internet eine demokratische Veränderung sozialer Beziehungen.

Pessimistischer sieht das Web-2.0-Kritiker Andrew Keen. Er nimmt in seinem 2007 erschienen Buch "The Cult of the Amateur" die Gegenposition dazu ein. Seine Kritik an den neuen Vernetzungsstrukturen richtet sich gegen die Amateurbeiträge auf Internet-Seiten. So sieht er in der Blogosphäre ein Feindbild für den professionellen Journalismus. Keen befürchtet, dass es zu einer Trivialisierung der öffentlichen Kommunikation kommt, da die Ausweitung der minderwertigen Amateurkultur zur Verdrängung der qualitätsorientierten Expertenkultur führt.

Diese beiden Argumentationslinien, der Befreiungsdiskurs und die Kulturkritik, besitzen eine entscheidende Gemeinsamkeit: Sie berücksichtigen die soziale Alltagspraxis der Amateure nicht. Der theoretische Ausgangspunkt des Befreiungsdiskurses ist, dass er die emanzipatorische Kraft des Amateurs überschätzt. Die Kulturkritik dagegen verachtet die Amateure als kulturelle Deppen ("cultural dopes") der Kulturindustrie. Beide Positionen beschränken sich jedoch mehr oder weniger auf pauschale Vereinfachungen.

Amateure im Netz:

2004 verkündeten Tim O'Reilly und Dale Dougherty ihre Version eines optimistischen Netzparadigmas: das "Web 2.0". Die Autoren sahen darin eine neue Amateurkultur der Teilnahme und des ungehinderten und freien Austauschs von Informationen: Jeder Einzelne soll ohne aufwendige Produktionsverfahren, teure Produktionsmittel und zu erlernendes Know-how ein Autor, Künstler und Wissenschaftler werden können, um sich selbst zu verwirklichen.

Meiner Meinung nach müssen die Zusammenhänge zwischen den kulturellen Praktiken und Institutionen und den gesellschaftlichen Machtverhältnissen dahinter im Zentrum der Untersuchungen stehen. Gesteht man den Amateuren und Amateurinnen eine aktive und produktive Handlungsfähigkeit zu, dann erscheinen ihre Aktivitäten im Netz befähigt, die Wirkungskraft der vorherrschenden Meinungsbildner (zum Beispiel Massenmedien) zu schwächen.

ORF.at: Ausgangspunkte des Buches waren Beobachtungen der letzten Jahre, insbesondere der Entwicklung des Web 2.0. Wie bewerten Sie diese?

Reichert: Heute konkurrieren ein umfassendes Bildungscontrolling und diverse Anreizsysteme um mediale Aufmerksamkeit. Die Userinnen und User sind im Netz umgeben von einer Unmenge an Persönlichkeitsprofilen, Fragebögen, Eignungsdiagnosen, Hierarchiediagrammen, Kontrollmechanismen und Beurteilungssystemen, die ständig Informationen über die eigene Person verlangen.

Die Allgegenwart des medialen Exhibitionismus (Medienformate wie etwa das Reality-TV und die Dokusoap) haben dazu geführt, dass es heute alltäglich und selbstverständlich ist, wenn die unterschiedlichsten Menschen in Blogs, Videocasts, Diaries (Tagebüchern), Community-Seiten und Portfolios bereitwillig über sich selbst Auskunft geben und sich damit selbst für einen medial vermittelten Voyeurismus inszenieren, etwa in Castingshows.

Selbstmanagement und Wissenstechnik

Mit den digitalen Vernetzungsstrukturen im Internet ist eine neue Alltagskultur der aktiven Medienaneignung entstanden. Selbstmanagement, das heißt die Vermarktung seiner eigenen Person, und Wissenstechnik, das heißt die Formen der Wissensaneignung, sind im Web 2.0 allgegenwärtig geworden. Dazu hat Social Software wie MySpace, Facebook etc. einen Boom an Datenerhebungen ausgelöst.

ORF.at: Welche Auswirkungen haben die neuen "Kulturtechniken der Selbstpräsentation"?

Reichert: Eine Bewerbungskultur ist entstanden, die neue mediale Formen der Selbstthematisierung generiert und vielfach die Form von Identitätsmanagement und Selbstcoaching annimmt. Bewerbungssituationen beschränken sich schon längst nicht mehr ausschließlich auf Arbeitssphären und berufliche Felder. Die gegenwärtig vieldiskutierten sozialen Technologien im Web 2.0 gehen aus dem dynamischen Feld der neuen Medien hervor: E-Learning, Social Software, Blogs, digitale Lerntagebücher, Web-Portfolio-Design und E-Portfolios sollen zur Steigerung der Selbstreflexivität, der Qualitätssteigerung von Kompetenzprofilen und der Effektivität selbstregulierter Lern- und Bildungsprozesse führen.

