Erdbebenwarnung für den Heimrechner

05.09.2006

Statt hoch komplizierter Elektronik könnte in Zukunft der heimische Rechner vor Erdbeben und Tsunamis warnen. Eine in Österreich entwickelte Software registriert mit handelsüblichen Festplatten Erschütterungen und wertet diese aus.

Der "Tsunami Harddisk Detector" kann aus der Rückmeldung handelsüblicher Festplatten auf minimale Stöße seismische Erschütterungen reagieren.

Schutz vor Flutwellen

Wenn viele Computer in einem Netzwerk diese Daten abgleichen, kann er so vor der Möglichkeit einer verheerenden Flutwelle warnen, verspricht der Entwickler Michael Stadler.

"Ja, das funktioniert", meinte Stadler im Rahmen der Ars Electronica in Linz gegenüber der APA. Auch wenn sogar die Juroren der Ars Electronica es zuerst nicht glauben wollten und zur Sicherheit noch einmal bei Stadler nachfragten.

Letztlich erhielt Stadler eine Auszeichnung, aber keine "Nica" beim heurigen "Prix Ars Electronica".

Auswertung von Festplattenfehlern

Verwendet wird ein Bestandteil, der in jedem PC zu finden ist: Der Schreib/Lesekopf einer Festplatte muss sich im Mikrometer-Bereich genau am richtigen Ort befinden, um Daten speichern und auslesen zu können.

Daher muss er bei jeder noch so kleinen Erschütterung nachjustiert werden. Passiert das, gibt die Platte ein "Position Error Signal" [PES] an den Computer weiter. Darauf basiert Stadlers System.

Abgleichung mit anderen Rechnern

Wird nur ein Computer angestoßen, kann man von einem lokalen Phänomen wie einer wild gewordenen Katze oder dem Zornausbruch eines Mitarbeiters ausgehen.

Verbreiten sich derartige Stoßwellen aber in einem bestimmten Muster zwischen verschiedenen Standorten, etwa von Stadt zu Stadt, könnte es ein Erdbeben sein.

Mittels "Peer to Peer"-System vernetzte Computer können melden, wie sich eine Welle ausbreitet - und gegebenenfalls Alarm schlagen.

Fehlende Standards behindern Entwicklung

Derzeit sei das kostenlose Programm noch in einer Testphase, so Stadler, der ein Patent auf seine Entwicklung hat. Insbesondere müsse noch kalibriert werden, welches Ausmaß an Erschütterungen ein Erdbeben einer bestimmten Stärke auslöst.

Die PES der jeweiligen Festplatenhersteller sind zudem nicht standardisiert und selten dokumentiert.

Ein wichtiger nächster Schritt für die Entwicklung des Systems wäre daher vermehrte Kooperation seitens der Festplattenhersteller. Der "Tsunami Harddisk Detector" "funktioniert derzeit nur mit ausgewählten Platten", so Stadler.

Das Konzept der Wellenberechnung stammt aus Stadlers Hauptaufgabengebiet, der Computersimulation in der Medizintechnik, im Speziellen im Bereich Angioplastie, also der Gefäßaufdehnung bei Arteriosklerose mittels "Stent". Da das Blut dabei weiterfließt, ist die Angioplastie mit Strömungssimulation assoziiert. In abgewandelter Form nutzte Stadler diese für die Tsunami-Vorhersage.

Mindestens 5.000 Computer benötigt

Für "gute und relevante Daten" würden weltweit mindestens 5.000 Computer benötigt, so Stadler. Die PCs müssen dabei allerdings einen relativ großen Anteil an Rechenleistung abzweigen.

Daher würde das Programm, wie andere auf verteilten Systemen laufende Software, dann aktiv werden, wenn der Rechner nicht oder nur wenig genützt wird.

Für die Detektion von seismischen Ereignissen ist ein zeitgemäßer Prozessor "zu ungefähr 30 Prozent belastet. Das ist viel, ich arbeite daran, das zu reduzieren", so Stadler.

(APA)