Rundgang bei den Zauberern

bilanz
17.09.2006

Auf der diesjährigen "Wizards of OS"-Konferenz zu freier Kommunikation im digitalen Zeitalter in Berlin hat es weniger T-Shirt-Träger als früher gegeben, dafür aber interessante Analogien von Open Source zu Biotechnologie.

Und es gab weniger Sprecher, die sich auch nach ihren Vorträgen noch mit der Konferenz befassten. Creative-Commons-Guru Lawrence Lessig aber bleibt für ein ganzes Jahr in Berlin. Sein schon so oft wiederholtes Mantra: "Ihr müsst nicht euch selbst überzeugen, sondern Methoden finden, damit euch die anderen da draußen zuhören und verstehen, was ihr tut."

Mittlerweile wird Lessig dafür häufiger kritisiert. Kürzlich erst hat sich auch Richard Stallmann von ihm abgewandt und ihm aberkannt, für die Free-Software-Bewegung sprechen zu können.

Biotechnologie und Open Source

Jenseits aller Glaubenskämpfe, beleidigten Seelen, Lizenz- und Rechtedilemmas mahnte Sandra Braman, Kommunikationswissenschaftlerin von der Universität Wisconsin, ein wenig mehr Weitsicht ein.

Während sich die Prominenz der Open-Source- und Free-Software-Bewegung den Luxus leistet, darüber zu streiten, wer wie viel zu was beiträgt, werden im Umfeld der Biotechnologie viel subtilere Methoden entwickelt, um den freien Fluss von Informationen einzuschränken.

Dass Daten zwar frei verfügbar sein können, aber deswegen trotzdem nicht von jedem benutzt werden dürfen, ist dort kein Widerspruch mehr.

Freiheit und "Dual Use"

Die in den Lebenswissenschaften weit verbreitete Praxis des "Dual Use of Information" sollte sich die Open-Source-Bewegung als Taktik einmal genauer ansehen, rät Braman.

"Dual Use" bedeutet schlicht, dass keine Technik neutral ist, sondern sowohl für kriegerische wie auch friedliche Zwecke verwendet werden kann.

Verwehrter Zugang

Die Auswirkung davon ist, dass Studenten in den USA, die keine amerikanischen Staatsbürger sind, der Zugang zu manchen Seminaren und Forschungsprojekten verweigert wird, weil man befürchtet, dass sie das Wissen in ihrer Heimat für kriegerische Zwecke verwenden könnten.

Sie dürfen lesen, aber nicht denken und schon gar nicht mit den Materialien experimentieren.

Sandra Braman:

"Sowohl Open Software wie auch die Biotechnologie streifen sehr viele politische, wirtschaftliche und ethische Fragen. Die Diskussionen darüber können in eine Richtung geführt werden, dass die eine Seite vor der anderen Angst bekommt. Die Erfahrung im Bereich Biotechnologie lehrt, dass Diskurse auf diese Weise gänzlich aus der Öffentlichkeit verschwinden können. Was folgt, sind Gesetze. Am Ende verlieren alle."

Polarisierung und Open Source

Eine Auswirkung des Bekenntnisses von Regierungen, die Verwendung von Open Source per Gesetz zu verlangen, könnte sein, dass damit die Diskussion in derselben Ecke landet wie jene über die Stammzellenforschung. Plötzlich entzweite sich die Öffentlichkeit über einem Expertenthema.

Diese Debatte könnte auch der Open-Software-Bewegung blühen. Die öffentliche Polarisierung könnte zu politischen Beschlüssen führen, mit denen sich auch die Bedeutung jener Freiheit ändert, die sowohl Entwickler als auch Autoren meinen, wenn sie ihre Materialien anderen zugänglich machen - und wer schaut hin?

Manipulierter Code

In der Informationstechnik spricht man über die freie Modifizierung von Code, in der Biologie von verändertem Saatgut. Die Auswirkungen davon lassen sich nicht begrenzen und können auch weitere Kreise ziehen, als einem lieb ist. Schmetterlinge können sich von manchen Pollen veränderter Pflanzen nicht mehr ernähren. Genauso kann die Koexistenz von freiem wie auch proprietärem Code in manchen Systemen in der Informationsgesellschaft zu komplizierten Patentstreitigkeiten führen.

Lehren aus der Biotechnik

Auch ganz alte partizipatorische Systeme wie in der Agrarwirtschaft, bei denen von einer Frucht der Samen für die nächste Aussaat zurückbehalten wird, funktionieren heute nicht mehr. Manipuliertes Saatgut ist ein Einwegprodukt. Wo es zum Einsatz kommt, herrscht danach Öde.

Dieses Vertrocknen kann auch der Open-Source-Bewegung blühen, wenn sie sich nicht endlich um die wirklichen Probleme kümmert und auch erkennt, dass gut gemeinte Werkzeuge wie Blogs und Wikis nicht nur das Schreiben im Netz erleichtern, sondern mittlerweile in den USA von Sicherheitsorganen gerne zur Identifzierung von anders Denkenden herangezogen werden.

(Mariann Unterluggauer)