Backstage bei der Ars Electronica

Matrix Forum
27.08.2006

Ende April wurden von 35 Juroren die Gewinner des Prix Ars Electronica ermittelt. Ein Bericht aus den Jury-Sitzungen der Kategorien wie "Netvision", "Digital Music" oder "Computeranimation".

Wenn er nicht wisse, warum ein Stück funktioniert, dann sei es preisverdächtig, meint Rick Sayre. Er ist seit 1987 für die amerikanische Animationshochburg Pixar tätig und war als Technical Director an den Kinoerfolgen "Toy Story", "Toy Story 2", "A Bug's Life" oder auch "The Incredibles" beteiligt.

Die Qualität einer Computeranimation

Die kleinen, unabhängigen Arbeiten hätten in den letzten Jahren gezeigt, dass sie es durchaus mit den aufwendigen Produktionen der großen Hollywood-Studios aufnehmen können, so Rick Sayre.

Die Tools sind inzwischen so gut geworden, dass auch ohne riesige Infrastruktur und große Budgets sehr gute Arbeit möglich ist.

Die Goldene Nica in der Kategorie Computer Animation und Visual Effects geht an drei Studenten der Filmakademie Baden Württemberg und ihr Werk "458nm".

In dieser Animation bewegen sich zwei mechanische Schnecken langsam durch die Dunkelheit, sie treffen aufeinander und messen kurz ihre Kräfte, bevor sie sich im Liebesspiel vereinen.

Hollywood im Kinderzimmer

Die Goldene Nica in der Kategorie "u19 – freestyle computing" geht an vier 13- bis 15-Jährige Linzerinnen und Linzer. "Abenteuer Arbeitsweg" nennen die "Krmpf Krmpf Studios" ihren 13-minütigen Film, der mit Lego-Bausteinen und Lego-Männchen erstellt wurde.

Sirikit Amman von Kulturkontakt Austria und seit 1997 Jurymitglied zeigte sich ganz begeistert mit wie viel Liebe zum Detail die jungen Animationskünstler am Arbeitsweg eines Familienvaters arbeiteten.

Next Idea: "Aquaplay"

In der vor zwei Jahren neu geschaffenen Kategorie "Next Idea" musste sich die Jury heuer durch 67 Einreichungen durcharbeiten. Dieses Jahr gewann das Projekt "Aquaplay".

Die Idee stammt von Himanshu Khatri, einem 23-jährigen Inder, der einen neuartigen Ansatz für Wasser-Displays realisieren möchte. Die Installation, die der Preisträger in Kooperation mit dem Futurelab realisieren durfte, wird im Rahmen des Ars Electronica Festivals zu sehen sein.

Bewertet werden die künstlerische, technische und gesellschaftliche Auseinandersetzung mit einem Thema sowie Originalität und Innovationskraft.

Was lässt aufhorchen?

Was ist die Idee, das Konzept der Komposition? Erzählt das Werk eine Geschichte? Ist es experimentell? Gibt es einen neuen Trend vor?

Aus der Vielzahl von Genres und Stilen müssen die Jurymitglieder der Kategorie "Digital Music" eine Komposition herausfischen, die aufhorchen lässt. Kein leichtes Unterfangen.

Digital Music wird vielfältiger

Denn mit der Verbreitung der Produktionsmittel werden die Einreichungen für die Kategorie "Digital Music" von Jahr zu Jahr vielfältiger, meint Naut Human. Der Leiter des "Recombinant Media Labs" in San Francisco ist heuer bereits zum 10. Mal in dieser Jury.

Ob schräge Pure-Data-Labtop Kompositionen, Filmsoundtracks, Klanginstallationen oder Life-Performances auf DVD, die Bandbreite ist enorm. Die Goldene Nica geht aber letztlich an eine französische Musikerin.

