Mit "Tags" gegen Ordnungsideologien
Die Foto-Sharing-Website Flickr machte es vor - und immer mehr nutzen das System, Infos im Netz über Stichworte wieder auffindbar zu machen.
Als Yahoo im März 2005 die Foto-Sharing-Website Flickr.com für geschätzte 50 Millionen US-Dollar kaufte, rieb sich so mancher Branchenkenner verwundert die Augen.
Yahoo besaß zu dem Zeitpunkt bereits ein eigenes Foto-Angebot. Im Vergleich zu Konkurrenten wie Shutterfly oder Ofoto war Flickr.com zudem ein noch kleiner Newcomer.
Stichworte erleichtern Suche
Doch Flickr nutzt einen ganz anderen Ansatz, der sich auf lange Sicht als zukunftsweisend herauskristallisierte. Zum Ordnen und finden der Fotos werden Stichworte vergeben - "Tags".
Fotos können dabei mit "Tags" wie "Wien", "Hund" oder "Himmel" versehen werden, die von Nutzern der Site ohne jegliche Vorgaben eingegeben werden. "Es klingt albern", so Flickr-Chef Stewart Butterfield. "Aber sobald du Tausende von Fotos besitzt, wird es tatsächlich sehr nützlich."
Über diese "Tags" lassen sich bei Flickr zahllose interessante Fotos entdecken.
"Tags" als Wegweiser
Doch "Tags" lassen sich nicht allein für Fotos nutzen. So organisieren Nutzer der Website Del.icio.us mit derartigen Stichwörtern ihre Bookmarks.
Gleich lautende Tags dienen dabei als Wegweiser zu Web-Neuentdeckungen. "Man kann sich ähnliche Bookmarks anderer Leute angucken", so Del.icio.us -Gründer Joshua Schachter, "und damit neue Dinge entdecken und durchforsten, an denen man wahrscheinlich Interesse hat."
Auf dem gleichen Weg haben auch die Community-Website Myspace und das Videoportal Youtube ihren Weg an die Spitze geschafft - über soziale Netze, die sich auch via "Tags" bilden bzw. abbilden lassen.
Gruppenverhalten bei Flickr, Del.icio.us und ähnlichen Angeboten werden im Netz auch als Folksonomy bezeichnet – einer Wortkombination aus Folks und Taxonomy, die kollektive, von Amateuren betriebene Ordnungssysteme bezeichnet.
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Technologie mit Potential
Der Netz-Theoretiker Clay Shirky geht davon aus, dass "Tagging" unseren Umgang mit Wissen im Netz fundamental verändern könnte. "Der Hauptunterschied ist, dass das von Amateuren betrieben wird, und nicht von Experten", so Shirky.
Diese Amateurisierung bringe eine fundamentale Demokratisierung mit sich. So seien zentral verwaltete Kataloge immer auch ein Spiegel einer bestimmten Ideologie. "Tagging" sei dagegen viel pluralistischer.
Shirky dazu: "Wir bewegen uns in einer Welt, in der Nutzer ihre eigenen Ansichten mit einbringen können und Werte gleichermaßen individuell wie auch kollektiv sind.“
Janko Röttgers sprach im kalifornischen San Diego mit Flickr-Chef Stewart Butterfield, Del.icio.us-Gründer Joshua Schachter und Clay Shirky über die neue Ordnung von unten.
