Nahost-Konflikt erfasst auch das Netz

12.08.2006

Die Kämpfe zwischen Israel und der Hisbollah hinterlassen im Netz ihre Spuren. Weltweit werden Server angegriffen und Websites mit Antikriegsbotschaften versehen. In Weblogs verschaffen sich die "Gegner" aber auch gegenseitigen Zuspruch.

Tausende Angriffe auf Websites und Server wurden seit dem 13. Juli unter anderem von iDefense, Tochter des IT-Sicherheitsspezialisten VeriSign, registriert.

Dabei wurden zahlreiche Websites mit Aufrufen und Kommentaren zu den Kämpfen verändert [Defacement-Attacken].

Weltweite Mobilisierung

Auch Mass-Defacements wurden registriert, etwa von der Gruppe Byond/XTech, die laut zone-h über 8.000 Websites mit ihrem Protest gegen den Krieg überschrieben.

Entgegen der Erwartung ist diese Gruppe aber nicht aus dem Nahen Osten, sondern aus Südamerika. Laut zone-h ist die Mobilisierung nicht nur lokal, sondern weltweit und unter allen Nationalitäten und Weltreligionen zu beobachten, etwa auch aus Deutschland.

Die Hacker-Botschaften reichen von schlichten Antikriegsaufrufen wie "No war" bis zu Kommentaren wie "Hacked by team-evil Arab hackers; u kill Palestinian people, we kill Israeli server" [von bösen arabischen Hackern gehackt; ihr tötet Palästinenser, wir töten israelische Server].

Auch Universitäten betroffen

Ziel der Angriffe waren außerdem sowohl israelische als auch libanesische Sites sowie Internetauftritte aus Ländern wie den USA, Deutschland oder Argentinien.

Verschiedene Unternehmen und Universitäten wie die Berkeley University oder die Yeshiva Universität New York waren ebenfalls davon betroffen.

Angegriffen wurden demnach auch die Sites der US-Streitkräfte in Hanau. Die Hacker hinterließen dort die Botschaft "Lebanon-Israel - Stop! No war peace, that's all".

Die Server der NASA und des israelischen Außenministeriums waren nach einer Denial-of-Service-Attacke vorübergehend nicht erreichbar.

Die israelischen Streitkräfte schafften es unterdessen auch, ein TV-Signal des Hisbollah-TV-Senders el Manar mit einem eigenen Signal zu überlagern.

Aktive "Lebosphäre"

Teilweise friedlich, aber auch verbittert reagiert die Blogosphäre auf den Konflikt. Blogger aus Israel wie aus Libanon berichten täglich vom persönlichen Leid und vom Frust über die gegenseitigen Angriffe und Tauschen Ideen für eine Lösung des Konflikts aus.

Besonders die "Lebosphäre" ist sehr aktiv; libanesische Blogger verschaffen dort ihrem Ärger über die israelischen Angriffe Luft und berichten, wie das einst pulsierende Leben in Beirut zum Stillstand gekommen ist.

Stromausfälle behindern Kommunikation

"Ich fühlte mich belagert, meine Bewegungsfreiheit war eingeschränkt", sagt die freiberufliche Autorin Rasha Salti. "Ich genoss es, diesen Belagerungszustand [online] zu unterbrechen, Raum zu haben, mit anderen Leuten zu kommunizieren und mich nicht so isoliert zu fühlen." Die 37-Jährige ist Mitautorin des Blogs Electronic Lebanon.

Die ständigen Stromausfälle behindern jedoch häufig die Kommunikation. So schrieb der Blogger Mazen Kerbaj vor seinem batteriebetriebenen Computer: "Es ist komisch, auf einem mit der Welt verbundenen Laptop zu schreiben, während eine Kerze neben der Tastatur brennt."

"Wieder schlagen Raketen ein"

"Wieder schlagen vier Raketen ein, wir sehen sie im Fernsehen. Langsam gewöhnen sich die Leute daran, versichern einander, dass alles gut wird, und sie werden ungeduldig, weil sie so lange in diesem schlecht belüfteten Bunker festsitzen", heißt es auf der anderen Seite im Blog Live from an Israeli bunker.

"Dass Zivilisten zu Schaden kommen, ist nicht richtig", postete der User Schachar - nach eigenen Angaben ein israelischer Soldat, der sich in der Nähe der Grenze zum Libanon aufhält - im Blog The Lebanese Bloggers. "Ich möchte dir meine besten Wünsche aussprechen und hoffe, dass du und deine Familie stark sind."

"Fragile Brücke wurde zerstört"

Doch am Ende bleibt der Tonfall meist bitter - auf beiden Seiten. Vor dem Konflikt trafen sich etwa die Autorin von On the Face - die israelisch-kanadische Bloggerin Lisa Goldmann - und der libanesische Blogger Perpetual Refugee zum Gedankenaustausch in Tel Aviv.

"Wir errichteten eine fragile Brücke zwischen unseren beiden Kulturen. Doch sie wurde - wie jede andere über die Jahre hinweg errichtete Brücke auch - durch Barbarei grausam zerstört. Diese Brücke will ich nicht wieder aufbauen."

Und Mazen Kerbaj, der durch mehrere Erwähnungen im prominenten US-Blog Boing Boing Bekanntheit erlangte, stellte am Freitag einen zynischen Cartoon ins Netz. Neben einem Labyrinth wie aus einem Rätselheft liegt ein entstelltes Bombenopfer und sagt: "Hallo, mein Freund. Kannst du mir helfen, meine Körperteile wiederzufinden?"

(futurezone | dpa | Reuters)