Der "Cyborg" aus Wien
Anfang der 60er Jahre erfand der gebürtige Wiener Manfred Clynes das Konzept eines "kybernetischen Organismus" und leitete daraus den Begriff "Cyborg" ab.
Im Jahr 1960 stellte eine NASA-Zeitschrift die Frage nach der Anpassungsfähigkeit des menschlichen Organismus an die Lebensbedingungen im Weltall. Der gebürtige Wiener Manfred Clynes beantwortete sie damals auf radikale Art: Das Ziel könne erreicht werde, indem man in die Körper von Raumfahrern eine Art Schnittstelle einbaut und sie auf diese Weise mit Maschinen verbindet.
Implantate und Drogen steuern Körper
Durch implantierte künstliche Organe und Drogeninfusionen könnten, so Clynes, dann der Stoffwechsel und andere biologische Vorgänge wie Atmung, Nahrungsaufnahme, Körpertemperatur und Schlafbedürfnis bewusst beeinflusst und gezielt gesteuert werden.
Für diesen neuen Typus Mensch und seinen kybernetischen Organismus prägte Clynes auch gleich einen neuen Begriff: Der "Cyborg" war geboren.
Die neue Wortkreation erregte nicht nur Aufsehen in der Welt der Wissenschaft, die Mischung aus Mensch und Maschine inspirierte auch zahlreiche Philosophen, Schriftsteller, Filmemacher und Spieleentwickler.
Im technischen Sinne kommen etwa Menschen mit Herzschrittmachern dem Begriff des "Cyborg" schon recht nahe.
Von Wien ans MIT
So außergewöhnlich wie dieser visionäre Vorschlag ist auch der Lebensweg des heute 81-jährigen Manfred Clynes. In Wien geboren, ging er 1938 zunächst nach Australien, wo er ein erfolgreicher Konzertpianist wurde.
Über die Musikwissenschaft begann sich Clynes in den 1950er Jahren in Princeton eingehend mit Neurophysiologie und Biokybernetik zu beschäftigen.
In der Folge forschte und lehrte er auch in Harvard und am Massachusetts Institute of Technology [MIT]. Im Zuge von Messungen der Pupillengröße bei Lichtwechsel entdeckte Clynes das biologische Gesetz von der Wahrnehmungsempfindlichkeit für relative Veränderungen und er konstruierte einen "Computer of Average Transients" (CAT) zur Aufzeichnung elektrischer Impulse. Es war einer der ersten tragbaren Computer der Welt.
Von Mäusen, Menschen und Cyborgs
Ein Artikel von Manfred Clynes in der NASA-Zeitschrift war mit Fotos illustriert, die eine Maus zeigten, der eine osmotische Pumpe - wie sie Clynes auch bei Raumfahrern vorschwebte - bereits subkutan in ihrer Rückenhaut implantiert worden war. In der Bildunterschrift wurde die Maus als "einer der ersten Cyborgs" bezeichnet.
Im Laufe der Jahre und Jahrzehnte gelangte Clynes allerdings zu der Ansicht, dass es schon lange vor dieser Maus Cyborgs gab.
Wir alle sind Cyborgs
Clynes führt in diesem Zusammenhang aus: "Bereits jemand, der Brillen trägt, ist eine Art primitiver Cyborg. Ein Radfahrer ist schon ein etwas komplexerer Cyborg. Weil man beim Radfahren unbewusst die Bewegung des Fahrrads kontrollieren muss. Und wenn man das einmal gelernt hat, verlernt man es auch nicht wieder - selbst wenn man jahrelang nicht mit dem Rad gefahren ist. Man oder vielmehr: der Körper vergißt es nicht mehr. Und doch ist das Fahrrad eine menschliche Erfindung. Wir haben also eine harmonische Verbindung von menschlicher Erfindung und Körperfunktion. Und das ist im Kern auch die Idee eines Cyborgs."
Cyborg vs. Terminator
Von der ursprünglichen Idee hat sich der Begriff "Cyborg" unter dem Einfluss von Filmen wie "Terminator" im Verständnis der Öffentlichkeit allerdings weit entfernt. Manfred Clynes ist unglücklich darüber, dass der Cyborg in Popkultur und Umgangssprache mittlerweile eine ganz andere und bedrohliche Bedeutung angenommen hat.
"Cyborg ist nichts Böses"
Clynes: "Ich halte das für einen Missbrauch, einen schwerwiegenden Missbrauch des Begriffs und Konzepts Cyborg. Ein Cyborg ist nichts Unmenschliches oder gar Böses. Es ist etwas Segensreiches, weil es die Kapazitäten des Menschen erweitert, wie etwa wenn jemand eine Brille aufsetzt, um besser sehen und lesen zu können. Auch ein Buch, das es Tausenden Menschen ermöglicht, meine Gedanken zu lesen, hat schon etwas Cyborghaftes und nichts mehr mit biologischen Körperfunktionen zu tun."
(matrix | Richard Brem)
