Allein gegen das Internet
Lutz Heilmann wollte die Wikipedia wegboxen, Jerry Yang gegen die Naturgewalten Google und Microsoft anrennen. Beide mussten feststellen, dass man auch in einer vernetzten Umgebung verdammt schnell ganz allein dastehen kann.
Das war vielleicht ein Wochenende für Lutz Heilmann. Nur weil ihm dieser Eintrag mit leichten Andeutungen über seine Vergangenheit nicht so gefiel und das an seiner Ehre nagte, wollte er mit einer einstweiligen Verfügung Wikipedia stoppen. Staatsmännische Idee, Respekt. Ähnlich souverän hatte vor 19 Jahren ein gewisser Günter Schabowski über Heilmanns ehemaliges Arbeitgebervolk die Reisefreiheit verhängt.
Richtig lustig sein konnte hingegen Jerry Yang, der voll zurückgetretene CEO von Yahoo, als er in seinem Blog-Eintrag davon lallte, er werde immer lila bluten. Aus Sicht des Mediziners klingt das ja schwer nach Sauerstoffarmut. Aber auch das würde zur finanziellen Situation der ehemaligen Internet-Vorzeigefirma passen.
Diese beiden Menschen waren plötzlich alleine gegen alles und alle. Vor allem gegen das Internet. Denn ihre Entscheidungen lösten ein geballtes digitales WURSCHT aus. Und da fühlt man sich sicher als Bundestagsabgeordneter oder als Silicon Loser noch viel einsamer. Dass das Internet einsam macht, das behaupten vereinzelte selbst ernannte Experten schon länger. Jetzt können mehr und mehr ein Lied davon singen.
Selbst wenn man noch so sehr dagegen ankämpfen möchte, digitale Technik vereinsamt schon allein deshalb, weil sie plötzlich wieder beschränkt. Twitter lasse, so ein paar Nörgler neulich, ja wegen seiner limitierten Eingabe von 160 Zeichen die Tiefe in den Äußerungen gar nicht zu, führe zu einer Economy of Words. Da muss man doch einsam werden, wenn man nach Äußerungen wie "Ich stehe hier am Sims des 56. Stockwerks, schaue in die Tiefe ...!" nicht einmal mehr "Könnte bitte jemand die Feuerwehr rufen, ich hab mich echt verlaufen, echt" oder gar "Heeeeeeeeeeeeeeee!" dazuschreiben kann. Das System sucht eben seine Opfer und findet sie in der Zeichenbeschränkung.
Und selbst wenn man Freunde im Internet sucht, selbst wenn man scheinbar diese Freunde in der Form der letzten freundlichen Banker findet, in einer einsamen Filiale am Rande Afrikas, dann kann man bitter verletzt und allein gelassen werden. Wie zum Beispiel diese amerikanische Krankenschwester, die aus Nächstenliebe 400.000 US-Dollar an Gebühren für die Überweisung von 20,5 Millionen Dollar ausgab. Und nichts dafür bekam. Nur Spott. Ein derartig hoher Wirkungsgrad eines Investments war bisher nur den Kunden der Lehman Brothers bekannt, aber die waren im Herbst lange nicht so alleine wie diese arme Frau. Nun geht sie an die Öffentlichkeit, um neue Freunde zu finden und diese vor allen Bösewichten zu warnen. Hoffentlich vor allem vor denen, die gar nicht in Afrika wohnen.
Das ist allerdings nichts gegen Konzerne, die sich im Internet einsam fühlen. Wir erinnern uns: Google ist seit einem Jahrzehnt auf der Suche im Internet, hat sich sogar eine Suchmaschine dafür gebaut und sie allen Freunden für lau zur Verfügung gestellt. Und was muss ein Unternehmen, das nie böse sein will, feststellen? Es ist mutterseelenallein. Denn es entwickelt seine Produkte nicht mit Kunden, sondern mit den eigenen Ingenieuren.
Mit Schaudern stellen wir uns kurzsichtige Langeweiler mit Zahnstein bis zu den Mandeln in zu kurz geschnittenen Hosen vor, die ein Flirtservice entwickeln sollen. Das kann ja nur in einer Feature-Wüste enden. Wie schön, dass jetzt scheinbar zusammen mit Kunden alles besser werden soll. Manche Dinge sind so einfach wie die Frage nach der Uhrzeit. Man muss nur seit Urzeiten darauf kommen.
Diese Fälle machen uns alle traurig. So kurz vor Weihnachten und so lange nach dem ersten Verkauf von Christstollen in diesem Jahr. Deshalb hier der Tipp für alle digital Vereinsamten: Backt euch ein wenig Liebe mit dieser kreischschönen Babybackform und freut euch auf das Fest der Liebe. Wird schon gutgehen im nächsten Jahr. Das Netz meint es nicht so, es ist eben nur einfach nicht menschlich.
Keine Lösung sehen wir allerdings darin, digitale Werkzeuge ab jetzt nur noch zu simulieren - das kann nicht gutgehen. Lasst die Finger davon und denkt an Herrn Heilmann, eine Krankenschwester und Jerry Yang. Wer lila blutend nur noch per einstweilige Verfügung in das Web hineinbrüllt, dem wird nur noch Herr Dr. Mubutu antworten. Mit einem Google-Schenkoffert. Wer will das schon.
(Harald Taglinger)
