"Smarte Flugzeuge" gegen den Terror

11.08.2006

Nach dem Anfang August in Großbritannien aufgedeckten Terror-Plot hat die Sicherheitsfrage bei Flugreisen neue Brisanz gewonnen. Experten basteln bereits am Traum vom "intelligenten" Flugzeug, das Bedrohungen selbst erkennt - doch das bedeutet für die Passagiere noch mehr Überwachung.

Stundenlange Warteschlangen, akribische Gepäckkontrollen, Einschränkungen beim Handgepäck: Spätestens seit 9/11 und den verhinderten Anschlagsplänen einer Terrorzelle in Großbritannien Anfang August werden Sicherheitsvorkehrungen an den Flughäfen immer mehr zur Belastung und Nervenprobe für die Passagiere.

Wissenschaftler entwickeln nun Methoden, die Flugzeuge selbst mittels intelligenter Anti-Terror-Technologie zur "letzten Hürde" für Entführer und Attentäter zu machen.

Entführungen "sehr, sehr schwierig"

"Bedrohungen kann man nie vollständig ausschließen. Aber wenn man Flugzeuge mit dieser Elektronik ausstattet, wird es sehr, sehr schwierig, sie zu entführen", zeigt sich Daniel Gaultier von der französischen Forschungsgruppe Sagem Defense Securite überzeugt.

Sagem arbeitet seit 2004 an dem von der EU unterstützten Projekt SAFEE [Security of Aircraft in the Future European Environment], mit dem die Flugsicherheit verbessert werden soll.

Die "Big Brother"-Kabine

SAFEE geht weit über derzeitige Sicherheitsmaßnahmen an Bord hinaus. Nach 9/11 wurden etwa Luftsicherheitsbegleiter - in den USA Sky Marshals genannt - auf ausgewählten Flügen sowie massivere Cockpit-Türen eingeführt.

Ein Chip-basiertes System soll zudem zukünftig etwa das Abzählen der Passagiere durch die Stewards ablösen und sicherstellen, dass die Fluggäste - und das ihnen zugeordnete Handgepäck - vollständig an Bord sind.

Audio- und Videosensoren in der Kabine sollen auffälliges Passagierverhalten erfassen. Daran gekoppelt ist ein Threat Assessment and Response Management System [TARMS], das aus diesen Informationen errechnet, ob es sich um eine Bedrohung handelt, und dem Piloten via Monitor eine angemessene Reaktion vorschlägt.

Biometrisches Cockpit

Alle Gespräche - vor allem die Kommunikation zwischen dem Cockpit und der Bodenkontrolle - sollen in Zukunft verschlüsselt werden. Das Cockpit selbst soll mit einem biometrischen System ausgerüstet sein, das die Fingerabdrücke der Crewmitglieder scannt und nur autorisierten Personen die Steuerung des Flugzeugs erlaubt.

Am weitesten von der realen Umsetzung entfernt ist allerdings die Idee, einen On-Board-Computer so weit zu entwickeln, dass er das Flugzeug im Fall einer Entführung völlig selbstständig zum nächstgelegenen Flughafen leiten und dort landen kann. Bis das tatsächlich möglich ist, sollen noch um die 15 Jahre vergehen, schätzen die Forscher.

In einem 9/11-artigen Szenario würde TARMS etwa erkennen, dass sich das Flugzeug auf Kollisionskurs mit Gebäuden befindet, via Fingerabdrucksensoren testen, ob der Pilot oder ein Eindringling an den Steuerknüppeln sitzt und den Kurs des Flugzeugs dementsprechend anpassen.

Wer soll das bezahlen?

SAFEE könnte zwischen 2010 und 2012 für kommerzielle Fluglinien erhältlich sein, glauben die Entwickler, doch neben der Technik sind noch etliche andere Fragen offen.

Einerseits ist nicht geklärt, wer die Kosten dafür übernehmen soll, möglichst viele Flugzeuge derartig hochzurüsten; die Fluglinien berufen sich jedenfalls auf "nationale Sicherheit" und wollen die Investitionen auf die Regierungen abwälzen.

Noch mehr Überwachung

Vor allem wird aber darüber diskutiert werden müssen, ob die Passagiere im Flugzeug auf Schritt und Tritt überwacht werden wollen. Das System würde Gespräche mithören, Toilettenbesuche registrieren und könnte schon aufmerksam werden, wenn sich ein Fluggast nicht an die Regeln hält und ein Mobiltelefon oder ein Feuerzeug benützt.

Immerhin müssen Passagiere bereits jetzt immer schärfere Kontrollen auf den Flughäfen hinnehmen, die weit über die Metalldetektoren und Gepäckskontrollen der Vergangenheit hinausgehen, und die USA fahren einen strikten Kurs in Sachen Passagierdaten-Weitergabe.

Auch SAFEE sieht neuartige High-Tech-Bodenkontrollen vor - etwa biometrische Scans vom Check-in-Schalter bis zur Flugzeugtür, um sicherzustellen, dass die gleiche Person ins Flugzeug steigt, die durch die Sicherheitskontrolle gegangen ist, und eine "elektronische Nase", die die Fluggäste auf Sprengstoffspuren beschnüffelt.

Flüssiger Sprengstoff

Beim nun verhinderten Attentatsplan soll flüssiger Sprengstoff im Spiel gewesen sein, den die Terroristen erst im Flugzeug durch das Zusammenschütten zweier Chemikalien herstellen wollten.

Als Zünder hätte ein alltägliches elektronisches Gerät dienen sollen - verschiedene Quellen spekulierten etwa über einen iPod und einen Wegwerfkamera-Blitz.

Die Weiterentwicklung herkömmlicher Röntgengeräte und effektivere chemische Tests bei der Abfertigung haben daher bei Sicherheitspexperten Priorität. Geräte, die eine Spektralanalyse verdächtiger Stoffe durchführen können, existieren bereits, aber sie brauchen derzeit noch zu lang, um im alltäglichen Flughafenbetrieb eingesetzt werden zu können.

(futurezone | Reuters | AP)