"Time" setzt voll aufs Web
Online-Medien ändern die Lesegewohnheiten: Darauf reagiert jetzt das altehrwürdige US-Magazin "Time" und ändert seinen Erscheinungstag. Ab Jänner 2007 kommt "Time" nicht mehr wie bisher am Montag, sondern am Freitag heraus; gleichzeitig krempelt das Magazin seine Online-Strategie um.
Mehr Lesezeit am Wochenende
Time.com soll künftig nicht mehr nur mit Content aus dem Heft gefüllt werden, sondern brandaktuell über Nachrichten berichten, wenn sie passieren.
"Time"-Leser sollen sich künftig dort zuerst informieren und im Printmagazin Hintergrundberichte und Analysen zu denselben Themen finden, und der neue Erscheinungstag soll ihnen mehr Zeit zum Lesen am Wochenende bieten. Im offiziellen "Time"-Marketingsprech ist von einem "Rund-um-die-Uhr-Erlebnis" die Rede.
Außerdem spekuliert das "Time"-Management auf höhere Werbeeinnahmen, weil sich die Anzeigenkunden ebenfalls eine höhere Aufmerksamkeit der Leser am Wochenende erhoffen können.
"Time" soll relevant bleiben
"Wir wollen, dass 'Time' auch im 21. Jahrhundert so relevant bleibt wie im 20., und dieser Plan, dessen erster Schritt die Auslieferung am Freitag ist, erlaubt uns, die für unsere Marke charakteristische Mischung aus Analysen, Nachrichten und einflussreichen Ideen weiterzuführen", erklärte der geschäftsführende Redakteur Richard Stengel. Er will in den nächsten Monaten weitere große Veränderungen ankündigen.
Laut "New York Times" soll dazu auch gehören, dass Stengel seine Redakteure zu einem persönlicheren, Essay-hafteren Schreibstil ermutigen möchte.
"Web-Alter-Ego"
Auffällig ist an der "Time"-Ankündigung auch, wie stark die einander ergänzenden Rollen des Magazins und der Website betont werden. John Huey, Verlagsleiter von Time Inc., bezeichnete Time.com etwa als "Web-Alter-Ego" des Hefts.
Im "Wall Street Journal" erklärte Huey: "Heutzutage bingt niemand mehr seine aktuellen Exklusivmeldungen als Erstes in Printmedien. 'Time' hatte im Vorjahr viele Exklusivnachrichten - und keine davon im Print."
"Dramatisches Eingeständnis"
Der Branchen-Newsletter paidContent.org spricht in diesem Zusammenhang von "einem der dramatischsten Eingeständnisse, dass digitale Medien und sich ändernde Lebensgewohnheiten zu einem Ende des Nachrichtengeschäfts führen, wie man es bisher kannte".
Das Internet ist für viele die erste Informationsquelle des Tages. Laut einer Studie des US-Instituts Pew Research Center bedrängt es dadurch vor allem die klassischen Printmedien.
Zurück zu den Wurzeln
Der Freitag war bereits in den Jahren nach der Gründung des Magazins im Jahr 1923 der Erscheinungstag von "Time". Das Magazin befindet sich momentan in einer kleineren Krise.
Mehrere leitende Redakteure haben "Time" verlassen, und Stenger löste erst vor kurzem seinen beliebten Vorgänger Jim Kelly ab, der Chefredakteur beim Mutterunternehmen Time Inc. wurde.
Der Medienkolumnist Jon Friedman forderte erst vor wenigen Wochen auf der Wirtschaftswebsite MarketWatch, "Time" solle sein Erscheinungsdatum auf Donnerstag verlegen.
