18.01.2003

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Bildquelle: PhotoDisc

Ex-Piratenjäger schildert P2P-Sabotage

Nachdem letzte Woche die Hackergruppe "Gobbels" großspurig behauptete, verschiedenste Tauschbörsen im Auftrag der Musikindustrie mit Viren infiziert zu haben und sich dies kurz darauf wenig überraschend als Hoax entpuppte, berichtet nun ein echter Piratenjäger von seinen Erfahrungen an der File-Sharing-Front.

Matt Warne arbeitete zwei Jahre lang für die IFPI [International Federation of the Phonographic Industry], die 1.500 Labels in 76 Ländern vertritt.

Wer, was und woher?

Warnes Aufgaben bestanden darin mit der RIAA [Recording Industry Association of America] und den größten Musiklabels Technologien zu entwickeln, die das File-Sharing dokumentieren und stoppen.

Die IFPI koordinierte die Anstrengungen detaillierte Informationen darüber zu sammeln, wer welche Musikdateien von wo aus verteilt. Dazu durchstreift sie das Internet, FTP und IRC-Channels und sendet über ein automatisches System Warnbriefe an Internet Service Provider und Webmaster.

"Wir mussten sehr schnell handeln, wenn beispielsweise EMI anrief und fragte 'Was ist dieses Freenet?' und genau wissen wollte, wieviele ihrer Künstler über dieses Netzwerk getauscht wurden," berichtet Warne.

Als Napster es zum Beispiel nicht "schaffte" alle geschützten Songs aus seinem Netzwerk zu entfernen, reagierte die IFPI im Mai 2001 mit der Software "Songbird", auch unter dem Namen "Media Enforcer" bekannt.

Datenmüll-Angriff auf Tauschbörsen

Warne zählte nach eigenen Angaben zu den ersten, die anregten, die sich schnell ausbreitenden Tauschbörsen mit Datenmüll zu vergiften. "Ich habe vorgeschlagen Fake-Dateien mit echten Titeln in die P2P-Netzwerke einzuschleusen, auf denen nur Stille oder irgendwelche Geräusche zu hören sind," sagt Warne.

Dies sollte den Tauschbörsen-Nutzern die Suche nach Songs erschweren und schließlich endgültig verleiden.

So wurde der Plan auch umgesetzt, die IFPI errichtete ein Computersystem, das vorgab ein Netz mit vielen verschiedenen Usern zu sein, in Wirklichkeit aber nur ein Knotenpunkt war. Die Musikindustrie orderte zu diesem Zweck unzählige DSL-Leitungen an einem Ort, um ein P2P-Netzwerk zu simulieren.

Das Datenmüll-Netzwerk war auf Dauer jedoch zu teuer, daher wurde es wieder geschlossen und man beschloss sich auf die Schließung großer Kopierwerkstätten zu konzentrieren.

Angesichts der immer noch im Umlauf befindlichen Fake-Dateien liegt die Vermutung jedoch nahe, dass die Plattenlabels ihrerseits weiterhin diese Technik anwenden.

"In der Vergangenheit stecken geblieben"

Warne beschloss schließlich sich aus der Musikindustrie zurückzuziehen, da sie - wie er sagt - "in der Vergangenheit stecken geblieben ist".

In den Jahren 1997 und 1998 hätten die Plattenlabels noch die Chance gehabt, eigene Online-Musikkanäle zu entwickeln, doch zu diesem Zeitpunkt war man noch zu paralysiert von der Angst vor der Online-Musik und verzichtete darauf alternative Business-Modelle zu starten.

"Als Napster kam, haben sich die Leute daran gewöhnt kostenlos herunterzuladen," kritisiert Warne. "Später wurden dann zwar Online-Musikportale gestartet, doch die Kunden blieben aus, da man die Songs auch gratis beziehen konnte. Hätten sie diese Services schon 1998 eingeführt, würde man jetzt nicht vor diesem Problem der Zahlungsunwilligkeit stehen."