Start der Photokina 2006

26.09.2006

Am Dienstag wird die Photokina 2006 in Köln eröffnet. Die weltgrößte Fachmesse der bildverarbeitenden Industrie zeigt eine Branche im Umbruch. Ein Blick auf die wichtigsten Trends und Produkte im Bereich Fotografie.

1.600 Anbieter aus 45 Ländern stellen ab Dienstag auf 230.000 Quadratmetern ihre neuen Produkte rund ums Bild vor. Was die gute alte Fotografie angeht, so spiegelt die Messe vor allem drei große Trends wider:

1. Fotografie als Unterhaltungsmedium

Analoge Fotografie war eine eher teure Angelegenheit und diente auch im privaten Bereich vor allem dokumentarischen oder künstlerischen Zwecken. Die digitale Fotografie erlaubt einen anderen Umgang mit Bildern, weil sie schneller ist, das Bild an sich nichts kostet und vor allem schnell übers Netz anderen Menschen zugänglich gemacht ist.

Das führt unter anderem dazu, dass Fotografie vermehrt Unterhaltungszwecken dient. Und zwar nicht mehr nur der Unterhaltung als Entertainment, sondern der Unterhaltung als Konversation.

Auf erfolgreichen Foto-Websites wie Flickr kommentieren die Teilnehmer ihre Bilder gegenseitig nicht nur mit Texten, sondern auch mit anderen Bildern. Die Nutzer verständigen sich in Bild-Sprache, was einerseits dem internationalen Charakter des Internet entgegenkommt, andererseits eine neue Bildästhetik fördern kann.

Neue Freunde

Die Geschäftswelt bildet diesen Trend ab. Traditionelle Unternehmen der Fotoindustrie kommen unter die Fittiche von Konzernen, die eigentlich im Bereich der Unterhaltungselektronik groß geworden sind. Konica-Minolta übertrug das Know-how seiner Fotobranche an Sony. Der japanische Unterhaltungskonzern stellte schon lange vor der Photokina seine erste digitale Spiegelreflexkamera A-100 vor und präsentiert nun auf der Messe die gemeinsam mit der Carl Zeiss AG entworfenen hochwertigen Systemobjektive.

Die altehrwürdigen Systemhersteller Olympus und Leica wiederum lehnen sich eng an den alten Sony-Konkurrenten Panasonic an. Die Olympus L-330, die Panasonic Lumix DMC-L1 und die Leica Digilux 3 nutzen das gleiche grundlegende Design-Schema, den Four-Thirds-Objektivanschluss und vor allem den gleichen 7,5-Megapixel-Sensor von Panasonic. Das spart Entwicklungskosten und bringt Synergieeffekte bei der Verbreitung des Systems, weil jeder Anbieter seine Kunden auf die neue Plattform lotsen kann. Olympus zeigt auf der Photokina mit der E-400 aber eine neue Kamera mit traditionellerem Design und 10 Megapixel Auflösung.

Pentax als Koreaner

Pentax, einer der traditionsreichsten japanischen Anbieter von Kameras und hervorragenden Optiken, tat sich unterdessen mit dem koreanischen Megakonzern Samsung zusammen. Die Kooperation liess Pentax wieder zu Kräften kommen. Der zuletzt schwächelnde Hersteller überraschte im Vorfeld der Photokina unter anderem mit der DSLR K10D, die mit etlichen technischen Feinheiten wie Spritzwasserschutz, DNG-Unterstützung, Bildstabilisator im Gehäuse und 22-Bit-A/D-Wandler aufwartet. Dazu kommen noch hochwertige Objektive mit schnellen Ultraschall-AF-Motoren. Samsung bringt die K10D als GX10 auf den Markt.

2. Neues Verhältnis von digital zu analog

Ging es den Konstrukteuren in den vergangenen Jahren hauptsächlich darum, die digitale Fotografie qualitativ auf die Höhe der analogen zu bringen, sind mittlerweile auch die günstigsten digitalen Spiegelreflexkameras in Sachen Flexibilität und Bildqualität speziell bei hohen Empfindlichkeiten den filmbasierten Vorgängern überlegen. Das gibt den Ingenieuren nun den Raum, sich mit Kamera-Features zu befassen, die mit der analogen Technik noch nicht möglich waren.

Stabil hilft viel

Dazu gehören die einst von Konica-Minolta eingeführten Bildstabilisatoren im Gehäuse ebenso wie die von Pentax mit der K10D eingeführte Empfindlichkeitsautomatik, welche Zeit und Blende nach vom Benutzer voreingestellten ISO-Werten regelt und natürlich die von Olympus mit der E-330 vorgestellte Echtzeit-Bildvorschau, die auch Leica und Panasonic in ihre Spiegelreflex-Modelle übernommen haben.