Die Preisträgerin von "Digital Music"

Eliane Radigue komponiert bereits seit den frühen 50er Jahren elektro-akustische Musik und gehört zu den Pionieren dieser Musikgattung. Sie ist in jüngster Zeit von einer Generation junger Musiker als maßgebendes Vorbild entdeckt worden.

Interaktive Kunst gewinnt an Qualität

Aus 577 Einreichungen in der Kategorie "Interactive Art" mussten die fünf Juroren einen Gewinner und mehrere Auszeichnungen ermitteln.

Wohin geht der Trend? Wenig Innovation, dafür viel Qualität, so der Eindruck des Medienkunstexperten Joachim Sauter über das Niveau der eingereichten Arbeiten. Früher waren fünf Prozent sehr gut, heute seien es 20 bis 30 Prozent, meint Joachim Sauter, Professor für Mediengestaltung und Medienkunst an der Universität der Künste Berlin.

Die Goldene Nica 2006 geht dieses Jahr an eine Installation des amerikanischen Medienkünstlers Paul DeMarinis.

In seiner Arbeit "The messenger" werden E-Mails aus der ganzen Welt von einem Computer empfangen und über drei Systeme von skurrilen Ausgabegeräten, wie Wasserschüsseln oder Skelette sinnlich erfahrbar gemacht. Die Installation ist eine Allegorie für Botschaften, die ins Leere laufen und eine Auseinandersetzung mit den Zusammenhängen zwischen Elektrizität und Demokratie.

Kunst im Netzwerk

Bildschirmbasiert sind die Arbeiten, die von den Juroren der Kategorie "Netvision" begutachtet werden. Wobei auch hier die Devise gilt, dass Kunst am Screen zu wenig ist.

Gewürdigt werden künstlerische Internet-Projekte, die sich durch Ideenreichtum und innovative Ansätze auszeichnen. Technisch und ästhetisch perfekte Multimedia-Online-Shows mit tollen Flash-Animationen sind nicht preisverdächtig. In den letzten beiden Jahren legte die Jury ihr Augenmerk vor allem auf den sinnvolllen Einsatz der "Connectivity".

Mit der Goldene Nica für aktuelle Netzvisionen wird die japanische Gruppe "exonemo" für ihr Projekt "The Road Movie" ausgezeichnet. Die mobile Installation ist bei einer Busreise durch Japan entstanden, bei der sich junge japanische und deutsche Künstler mit Kunst und Kommunikation auseinandersetzten.

Die auf dem Bus montierte Webcam produzierte in einem Intervall von fünf Minuten jeweils fünf Fotos, die in Form einer Origami-Faltvorlage ins Internet hochgeladen wurden. Jeder kann sich diese Origami ausdrucken und mit den gefalteten Autobussen sein eigenes Roadmovie kreieren.

Technologie gegen Barrieren

Die Goldene Nica für "Digital Communities" geht an "canal ACCESSIBLE", eine spanische Netzinitiative, die die Zugänglichkeit und Unzugänglichkeit der Stadt Barcelona für gehbehinderte Menschen dokumentiert.

In Bildern und Tonaufnahmen wurden die Barrieren von Rollstuhlfahrern festgehalten und auf einem Online-Stadtplan abrufbar gemacht.

Commons & Communities

Die Gewinner der Kategorien "Digital Communities" und "Netvision" werden im Rahmen der "Prix Ars Electronica Foren" am Montag, dem 4. September vorgestellt.

Die Veranstaltung im Linzer Brucknerhaus findet heuer zum dritten Mal in Kooperation mit der matrix-Redaktion statt.

Betroffene und Experten werden über das Thema "Technologie ohne Barrieren" diskutieren. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie das Web und andere Technologie beschaffen sein müssen, um von allen Menschen - unabhängig von ihren körperlichen und technischen Möglichkeiten - uneingeschränkt genutzt werden zu können.

Veranstaltungstipp

Montag, 4.9.2006

"Digital Communities" [10.30 - 13.30 Uhr]

"Netvision" [15.00 bis 17.00 Uhr]

Ort: Brucknerhaus, Linz