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"Vertrauen Sie Ihren Programmen nicht"

SICHERHEIT
18.11.2008

Ivan Krstic, ehemaliger Sicherheitschef der OLPC-Initiative, hat auf der Sicherheitskonferenz DeepSec zu mehr Misstrauen im Internet aufgerufen: "Man sollte niemandem trauen, außer es gibt einen guten Grund dafür." Viele Probleme wie Phishing seien zudem sofort lösbar - wenn sich die Industrie zu einem klaren Schnitt entschließen würde, so Krstic gegenüber ORF.at.

Am Freitag zeichnete Krstic in seiner Keynote auf der DeepSec ein ziemlich klares wie düsteres Bild: Von der CPU über die Grafikkarte bis hin zu den Monitorkabeln - nichts an seinem Rechner könne man mehr vertrauen, fast alles könne zum Aushorchen des Nutzers verwendet werden.

Krstic forderte daher, das Vertrauen in Hard- und Software, von der Industrie auch unter dem Begriff "Trusted Computing" zusammengefasst, aufzugeben und stattdessen gesundes Misstrauen als operative Norm anzuwenden. Im Gespräch mit ORF.at erklärt Krstic, dass es ihm dabei vor allem um die Programme selbst, nicht um Misstrauen gegenüber dem Nutzer geht.

ORF.at: Herr Krstic, in Ihrem Vortrag haben Sie erklärt, weil man niemandem vertrauen könne, sollte man allem misstrauen. Was genau meinen Sie damit?

Für die Initiative "One Laptop per Child" (OLPC) hat Krstic die Sicherheitsplattform Bitfrost entwickelt.

Krstic: Aktuell wird auf dem Desktop allem vertraut, und daher kommt meiner Meinung nach ein Großteil unserer Sicherheitsprobleme. Sie können heute jede Software herunterladen, und sie wird dieselben Rechte haben wie Viren oder verdeckte Spionagesoftware. Die Industrie versucht, die Idee zu konservieren, dass man allem trauen soll, und das schon seit Jahren, und sie haben damit nicht gewonnen. Ich meine, es gibt bessere Wege, mit Vertrauen umzugehen. Die Leute, die Sicherheitssysteme konzipieren, sollten auf der Annahme aufbauen, dass man nichts vertrauen sollte, außer es gibt einen guten Grund dafür. Ich sage, dass die Nutzer nicht allen Programmen gleich viel Vertrauen entgegenbringen sollten.

ORF.at: Es wird auch für mit der Materie vertraute Nutzer immer schwieriger, Gefahren richtig einzuschätzen und entsprechende Vorsichtsmaßnahmen zu treffen. Sollten Programmierer nicht den Nutzern misstrauen?

Neuer Markt durch OLPC

Zu OLPC wollte sich Krstic nicht wirklich äußern, außer dass die "Hardware nie dazu gedacht war, mit jener der entwickelten Länder zu konkurrieren. Wirklich innovativ sind jedoch der in der Sonne lesbare Monitor, die Akkulaufzeit, die allgemeine Widerstandsfähigkeit der Hardware. Das ist in nicht entwickelten Ländern wirklich nützlich, denn auch wenn es dort bereits bessere Geräte gibt, kann man diese oft nicht nutzen, weil man etwa viel mehr Energie dafür braucht. Für entwickelte Länder ist die Hardware mittlerweile obsolet, aber OLPC hat die Industrie dazu gezwungen, den Markt für kleine, günstige Rechner zu bedienen. Dort wollten sie eigentlich nicht hin, weil die Margen sehr klein sind und man nicht viel verdienen kann. Hätte OLPC nicht gesagt: Wenn ihr das nicht macht, machen wir das und nehmen das Geld, hätte die Industrie sie nie bewegt. OLPC hat den Markt geschaffen, und die Industrie ist nachgezogen. Meiner Meinung nach hat die Hardware des XO1 ihren Zweck erfüllt, denn jetzt gibt es den Classmate, den Eee PC von Asus, und es gäbe sie nicht, wenn der XO nicht gezeigt hätte, dass es dafür einen Markt gibt."

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Krstic: Nein, wir dürfen nicht unseren Nutzern misstrauen. Ich glaube, wir müssen einfach besser werden, indem wir die Sicherheitsabfragen stellen, die die Nutzer auch wirklich beantworten können. Bisher gingen wir davon aus, dass die Nutzer jede auch noch so komplizierte Frage beantworten können. Das ist Unsinn, weil die Nutzer für die korrekte Beantwortung oft nicht genug wissen. Vielmehr sollten die Fragen so formuliert werden, dass man darauf vertrauen kann, dass die Nutzer die richtige Entscheidung treffen. Wenn ich Sie frage: "Wollen Sie Ihre Kreditkarteninformationen diesem Programm geben, weil es diese Informationen irgendwohin schicken will", oder "Vertrauen Sie diesem X.509-Zertifikat für diese SSL-Transaktion", dann können Sie die erste Frage beantworten, die zweite aber nicht wirklich. Es geht also darum, bessere Fragen zu stellen. Ich hätte gerne, dass die Leute, die Betriebssysteme entwickeln, sich auf den Nutzer konzentrieren und nicht auf die Sicherheitsprotokolle und Zertifikate und so weiter. Der Nutzer braucht Schutz.

ORF.at: Haben Sie für das Problem bereits eine Lösung?

