Die Komplexität der Einfachheit

Matrix Forum
20.08.2006

Warum es so kompliziert ist, die Dinge zu vereinfachen: Das Ö1-Magazin "matrix" befasst sich mit dem Thema Benutzerfreundlichkeit in der Technik und neue Möglichkeiten der Interaktion zwischen Mensch und Maschine.

Wer bei einer langweiligen Party die Stimmung heben möchte, braucht nur das Thema "Probleme mit der Technik" anzuschneiden. Danach sollte man am besten noch ein paar Bier einkühlen, denn der Abend könnte lang werden.

Wohl jeder von uns hatte schon unzählige skurrile, ärgerliche oder frustrierende Erlebnisse mit undurchschaubaren Menüs, unerklärlichen Fehlermeldungen und Totalzusammenbrüchen technischer Systeme. Geräte benutzerfreundlich und Systeme stabil zu gestalten, ist offenbar nicht so einfach.

Nutzerfreundlichkeit als Fremdwort

"User Experience" und "User Centered Design" sind Schlagworte, die in Werbekampagnen gerne verwendet werden, in der realen Welt des Elektronik-Supermarktes ist die Benutzerfreundlichkeit aber selten zu finden.

Wenn elektronische Geräte und Software in immer kürzeren Zyklen und zu immer günstigeren Preisen auf den Markt geworfen werden, bleiben Usability und Stabilität der Systeme oft auf der Strecke. Im Kampf um die Marktherrschaft wollen viele Hersteller häufig lieber mit noch mehr Funktionen punkten statt mit besserer Funktion.

Funktionalitis

Die meisten Geräte hätten heutzutage viel zu viele Funktionen, meint der Wiener Usability-Experte Reinhard Sefelin von Usability Consultants (USECON). In gewisser Weise seien die Konsumenten selbst daran schuld, weil sie früher eher ein Gerät mit elf Funktionen gekauft hätten, auch wenn zehn gereicht hätten.

In Studien stelle man jedoch fest, dass die Konsumenten zunehmend "usability aware" würden und sich von allzu komplizierten Geräten abwenden. Das setze wiederum die Hersteller unter Druck, ihre Produkte besser zu designen, besser zu testen und zu überlegen, welche Funktionen wirklich notwendig sind.

Wichtig sei bei der Usability, dass man sich überlege, für welche Zielgruppe und welche Situation ein Produkt entwickelt werde.

Bei einem Produkt, das jeden Tag acht Stunden lang benützt werde, sei es wichtiger, auf die Effizienz zu achten, bei einem Fahrkartenautomaten müsse die leichte Erlernbarkeit im Vordergrund stehen, so Sefelin.

Partizipative Entwicklung

Ina Wagner, Leiterin des Instituts für Gestaltungs- und Wirkungsforschung der Technischen Universität Wien, meint, dass bei der Entwicklung von Systemen für den Arbeitsbereich die Benutzer viel mehr einbezogen werden müssten, und zwar weit über Usability-Tests hinaus.

Bei partizipativer Entwicklung geht es darum, überhaupt einmal zu fragen, was die Anwender brauchen. Da die Menschen ihre Bedürfnisse meist nicht in technische Lösungen umdenken können, wurden spielerische Methoden für die Aktionsanalyse und Ideenfindung entwickelt. Diese Methoden würden seit etwa 20 Jahren existieren, aber nur selten angewendet, kritisiert Ina Wagner.

Kunst als Anregung

Bei der Suche nach menschengerechteren technischen Systemen geht es auch darum, völlig neue Möglichkeiten der Interaktion zwischen Mensch und Maschine zu finden.

Vor allem im künstlerischen und akademischen Bereich gibt es schon viele Beispiele für Interfaces, die von dem, was wir vom Umgang mit dem PC kennen, weit abweichen. Diese Lösungen sind oft nicht für kommerzielle Produkte geeignet, könnten jedoch Anregungen für deren Entwicklung liefern.

Einfachheit durch Komplexität

Einen etwas anderen Weg, den Umgang mit komplexer Technik zu vereinfachen, geht das Ubiquitous oder Pervasive Computing. Mark Weiser vom Forschungsinstitut Xerox PARC in Kalifornien hatte schon vor Jahren davon gesprochen, dass Computer aus unserem Gesichtskreis verschwinden und in Alltagsgegenstände integriert werden müssten.

Weiser bezeichnete das auch als "calm computing", was auf gut Deutsch bedeutet, dass uns die Computer nicht mehr belästigen sollen. Dafür ist es jedoch notwendig, dass die Systeme sich selbstständig auf den Benutzer und die jeweilige Situation einstellen können und sich untereinander vernetzen.

Sprachverwirrung vorprogrammiert?

Das Problem dabei ist, dass sehr unterschiedliche Systeme miteinander "sprechen" können müssen, was schon heute immer wieder zu absurden Fehlern führt, die oft nicht einmal von Fachleuten durchschaut werden können.

Lebensähnliche Systeme

Auch Entwickler sind deshalb der Meinung, dass die Komplexität der Systeme einen Grad erreicht hat, der nicht überschritten werden darf.

Die Lösung sei das Organic Computing, das in einem groß angelegten Forschungsprojekt von mehreren Gruppen in Deutschland entwickelt wird.

Der Begriff "Organic Computing" steht für einzelne Komponenten oder ganze Computersysteme, die sich selbst organisieren, selbst optimieren, selbst reparieren und selbst schützen.

Sie werden als "organisch" bezeichnet, weil ihre Organisationsform der Natur abgeschaut wird. Als Vorbild dienen zum Beispiel Bienenvölker und Ameisenstaaten.

Alle Macht den Maschinen?

Walter Peissl vom Institut für Technikfolgen-Abschätzung in Wien hat bei Pervasive Computing Bedenken.

Wenn sich alle möglichen Geräte und Systeme vernetzen und wir nicht mehr wüssten, welche Informationen sie über uns austauschen, sei der Datenschutz - laut dem wir dem Datenaustausch zustimmen können müssen - ad absurdum geführt.

Walter Peissl sieht auch die Gefahr, dass wir aus dem Bedürfnis der Komplexitätsreduktion Computern noch mehr Verantwortung übertragen, als sie ohnehin schon haben.

Mit den Themen Einfachheit und Komplexität beschäftigt sich auch die Ars Electronica, die von 31. August bis 5. September in Linz stattfindet.

Der Titel des heurigen Festivals für Kunst, Technologie und Gesellschaft lautet "Simplicity - the art of complexity". Am 4. September geht es im Prix Forum Digital Communities, das von Sonja Bettel und Ina Zwerger von Ö1-"matrix" moderiert wird, um Fragen von Usability und Zugang zu Technologien.

In "matrix" erwartet die Hörer am 20.8. weiters die Glosse "Das ewige Funkloch – Teil 2" von Walter Gröbchen.

(futurezone | Sonja Bettel)