"IPsphere": Geschäftsmodelle für das Netz

ö1-tipp
29.10.2006

Das Ö1-Magazin "matrix" berichtet über Ansätze und Ideen, wie Infrastrukturbetreiber mit der "Premium"-Auslieferung von Inhalten möglicherweise zusätzlich verdienen könnten.

Weil jene, die Inhalte und Dienste über das Internet anbieten, einen Haufen Geld verdienen können, aber jene, die die Infrastruktur dafür aufbauen und betreiben, durch die Finger schauen, hatte die kalifornische Firma Juniper Networks vor drei Jahren eine Idee:

Hersteller von Netzwerkausrüstungen und Internet-Provider müssten die Möglichkeit haben, mit speziellen Services mehr zu verdienen.

Unter dem Schlagwort "Infranet" sollten Möglichkeiten entwickelt werden, mit denen Datentransfers mit höherer Qualität und Sicherheit als die "normale" Internet-Verbindung zu höheren Preisen angeboten und automatisch über Netzwerkgrenzen hinweg garantiert und verrechnet werden könnten.

Juniper Networks

ist der weltweit zweitgrößte Netzwerkausrüster mit Sitz in Kalifornien und produziert vor allem High-End-Router für das Internet.

IPsphere statt Infranet

Weil keiner der großen Carrier oder Hersteller auf die Idee aufsprang, wurde sie auf Eis gelegt und im Sommer 2005 unter dem Namen IPsphere wieder aufgetaut.

Jetzt sind eine Reihe von großen Firmen wie Cisco, Alcatel, Siemens, Deutsche Telekom, France Telecom oder Verizon mit im Boot und steuern den ersten Hafen an: Bis Jahresende soll vom IPsphere-Forum ein Framework entwickelt werden, also eine theoretische Betrachtung, wie die Architektur dieser "Business-Layers für IP" aussehen könnte.

QoS grenzenlos

Ziel der Überlegungen ist es, für zahlungskräftige Kunden Dienste mit garantierter Übertragungs-Qualität, sogenanntes Quality of Service [QoS], anbieten zu können – und zwar über Provider- und Netzwerk-Grenzen hinweg.

Daran mangle es derzeit noch, so Roger Wenner, der am Forschungs- und Technologiezentrum der Deutschen Telekom in Darmstadt arbeitet und Mitglied des Vorstandes des IPsphere-Forums ist.

Mögliche Einsatz- und Absatzbereiche könnten Videokonferenzen, Voice over IP oder andere Dienste sein, die eine stabile Verbindung, garantierte Bandbreite oder besondere Sicherheit erfordern.

Die Frage nach dem Bedarf

Grundsätzlich überlege jeder Provider, was er zusätzlich anbieten könne, denn viel verdienen könne man mit Internet-Infrastruktur tatsächlich nicht, meint Oskar Obereder, Gründer und Geschäftsführer des Wiener Internetproviders Silver Server.

Für IPsphere, zumindest für das, was nach den bisherigen Veröffentlichungen des IPsphere-Forums bekannt ist, sieht er jedoch wenig Einsatzmöglichkeiten.

Banken, Versicherungen oder multinationale Konzerne würden ihren heiklen Datenverkehr meist lieber über Mietleitungen abwickeln, auf die ohnehin niemand anderer Zugriff hat, und Klein- und Mittelbetriebe hätten weder den Bedarf noch das Geld für neue Premium-Services.

Virtual Private Networks, Videokonferenzen und Voice over IP würde man außerdem bereits anbieten und dafür gäbe es genug Bandbreiten und die nötigen technischen Voraussetzungen.

Schwer umzusetzen?

Das IPsphere-Forum ist nicht die einzige Gruppe, die sich mit der Frage beschäftigt, wie Plattformen für neue Services aussehen müssen, welche Services und welche Qualität die Benutzer wollen und wie spezielle Dienste verrechnet werden können.

Diese Themen sind die Spezialgebiete von Peter Reichl und Sandford Bessler, die beide am Forschungszentrum Telekommunikation Wien arbeiten. Technische Standards für Quality of Service seien schon vor langem von der IETF, der Internet Engineering Task Force entwickelt worden, so Peter Reichl.

Forschungsgebiet Internet Economics

Für die Frage, wie spezielle Dienste und Quality of Service verrechnet werden können, sei mittlerweile das Forschungsgebiet Internet Economics geschaffen worden.

Es gebe jede Menge Studien dazu, so Sandford Bessler, bisher habe sich aber noch keine einzige Lösung durchgesetzt, denn dafür müssten sich alle Beteiligten einigen, und das sei sehr schwierig und sehr komplex.

Insofern meint Peter Reichl, dass es wohl Bedarf für IPsphere gäbe, die Umsetzung aber wohl sehr lange dauern und sehr viele Nerven kosten könnte.

(futurezone | Sonja Bettel)