Heute ist es normal geworden, unternehmerisch zu handeln, zu denken und zu fühlen. Diese Veralltäglichung eines kalkulierenden und planenden Lebensstils zeigt sich auch im Netz.

Heute durchdringen die Wissensmedien der Social Software und das Ordnungswissen des Selbstmanagements die Poren alltäglicher Kommunikation: Persönlichkeitsprofile, Rankingsysteme, Fragebögen und dergleichen sind Bestandteile der Social Software des Web 2.0.

ORF.at: Auch von einer neuen Form von Kapitalismus, nämlich dem Netzwerkkapitalismus, ist in Ihrem Buch die Rede. Wodurch zeichnet sich dieses Phänomen Ihrer Meinung nach aus?

Netzwerkkapitalismus

Wie konnte es passieren, dass Begriffe der 1968er Jahre wie etwa Autonomie, Kreativität und Authentizität, die sich gegen die Leistungsgesellschaft richteten, heute zu Persönlichkeitsmerkmalen der Leistungselite innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft geworden sind? Luc Boltanski und Eve Chiapello knüpfen in ihrer Untersuchung über den "neuen Geist des Kapitalismus" an die Protestantismusthese Max Webers an. Sie zeigen in ihrer Arbeit, dass sich der globale Kapitalismus des 21. Jahrhunderts die antikapitalistischen Ideen der Selbstverantwortung und Kreativität angeeignet hat, um Ansehen und Akzeptanz bei seinen ehemaligen Kritikern zu gewinnen.

Reichert: Zu den Charaktereigenschaften einer erfolgreichen Persönlichkeit zählen heute die Vermarktungsfähigkeit der eigenen Person und eine unternehmerische Einstellung. Diskurse der Selbstbeherrschung und -kontrolle müssen sich folglich mit den Techniken des Selbstmanagements vertraut machen.

Die in diesem Zusammenhang vieldiskutierte These von der "Ökonomisierung des Sozialen" sieht den Neoliberalismus als eine politische Rationalität. Ziel der "Ökonomisierung des Sozialen" ist der Abbau staatlicher Leistungs- und Sicherheitssysteme mit dem Appell, mehr Eigenverantwortung zu übernehmen. Dazu gehört das gesellschaftliche Leitbild des autonomen Menschen. Die geforderte Autonomie besteht darin, dass sich das eigene Leben an den unternehmerischen Effizienzkriterien orientiert.

ORF.at: In einem Kapitel Ihres Buches bezeichnen Sie die Online-Enzyklopädie Wikipedia als "Protagonisten des Netzwerkkapitalismus".

Reichert: Amateure, die ohne geregelte Dienstverhältnisse und rechtliche Absicherung an ihren Netzprojekten arbeiten und sich für diskursive Wissensaushandlungsprozesse engagieren (Blogs, Wikis, Soziale Netzwerke), gelten in der jüngeren Management- und Organisationstheorie als Protagonisten einer neuen Arbeitskultur. Es geht nicht mehr vorrangig darum, Arbeitskraft für Erwerbslohn verfügbar zu machen, sondern innerhalb der betrieblichen Kultur auf Selbst- und Sinnsuche zu gehen.

Mit dem Kulturbegriff versuchen die Kapitalwirtschaft sowie das Unternehmertum, eine Leistungsmentalität "nachhaltig" zu etablieren. Amateure, die aus Liebhaberei arbeiten wollen, werden in der Management- und Organisationstheorie als Selbstunternehmer angesehen, die bereit sind, im Rahmen ehrenamtlicher Gratisarbeit tätig zu werden.

ORF.at: Nach dieser Definition sind nur die "Arbeitsverhältnisse" im Netzwerk kapitalistisch. Wo sind hier die wesentlichen Merkmale des Kapitalismus wie die Eigentümerstruktur sowie die Orientierung an Angebot und Nachfrage zu finden?

Ramon Reichert: Amateure im Netz. Selbstmanagement und Wissenstechnik im Web 2.0

Transcript Verlag, Bielefeld, Oktober 2008

Reichert: Auf Social-Networking-Sites sind nicht nur die Arbeitsverhältnisse, sondern auch die Produktionsverhältnisse kapitalistisch, denn die Server sind in der Hand von global agierenden Konzernen, etwa Google und Yahoo. Um diese informatorische Ausbeutung der Konsumentinnen und Konsumenten zu verschleiern, betonen die Unternehmen unermüdlich die Freiheit, Autonomie und Selbstverwirklichung der Userinnen und User. Verschwiegen wird das systematische Information-Retrieval der Suchmaschinen (semantisches Scannen der Mail-Nachrichten etwa nach Begriffen aus der Gebrauchsgüterwerbung oder die Kategorisierung der Kaufakte bei Amazon).

(futurezone/Claudia Glechner)