Gleichzeitig arbeitet die Branche daran, die Kinderkrankheiten der DSLRs zu bekämpfen. Waren Nutzer digitaler Spiegelreflexkameras früher gezwungen, mit Reinigungsstäbchen auf dem teuren Sensor ihres Schätzchens herumzuwischen, bieten sie mit den aktuell vorgestellten Modellen alle wichtigen Hersteller irgendeine Art von Staubschutz- oder Staubentfernungssystem an.

Sony, Canon und Pentax/Samsung ziehen endlich mit Sauberkeits-Pionier Olympus gleich. Nikon bleibt erstaunlicherweise zurück. Käufer der ansonsten sehr gelungenen D80 müssen leider auf staubabweisende Sensor-Spezialbeschichtungen und Ultraschallreinigungssysteme verzichten.

Film wird simuliert

Auch Fujis brandneue Spiegelreflex FinePix S5 Pro, deren Gehäuse auf jenem der Nikon D200 basiert, kann nicht mit einem Staubkiller aufwarten, dafür steht das Gerät für einen anderen Trend, nämlich die Simulation der analogen Fotografie in der digitalen. Die S5 bringt einen gegenüber dem Vorgänger S3 nochmals verfeinerten "Film Simulation Mode" mit, der die von bestimmten Filmemulsionen erzeugte ästhetische Bildanmutung digital reproduzieren soll.

Der Retro-Trend beschränkt sich aber nicht auf die digitale Emulation chemischer Emulsionen, er schließt auch die Ergonomie ein. Bei der Panasonic LS-1 und ihrem Leica-Pendant Digilux 3 darf der Traditionalist wieder an Zeitknopf und Blendenring drehen.

Digitale M-Leica

Den Höhepunkt an Retro-Feeling aber dürfte die rechtzeitig zur Photokina vorgestellte Messsucher-Digitalkamera Leica M8 darstellen. Im Gegensatz zum älteren Konkurrenten Epson R-D1(s) haben die Designer in Solms zwar auf die Reproduktion eines Filmtransporthebels verzichtet, ansonsten reiht sich das Gehäuse der M8 zumindest von vorne betrachtet nahtlos in den Stammbaum der M-Leicas ein.

3. Workflow statt Einzelbild

Die digitale Bilderflut verlangt nach neuen Werkzeugen. Apple hat es Adobe mit Aperture, von dem am Montag Version 1.5 vorgestellt wurde, vorgemacht: Bei Profis und Enthusiasten geht es nicht mehr nur darum, einzelne - womöglich gescannte - Bilder zu bearbeiten, sondern die Fotos zu ordnen, im Batchbetrieb aufzufrischen und sauber verschlagwortet zu archivieren.

Aperture 1.0 basierte auf einer ganzen Reihe brillanter Konzepte, erwies sich aber als teuer und langsam, was Adobe genügend Zeit ließ, die ersten Public Betas seiner Konkurrenzanwendung Photoshop Lightroom bei der Kundschaft unterzubringen. Lightroom Public Beta 4 erschien ebenfalls am Montag.

Vorausgesetzt, Adobe platziert Lightroom in derselben Preisklasse wie Apple sein Aperture, das mit 319 Euro für eine Profi-Anwendung nicht zu teuer ist, dürfte die Konkurrenz zwischen den beiden Anbietern außerordentlich hart werden.

Alles bleibt anders

Markt und Technologie rund um die digitale Fotografie bleiben jedenfalls dynamisch und erinnern an den PC-Markt der frühen 90er Jahre. Aktuelle Einsteigerkameras wie Canons EOS 400D verfügen über Features, die gerade mal eine Gerätegeneration vorher nur fünf Mal so teuren Profigeräten vorbehalten waren.

Auch bei den Kompaktkameras gibt es immer wieder Überraschungen wie die Ixus 850 IS mit Bildstabilisator und Weitwinkeloptik von Marktführer Canon, oder Fujis F31fd mit ihrem Super-CCD, der auch noch bei hohen ISO-Werten brauchbare Bilder liefert.

Automatische Gesichtserkennung

Ob Features wie die "automatische Gesichtserkennung" in diversen Geräten von Nikon, Canon und Fuji noch für menschliche Fotografen gedacht sind oder die entsprechenden Unternehmen schon diesbezüglich gehandicapte Roboter und Außerirdische als Zielgruppen ins Visier genommen haben, war bisher noch keiner Pressemitteilung zu entnehmen.

(futurezone | Günter Hack)