Fernsehen zum Selbermachen
Über den unaufhaltsamen Aufstieg von Online-Videos, Videoblogs und ganz privaten Breitbandkanälen
Ein Bonmot macht seit einiger Zeit die Runde: In Anlehnung an Andy Warhols berühmte Prognose, in Zukünft würde jeder 15 Minuten lang berühmt sein, ist darin von "15 Megabyte Ruhm" die Rede, die jedem online zuteil würden.
Belege für die diese "15 Megabytes of Fame"-These lassen sich zuhauf auf YouTube finden. Diese Plattform hat in den letzten Wochen und Monaten eine Reihe von "Stars" hervorgebracht - durch die Bank Durchschnittsbürger bzw. -User, die sich einfach vor eine Kamera setzen und drauflosmonologisieren. "YouTube-Stars" wie etwa:
Für Aufsehen weit über YouTube hinaus sorgten in den letzten Monaten auch die Videotagebücher von "EmoKid21Ohio" und "LonelyGirl15", die sich allerdings beide als Fakes entpuppten.
Im Anfang war Rocketboom
Im Namen "YouTube" steckt "Tube", das englische Wort für Fernsehen. YouTube heißt also so viel wie: Du bist das Fernsehen, du machst selbst Fernsehen, du stellst dir dein eigenes Programm zusammen.
Selbst gestaltetes Fernsehen findet allerdings nicht nur auf YouTube statt; auch abseits davon sprießen im Web fernsehartige Formate und Videoblogs wie die Pilze aus dem Boden. Eines der ersten Videoblogs war Rocketboom, das bis heute auch das bekannteste und erfolgreichste geblieben ist:
Gestartet ist Rocketboom am 26. Oktober 2004. Das - wie sich schnell herausstellen sollte - sehr erfolgreiche Rezept der beiden Sendungsmacher Andrew Baron und Amanda Congdon war simpel: Die Moderatorin sitzt an einem Holztisch, im Hintergrund ist eine Weltkarte an die Wand gepinnt. Dann folgen vier Minuten unterhaltsame News aus der Welt des Web.
Im Wohnzimmer und mit Alltagstechnologien aufgenommen, erreichte Rocketboom bald bis zu 200.000 Zuseher täglich - damit ist man auf Augenhöhe mit der Reichweite so mancher Sendung im amerikanischen Kabelfernsehen.
Aus Fernsehen wird Ehrensenf
Rocketboom hat auch im deutschsprachigen Raum Menschen mit Videokamera inspiriert. Unter ihnen Rainer Bender und Carola Sayer in Köln, die seit fast einem Jahr ebenfalls Internet-Fernsehen machen und von Montag bis Freitag eine knapp vierminütige Online-Show mit dem Titel "Ehrensenf" produzieren, die heuer auch den Publikumspreis bei den "Grimme Online Awards" gewann.
Aufgenommen wird "Ehrensenf" mit einer ganz einfachen Consumer-Digicam. Geschnitten und komprimiert wird die Sendung dann mit iMovie und auf einem Apple PowerMac G5 - mehr an Technologie kommt nicht zum Einsatz.
Rainer Bender war früher Gagschreiber für Harald Schmidt und Sitcoms wie "Nikola" und hatte auch maßgeblichen Anteil an der Entwicklung der Comedy-Show "Was guckst du?". Auch seine Projektpartnerin Carola Sayer hatte vor "Ehrensenf" bereits Fernseherfahrung, unter anderem bei der TV-Ideenschmiede Endemol.
Bender und Sayer haben dem "echten" Fernsehen den Rücken gekehrt, weil sie im Internet mehr kreative Freiheiten sehen.
"Fernsehen von unten"
Rocketboom hat im deutschsprachigen Raum nicht nur "Ehrensenf" inspiriert, sondern auch das Videoblog "Rebell.tv", das Stefan M. Seydel - auch bekannt als "SMS" - vom Südufer des Bodensees aus betreibt.
Seydel hat schon früh persönliche Kontakte zu den Machern von Rocketboom geknüpft und wurde in der Folge von den Rocketboomern sogar zum Videokorrespondenten für den deutschsprachigen Raum befördert.
Auch in Österreich zeigen sich erste Ansätze für selbstgemachtes, selbstgedrehtes Fernsehen, wie etwa den "Breitbandsender" kanalB, der sich als alternatives und politisches Medienprojekt versteht und auf seiner Website knapp 200 Clips im Web-typischen 3- bis 4-Minuten-Format anbietet.
(futurezone | Richard Brem)
