Über Computer sprechen lernen
An der Universität Lancaster hat sich eine Forschergruppe aus Wissenschaftlern verschiedener Disziplinen zusammengefunden, die dazu beitragen möchten, dass bessere technische Geräte entwickelt werden. Dabei sollen ihnen ethnographische Methoden helfen.
Eine "Informatik-Gruppe" aus Lancaster folgt den Spuren der Anthropologin Lucy Suchmann. Sie studierte Ende der 1980er Jahre die Arbeitsbedingungen der Programmierer im Palo Alto Research Center [PARC], um herauszufinden, wie der Computer die Arbeitswelt verändert.
Vom PARC in die Wirklichkeit
Die Situation dort unterschied sich jedoch von der herkömmlichen Büroarbeit, denn im PARC waren die Entwickler in vielen Fällen die einzigen Anwender ihrer Erfindungen. Lucy Suchmann ist mittlerweile Vorstand des Soziologieinstituts in Lancaster und gerade dabei, ihr Buch "Human-Machine Reconfigurations" zu überarbeiten. Ihre Erfahrungen fließen auch in die neuen Projekte ein.
In den 1990er Jahren hieß das Megathema "Usability", also Bedienungsfreundlichkeit. Ethnographen beobachteten die Anwender im Umgang mit Geräten. Mit mäßigem Erfolg. Die Anthropologen und Soziologen der Lancaster-Gruppe gehen jetzt einen notwendigen Schritt weiter: Sie beziehen auch die Programmierer in ihre Studien mit ein. Dabei analysieren sie, wie Code entsteht und Programmierer ihre Design-Entscheidungen treffen.
Analyse im Feld
Auf der anderen Seite dokumentieren sie die Arbeit der zukünftigen Anwender: Krankenschwestern, Notfallärzte und Feuerwehrmänner genauso wie Landschaftsarchitekten. Mit einer Videokamera ausgestattet betreiben die Forscher Feldarbeit, um die jeweiligen Handlungen zu dokumentieren und herauszufinden, ob und wie ein technisches Hilfsmittel die alltägliche Arbeit der untersuchten Berufsgruppen unterstützen kann.
Monika Büscher, Ethnographin und Mitglied der "Informatik-Gruppe" , setzt dem Projekt einen Zeithorizont von zehn bis 15 Jahren: "So lange wird es schon dauern, bis wir erste Ergebnisse veröffentlichen können."
Von der Feuerwehr lernen
Akribisch genau hält Büscher in ihren Feldstudien jede Handbewegung der beobachteten Personen fest. So erkannte sie beispielsweise, dass Feuerwehrmänner in Krisensituationen kein Wort dafür benötigen, um ihren Kollegen klarzumachen, dass Gefahr herrscht.
Ein einziger Blick verschafft dem Hauptmann einen Überblick über die Situation und eine energische Handbewegung nach hinten genügt, um den Kollegen mitzuteilen: Achtung, Gefahr, einen Schritt zurück!
Keine voreiligen Schlüsse
Wie diese auf den ersten Blick banale Erkenntnis in Hard- und Software gegossen werden kann, die Feuerwehrleute im Einsatz wirklich unterstützt, weiß die Ethnographin noch nicht.
Zuallererst geht es ihrer Gruppe darum, keine der beteiligten Seiten im Arbeits- und Innovationsprozess zu ignorieren. Wenn dabei eine brauchbare Gesprächsbasis für Entwickler und Anwender entstehen sollte, wäre schon viel erreicht.
Erfahrungsaustausch wichtig
Die Lancaster-Gruppe möchte Anwender in die Lage versetzen, ihre eigenen Handlungen zu verstehen und Programmierern gegenüber zu artikulieren, damit sie am Ende auch das bekommen, was sie wirklich brauchen.
Außerdem sollen beide Seiten die Möglichkeiten und Grenzen der jeweils anderen kennen lernen. Schließlich nutzen alle technischen Möglichkeiten ohne Erfahrungsaustausch wenig. Das müssen auch so manche Programmierer erst lernen.
Projekte
Heute in "matrix", dem Computermagazin von Ö1, um 22.30 Uhr
(Mariann Unterluggauer)