Krstic: Die meisten Probleme, die wir derzeit haben mit Viren, Malware, Spam, Phishing und so weiter, können wir bereits lösen. Das Problem ist allerdings, dass die Firmen, die dazu in der Lage wären, sie bisher nicht anwenden wollten. Ein einfaches Beispiel: Phishing. Die Idee hinter Phishing ist, dass eine präparierte Website Informationen bekommt, die Sie als Nutzer eigentlich gar nicht hergeben wollten. Es gibt nun bereits Möglichkeiten, dem zu entkommen. Man kann etwa anstatt des Passworts nur den Beweis schicken, dass Sie das richtige Passwort haben. Die Website kann mit dem Beweis alleine nichts anfangen, wenn sie das Passwort nicht kennt. Wenn Sie diesen Beweis auf der richtigen Website eingeben, werden sie eingeloggt - eine falsche Website kann mit der gelieferten Zahlenmenge nichts anfangen, da diese nicht das Passwort darstellt und für Phisher daher nutzlos sind. Damit wäre das Problem des Phishings grundlegend gelöst - es gäbe keinen Anlass mehr dazu. Das Problem ist, wenn Sie das implementieren, wäre die Authentifizierung auf bereits existierenden Websites obsolet, daher ist das ein schwieriges Thema. Auch für Spam haben wir bereits eine Lösung, wir müssen nur herausfinden, ob wir bereit sind, den Preis dafür zu zahlen, wenn wir diese wirklich umsetzen. Bisher haben alle gesagt, der Preis ist zu hoch, aber wenn Sie sich den Anstieg bei Spam, Phishing oder Malware ansehen, wird der Preis für den Bruch der Kompatibilität bald niedriger sein, als wenn wir dem Treiben weiter zusehen.

ORF.at: Auf der von Ihnen vorgeschlagenen Basis des Misstrauens, was soll sich da in Ihren Augen in zehn Jahren verändert haben, wenn Sie sich Ihre perfekte Zukunft ausmalen?

Vorübergehender Rückzug

Derzeit beschäftigt sich Krstic laut eigenen Aussagen vor allem mit Grundlagenforschung zum Thema Sicherheit. Er habe zwar bereits einen neuen Job, doch darüber wolle er noch nicht sprechen. Seinen Rückzug bei OLPC erklärte Krstic nicht mit dem Entschluss, dass auch Windows auf dem XO verfügbar ist, sondern damit, dass sich die Organisation nach seinem Verständnis nicht mehr vor allem um Bildung und Lernen kümmerte, sondern mehr darum, möglichst viele Notebooks zu verkaufen. "Ich bin nicht zu OLPC gegangen, um für einen Notebook-Hersteller zu arbeiten, sondern weil ich Bildung auch Kindern in Entwicklungsländern ermöglichen wollte." Das Ziel, Menschen Bildung zu ermöglichen, habe er immer noch: "Ich bin Idealist und Romantiker, jemand muss diese Arbeit machen", er glaube weiter an diese Ziele.

Krstic stellt Sugarlabs, das sich vor allem um die Weiterentwicklung der XO-Oberfläche Sugar kümmert, zwar noch Infrastruktur zur Verfügung, am Projekt selbst arbeitet er nach eigenen Aussagen aber nicht mehr mit.

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Krstic: Ich glaube nicht, dass es eine perfekte Zukunft gibt. Wir Menschen bedienen täglich sehr komplexe und starke Maschinen. Diese können gefährlich sein, wenn man sie falsch verwendet, und doch gibt es nicht so viele Unfälle, wie man meinen möchte. Die Autoindustrie etwa hat Wege gefunden, wie man sehr komplexe Probleme und fehleranfällige Maschinen so weit für Menschen verständlich macht, dass Fehler nicht allzu oft passieren. Dorthin sollten wir Computer auch bringen: Die Menschen sollten keinen Abschluss in Computerwissenschaften haben müssen, um den Computer sicher machen zu können. Vielmehr sollen jene Menschen, die einen Universitätsabschluss in Computerwissenschaften haben, die Computer so einfach machen, dass jeder sie sicher bedienen kann.

ORF.at: Was sind Ihre persönlichen Tipps für den Nutzer, um sich möglichst gut zu schützen?

Krstic: Es ist schwierig. Wenn es einfach wäre, hätten wir unsere aktuellen Probleme nicht. Vielleicht das Einfachste: Computer sind mittlerweile so billig, dass man einen für die Arbeit und einen zweiten für alle privaten Angelegenheiten haben kann, auf dem man möglichst wenig Software installiert, sondern nur jene, die man wirklich braucht. Und wenn Sie wirklich Spiele, Bildschirmschoner und Bildschirmhintergründe installieren wollen - machen Sie das auf einem anderen Computer, der nur dafür benutzt wird. Wenn etwas schiefgeht, können Sie das Betriebssystem löschen und neu anfangen. Vor fünf Jahren konnte man das noch nicht sagen, damals waren PCs noch richtig teuer, aber heute ist das vielleicht die einzige einfache Lösung: Pfuschen Sie nicht an Ihrem Arbeits-PC herum, und installieren Sie Spiele auf einem anderen Computer.

ORF.at: Aber auch mit dem Arbeitsrechner surft man im Internet und muss manchmal Programme installieren, die vielleicht nicht ganz sauber sind.

Krstic: Es gibt keine einfache Lösung von Problemen wie Phishing, aber Sie könnten etwa Bookmarks zu bestimmten Websites wie der für ihr Online-Banking setzen. Meiner Meinung nach ist Malware, über die ein Computer ferngesteuert werden kann, noch immer die größte Gefahr. Wenn man möglichst keine Programme aus dem Netz installiert, würde das schon ein großes Stück des Problems lösen. Natürlich gibt es immer Löcher, aber man muss etwas tun, um die Gefahr zu minimieren.

ORF.at: Also gilt auch für die Nutzer: Vertrauen Sie Ihren Programmen nicht.

Krstic: Ja, absolut.

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~ Link: Mehr Phishing als je zuvor (../http://www.fuzo-archiv.at/?id=319369v2) ~

(futurezone/Nadja Igler)